Zeitung Heute : Der unscheinbare Dritte

Super-Dienstag, Clinton gegen Obama, es soll der Showdown bei den Demokraten werden. So scheint es noch am Morgen. Am Abend geht es hin und her – doch die Entscheidung bleibt aus. Der eigentliche Gewinner ist ein Republikaner: John McCain. Genau das könnte sein Problem werden.

Christoph Marschall[Washington]

Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Gar nichts ist vorbei und sehr wenig klar am Morgen nach dem Super-Wahltag, der einem Tsunami gleich durch die USA fegen und die Lage klären sollte. In ganz Nordamerika sind die Wahlhelfer immer noch wach. Sie zählen und zählen mit müden Augen, um herauszufinden, wer denn nun gewonnen hat. Vielerorts weicht das Endergebnis stark von den ersten Hochrechnungen ab. Irgendwann kurz vor oder nach Mitternacht sind die meisten Amerikaner das Warten leid und gehen ins Bett. So eng verläuft das Rennen 2008.

Als sie am Mittwochmorgen aufstehen, sieben Stunden nach Schließung der Wahllokale in Kalifornien, sind dort erst 88 Prozent der Stimmen ausgezählt. Nach Bevölkerungszahl ist es der mit Abstand größte Bundesstaat, 36,5 Millionen Menschen. Kalifornien ist „the big prize“, die fetteste Beute an diesem Super-Dienstag, potenziell wahlentscheidend. Der Staat liegt ganz im Westen am Pazifik, drei Zeitzonen hinter der Ostküste, neun Stunden hinter Deutschland. Nach dem schrillen Auf und Ab widersprüchlicher Vorhersagen, irrtümlicher und rasch überholter Hochrechnungen ist die wichtigste Lehre: bloß keine voreiligen Bewertungen!

Bei den Demokraten hatte hier bis vor wenigen Tagen Hillary Clinton mit großem Abstand geführt. In den letzten Stunden vor Öffnung der Wahllokale wollten die Meinungsforscher plötzlich einen kleinen Vorsprung für Barack Obama gemessen haben. Die ersten Prognosen der Nacht sehen Clinton mit 20 Prozentpunkten vorn. Am Mittwochmorgen sind sie zu zehn Prozent Abstand geschrumpft.

„Wir sind keine Hellseher, sondern Fotografen, die die Stimmungslage eines kurzen Moments aufnehmen“, hat John Zogby, einer der großen US-Demoskopen, bei einer Wahlparty am Vorabend gewarnt. Zu viele Variablen. Der kleine Mann mit der olivenen Haut seiner libanesischen Vorfahren und dem ergrauten Kraushaar sagt: „Wer annimmt, dass die Latinos 27 Prozent der Wähler in Kalifornien stellen und drei zu eins für Clinton stimmen, wie USA Today, sieht sie weit vorn. Ich habe 19 Prozent Latinoanteil projiziert, und dass sie zu zwei Dritteln für Hillary stimmen.“ Am Ende liegen die Zahlen dazwischen. Die Unterstützung durch die Kennedys und durch Kaliforniens First Lady Maria Shriver hat Obama wenig gebracht. Clinton gewinnt den Kennedy-Staat Massachusetts und Kalifornien. Bei den Delegierten hat sie dennoch nur leicht die Nase vorn.

Auch in manchen kleineren Staaten mit weniger Zeitdifferenz zur Ostküste laufen erst am Morgen danach belastbare Resultate ein. Es gibt Überraschungen. New Mexiko, das einen noch höheren Latinoanteil als Kalifornien hat, fällt am Ende mit 49 zu 48 Prozent an Barack Obama. Auch in Missouri im Mittleren Westen, das nach aller Erfahrung die Stimmung im Land zuverlässig abbildet, siegt Obama mit 49 zu 48 Prozent. Nur wenige tausend Stimmen geben den Ausschlag. Wichtiger noch: Missouri wird bei der Hauptwahl Anfang November einer der hart umkämpften „Battleground States“ sein, die darüber entscheiden, ob ein Demokrat oder ein Republikaner George W. Bushs Nachfolger wird.

Bis dahin sind es noch neun Monate. Jetzt geht es erst mal darum, wer im Kampf um die Nominierung triumphiert.

Die Clinton-Anhänger haben sich zu einer großen Wahlparty in New York versammelt, die Obama-Fans in Chicago. Die Zwischenergebnisse, die nach und nach aus 22 Staaten mit demokratischen Vorwahlen einlaufen, geben beiden Lagern immer wieder Grund zum Jubel. Hillary liegt in den großen Staaten mit Symbolwert vorne. Mindestens einen davon müsse Obama holen, hat es zuvor geheißen. Er verliert aber New York, New Jersey und Kalifornien. Dennoch ist er nicht abgeschlagen, ihn rettet die Vielzahl seiner Siege in kleineren Staaten. Auf ein Gesamtresultat, dass sie oder ihn zum Gesamtsieger macht, warten die Fans auf beiden Wahlpartys die lange Nacht über vergeblich.

