Zeitung Heute : Der unbewegte Mann

Aufstehen verboten: ein Berliner Experiment für den bemannten Flug zum Mars

Stefan Jacobs

Gleich wird Ulf Gast explodieren. Die Anstrengung färbt sein Gesicht dunkelrot, lässt Augen und Adern hervortreten und bläht die Wangen zu Luftballons. Sein Schnaufen übertönt das Rattern der Maschine, gegen die er kämpft, bei weitem. Das tobende Gerät steht am Fußende seines Bettes, heißt „Galileo Space“ und sieht aus wie die Edelstahl-Version eines dieser Gehwägelchen, die gebrechliche Leute vor sich herschieben. Aber zwischen den Rohren hängt statt eines Körbchens eine vibrierende Platte, die Gast von den Fußsohlen ausgehend bis in die Haarspitzen durchschüttelt. Und Ulf Gast, 32 Jahre alt und seit bald zwei Monaten nicht mehr aus dem Krankenbett aufgestanden, ist kerngesund. Er stöhnt wie ein Weltmeister im Gewichtheben, aber sein Bettnachbar Thorsten Weber schaut nicht einmal mehr zu ihm herüber. Er kennt die Geräusche und die Qualen zur Genüge. Außerdem kommt er gleich selbst an die Reihe: vier Minuten erbitterter Kampf gegen das Rüttelmonster, dann Bewegungsverbot für den Rest des Tages. Für 5000 Euro Honorar, im Dienste der Wissenschaft.

Auch Thorsten Weber, 30 Jahre alt, ist kerngesund. Seit sieben Wochen teilen sich die beiden Männer dieses kameraüberwachte 20-Quadratmeter-Doppelzimmer im siebten Stock des Universitätsklinikums Benjamin Franklin in Berlin-Steglitz. Seit sieben Wochen haben sie ihre Freundinnen nicht mehr gesehen, keine Minute allein verbracht, waren weder selbstständig duschen noch auf der Toilette. Freiwillig. Ende dieser Woche dürfen sie ihre Betten verlassen und vorsichtigen Schrittes ins Leben zurückkehren. Bis dahin bleibt ihnen nur der Blick aus dem Fenster, unerreichbare zwei Meter von ihnen entfernt. Ein Pfleger hat es angekippt, der Wind spielt mit den blauen Vorhängen. Die Bäume draußen im Park zeigen grüne Knospen. Die ersten warmen Tage haben die Sache für Ulf Gast und Thorsten Weber nicht gerade leichter gemacht und ihren Durchhaltewillen schon ein bisschen gefährdet. Und damit auch den ersten Flug eines Erdlings zum Mars.

Der Mars ist – je nachdem, wie die Sterne stehen – mindestens 56 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, die Anreise dauert fast ein Jahr. Ohne ausgeklügeltes Fitnesstraining würde ein Astronaut nach so langer Reise durch die Schwerelosigkeit sich gleich beim Aussteigen die Beine brechen. Ein kleiner Fehltritt für ihn, aber ein schwerer Rückschlag für die raumfahrende Menschheit. Also erforschen Mediziner aus ganz Europa, wie sich Knochen und Muskeln bei Nichtgebrauch zurückbilden und wie man sie erhalten kann. Deshalb liegen die Männer im Bett.

Die Wissenschaftler haben freundliche Worte zur Beschreibung dieses Experimentes gefunden, das nebenbei zeigen wird, ob sich ein Mensch binnen zwei Monaten in den Wahnsinn treiben lässt: „Simulierte Schwerelosigkeit“ nennen sie das strikte Verbot, den Oberkörper aufzurichten oder gar aufzustehen. „Terrestrische Astronauten“ heißen die Probanden, die niemals in ihrem Leben einen Fuß auf den Mars setzen werden. Ulf Gast nicht, Thorsten Weber nicht und ihre beiden Leidensgefährten im Nachbarzimmer ebenso wenig.

Das Los erkor Gast und Weber zur Trainingsgruppe: Zweimal täglich dürfen sie vier Minuten lang gegen die Rüttelmaschine kämpfen, die ihnen die Wissenschaftler ans Bett schieben. Die anderen beiden Probanden trainieren gar nicht und müssen hinterher wohl mit noch größerem Aufwand wieder auf die Beine gebracht werden. Nach aktuellem Stand der Messergebnisse sind alle vier wohlauf.

