Zeitung Heute : Der unerkannte Sieger

Der Tagesspiegel

Von Eberhard Löblich,

Antje Sirleschtov

und Armin Lehmann

Der Mann ist ein großer Sieger, er müsste strahlen, er müsste jubeln, ein großes Fest ausrufen vielleicht. Mit Wolfgang Böhmer aber gibt es kein Fest, nur nicht ausgelassen sein, das passt einfach nicht zu ihm, dem Spitzenkandidaten der CDU. Aber es passt ja auch nicht zur Situation von Sachsen-Anhalt, den Schlusslichtern, wie sich die Bewohner selbst sehen. Und deshalb passt der Böhmer wiederum ganz gut. Einer, der keine großen Worte macht, sondern versucht, an der Sache zu arbeiten. Einer, der alles hat, was im Osten ankommt: Autorität, Ruhe, Kompetenz, Seriosität. Und als wolle er beweisen, dass das auch stimmt, tritt Böhmer nach dem Triumph vor seine Parteifreunde und sagt nur ruhig: „Ich freue mich, auch wenn es schwer ist, das zu zeigen.“

Dann erklärt er die Gründe für den Erfolg, trocken, punktgenau: „Wir haben Vorschläge gemacht, haben Zustimmung erfahren und werden die Aufgaben nun mit Demut und Respekt übernehmen.“ Und schließlich lässt er erkennen, dass er auch Humor hat – der sogar sehr bissig sein kann. Auf die Frage nach den politischen Gemeinsamkeiten mit der FDP sagt Böhmer: „Da gibt es keine erkennbaren Differenzen bis auf die Tatsache, dass Frau Pieper Ministerpräsidentin werden wollte. Und das geht ja wohl nun nicht mehr.“

Der neue Hoffnungsträger

Wer hätte das noch vor einigen Wochen gedacht, für möglich gehalten: dass Böhmer, der so spröde, so unscheinbar wirkt, Humor hat und fähig ist zur Selbstironie. Auch das hat er gestern gezeigt, als er noch vor dem großen Sieg bemerkte: „Es wird ein knappes Ergebnis, ich weiß nur nicht genau für wen.“ Wer also hätte gedacht, wer vor allem von der Union, dass Böhmer sich entwickeln kann, dass er ein Hoffnungsträger geworden ist nicht nur für die CDU in Sachsen-Anhalt, sondern bundesweit. Die öffentliche Wahrnehmung war doch so: Böhmer hat keine Idee, kein Profil. Trotzdem hat er, der eigentlich gar nicht Spitzenkandidat sein wollte, sich dafür entschieden, auch mangels Alternative. Und siehe da, es ist ein Erfolg geworden! Die öffentliche Wahrnehmung hat sich zu seinen Gunsten geändert. Das hat auch etwas mit der Schwäche der Regierung zu tun, mit der Schwäche von Höppner, der nicht mehr zukunftsfähig schien. Im Laufe der Kampagne hat Böhmer sich Respekt erworben, hat an Statur gewonnen, der kleine Mann.

Sogar im CDU-Präsidium haben sie sich ein bisschen gewundert und dann gefreut. Dem Stoiber, dem Unions-Kanzlerkandidaten, hat er klipp und klar gesagt: In Sachsen-Anhalt wird es keinen Zuwanderungswahlkampf geben. Das habe keine Chance. Basta. Da haben sie Respekt bekommen, die großen Strategen in der Union. Und auch Edmund Stoiber hat jetzt vom Böhmer, den er unter normalen Umständen bestenfalls zum Staatssekretär in einer bayrischen Regierung gemacht hätte, vielleicht sogar zum Minister, eine hohe Meinung. Er zählt auf ihn. Und das könnte sich schon gelohnt haben.

Frischer als der Regierungschef

So ist er also auch: Er hat klare Auffassungen von Themen, er ist aufgeräumt, er hat eine bestimmte Form von Bestimmtheit. Und die kann der CDU noch sehr nützlich sein, dann, wenn er jetzt Ministerpräsident wird und auch im Bundesrat mitzureden hat, mit neuer Unionsmehrheit. Reinhard Höppner, dem scheidenden SPD-Ministerpräsidenten, ist er nicht unähnlich. Er teilt mit ihm die politische Analyse über die Situation ihres Bundeslandes, aber er ist vielleicht noch unverbrauchter als Höppner. Frischer, trotz der leisen Töne, die er ja pflegt. Als der 66-Jährige im Herbst 1998 an die Spitze des CDU-Landesverbandes rückte, lag die Union am Boden. Ganze 22 Prozent der Wählerstimmen hatte sie bei der Landtagswahl 98 auf sich vereinigen können, nur wenig mehr als die PDS (19,6 Prozent). Auch die Bundestagswahl im selben Jahr wurde für die Landesunion zum Fiasko. Nur zwei Jahre lang, so hatte Böhmer seinerzeit verkündet, wolle er den CDU-Landesverband durch schwieriges Fahrwasser führen, ihn konsolidieren und quasi nebenher noch einen Nachfolger für den Landesvorsitz aufbauen, der die Partei als Spitzenkandidat auch in die Landtagswahl 2002 führen könne.

Als sich im Landesverband kein geeigneter Kandidat für das Spitzenamt fand, ließ Böhmer sogar bei externen Polit-Promis wie Lothar Späth anfragen. Als auch die abwinkten, ließ sich Böhmer selbst in die Pflicht nehmen und fand letztlich sogar Gefallen an der Macht. Er führte in den vergangenen vier Jahren den in sich tief zerstrittenen CDU-Landesverband erst aus dem Quotentief heraus und schließlich meilenweit an der SPD vorbei. Und er eröffnet seiner Partei nun ihre Lieblingskoalition auch für den Bund. Schwarz-Gelb als Signal für Berlin.

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