Plötzlich hört die Maschine auf zu toben, Ulf Gast fällt keuchend zurück ins Kopfkissen. Draußen zwitschern die Vögel. Schweißtropfen rollen unter Gasts Basecap hervor. Er nimmt es ab und wirft es auf den Nachtschrank. Viel Platz ist hier nicht; persönliche Entfaltung nur an Laptop und Telefon möglich. Besuch bleibt verboten, weil die Probanden zwischen den Untersuchungen wenigstens ein paar ruhige Minuten am Tag haben sollen. Und weil eine Frau mitsamt „Papa, komm nach Hause!“ quengelndem Sohn an der Bettkante das Experiment noch stärker gefährden dürfte als Vogelgezwitscher und frisches Laub vor dem Fenster.

Die Krankenhausblässe ist in Ulf Gasts Gesicht zurückgekehrt, sein Atem wird ruhiger. „Das Schlimmste war, nicht aufs Klo gehen zu dürfen, obwohl man es eigentlich könnte“, sagt er. Aber nicht zum Verrücktwerden für einen wie Gast. Offensichtlich haben die endlosen Psycho-Fragebögen, mit denen die Wissenschaftler sich zu den Besten der über 700 Bewerber vorgearbeitet haben, funktioniert.

Die Rüttelmaschine beginnt nun, sich mit Thorsten Weber zu duellieren, während ein Computer noch an den Daten von Ulf Gasts Kampf rechnet. An den meisten Tagen ziehen über 100 Fachleute an ihren Betten vorbei, bepflastern sie mit Elektroden, messen ihre Knochendichte und stellen ihnen Knobelaufgaben. Zwischendurch kommen die Pfleger und heben sie ins hellblaue Gummi-Duschbett. „Ich wollte ein paar Bücher lesen und Spanisch lernen, aber man kommt zu gar nichts“, ruft Gast in den Lärm. Sein Tag ist von morgens um acht bis abends nach sechs fast lückenlos verplant: Kaum hat der eine Mediziner seinen Laptop zugeklappt, steht der nächste samt Messgeräten vor der Tür. Außerdem dauern Duschen und Zähneputzen im Liegen länger als gewohnt, auch das Essen löffelt sich im Bett eher mühsam.

Mit einem Hämmern an der Tür kündigt sich Daniel an, ein Physiotherapeut. Daniel ist Australier und wirkt wie ein Zivi aus der Schwarzwaldklinik. Gast äfft sein zahnlos klingendes Deutsch nach, Daniel rächt sich mit einem hart geworfenen Kaubonbon. Gast ist zu langsam, der Bonbon fällt außer Reichweite auf den Boden. Pech gehabt, beide lachen. Dann wirft Daniel noch einen Bonbon; sanfter diesmal. Süßigkeiten sind erlaubt, sofern sie im Essprotokoll vermerkt werden.

Vor einigen Tagen haben Angehörige versucht, ein Stück Kuchen auf die Station zu schmuggeln. Es konnte rechtzeitig abgefangen werden, aber Dieter Felsenberg erkannte den Ernst der Lage: Der Medizinprofessor und wissenschaftliche Leiter der Studie bereicherte den von Wissenschaftlern komponierten Speiseplan um die Option einer sonntäglichen Pizza- oder Döner-Bestellung und bringt seinen Probanden nun einmal pro Woche ein knuspriges Hähnchen mit. Seine terrestrischen Astronauten nennen ihn Dieter und kennen sein halbes Leben; sie verstehen sich ausgezeichnet. „Die Kandidaten sind exzellent. Noch besser als die bei der ähnlichen Studie vor einem Jahr in Toulouse“, sagt Felsenberg. Ulf Gast verzieht das Gesicht beim Gedanken an die Bedingungen des französischen Experiments: Die Kandidaten dort haben ein Vierteljahr leicht kopfabwärts gelegen. „Das würde ich nicht aushalten“, sagt Gast. Aber hier in Berlin übersteht er die restlichen Tage auch noch. „Man will ja was Großes leisten, was man seinen Enkeln erzählen kann.“ Neben ihm kämpft Thorsten Weber gegen die Maschine. Draußen scheint die Frühlingssonne.

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