Bei den Republikanern gibt es früh einen klaren Gewinner. John McCain, der 71 Jahre alte Vietnamheld mit dem weißen Haar und der ungesund geröteten Gesichtshaut, wird seiner Favoritenrolle gerecht. Sein Vorsprung in vielen der 21 Staaten, in denen die Republikaner an diesem Super-Dienstag Vorwahlen abhalten, ist so klar, dass die Sender MSNBC und CNN sowie der Republikanerkanal Fox sich auf seinen Sieg festlegen, obwohl erst zehn oder 20 Prozent der Stimmen ausgezählt sind. Er gewinnt seinen Heimatstaat Arizona im Südwesten, New York, New Jersey, Delaware und Connecticut im Nordosten, den Industriestaat Illinois im Norden.

Um 23 Uhr 40 Ostküstenzeit tritt John McCain vor seine Anhänger. „Die engste Vorwahl“ seit langem erlebe Amerika, sagt er, um seinen erwarteten Sieg aufzuwerten. „Aber wir haben große und wichtige Staaten gewonnen.“ Er dankt Cindy, seiner um 17 Jahre jüngeren Frau, Tochter eines Getränkegroßhändlers mit etwas zu blondem Haar. Er dankt seinen Kindern aus erster und zweiter Ehe. Und „meiner Mutter Roberta, ohne die dies alles nicht möglich wäre. Meine Mutter ist heute Abend hier bei uns, obwohl sie übermorgen 96 Jahre wird.“

Immer wieder hat McCain auf die greise Roberta verwiesen. Ihre Fitness, ihre für ihr Alter erstaunliche Vitalität und ihr Genpool sollen ihn vor dem gefährlichsten Zweifel schützen: dass er zu alt sei. Wenn er tatsächlich gewinnt, wäre er der älteste Präsident bei Amtsantritt: 72 Jahre und fünf Monate am 20. Januar 2009, dem Tag der Vereidigung. John McCain hat Gesundheitsprobleme, und man sieht sie ihm an. Er leidet unter den Spätfolgen von mehr als fünf Jahren nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft. Sie haben ihn gefoltert, sie haben ihm Knochen gebrochen. Seither kann er seine beiden Arme nicht mehr über den Kopf heben. Später bekam er Hautkrebs.

An diesem Abend aber ist McCain gelöst und leutselig. „Spät habe ich meine Heimat gefunden, hier in Arizona, lange nach meinem 40. Geburtstag. Nun rückt der Tag näher, an dem Mütter aus Arizona sagen können: Die Söhne dieses Staates haben das Zeug, Präsident zu werden.“ Ganz präsidial gratuliert er seinen Konkurrenten aus dem rechtskonservativen Lager zu deren Siegen. Mike Huckabee, der Gitarre spielende Baptistenprediger, hat seinen Heimatstaat Arkansas gewonnen und weitere Südstaaten: Alabama, Georgia, Tennessee. Mitt Romney, der Mormone und erfolgreiche Geschäftsmann, liegt in seinem Geburtsstaat Utah vorn, in Massachusetts, wo er Gouverneur war, in Minnesota, North Dakota und Montana. Kalifornien dagegen, das Romney dringend gebraucht hätte, um aussichtsreich im Rennen zu bleiben und wo er in den jüngsten Tagen mehrere Millionen aus seinem Privatvermögen in Werbung gesteckt hatte, fällt im Laufe der Nacht überraschend klar an John McCain.

Doch sein Sieg ist nicht so strahlend, wie es auf den ersten Blick scheint. Nur in drei Staaten hat er die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten. In den übrigen Staaten, in denen er siegte, liegt er, der moderate Konservative, nur vorn, weil sich die rechten Wähler auf Huckabee und Romney verteilen. Huckabee war abgeschrieben, er ist wieder da. Seine Erfolge haben Romney geschadet und McCain an diesem Tag den Sieg beschert. Doch was werden die Rechten, die McCain jetzt nicht wählen wollten, am Hauptwahltag im November tun: Zähneknirschend für ihn stimmen oder aus Abneigung gegen seine liberalen Ansichten zu Hause bleiben und damit den Weg für Clinton oder Obama ebnen?

Vorerst haben die Republikaner einen Vorteil. Bei ihnen hat sich die Lage geklärt. Die Partei kann sich hinter einem Sieger versammeln, Wunden heilen, Einigkeit demonstrieren und Zuversicht gewinnen. Bei den Demokraten geht die Auseinandersetzung weiter. Clinton und Obama haben in etwa gleich große Chancen auf die Kandidatur, aber dieser Kampf kann sich lange hinziehen – womöglich bis in den Nominierungsparteitag Ende August in Denver. Das hat es seit 40 Jahren nicht gegeben.

Ihr langer Wettbewerb wird die Spaltungen in der Partei vertiefen und die Erfolgschancen schmälern. Die USA, das zeigt dieser Super-Dienstag, stehen an einer demographischen Zeitenwende, die demokratische Wählerschaft verbindet zwei gegensätzliche Konzepte mit dieser Wahl. Ältere Frauen wollen ihren lebenslangen Kampf um die Emanzipation mit der ersten Präsidentin gekrönt sehen. Jüngere Frauen erleben die USA schon heute als Land der Gleichberechtigung mit weiblichen Vorstandsvorsitzenden und einer Kongresspräsidentin. Sie möchten die Kämpfe ihrer Eltern hinter sich lassen. Für sie ist Obama der Kandidat einer neuen Ära, Clinton eine Frau der Vergangenheit.

Aus ganz anderen Gründen gehen Afroamerikaner 2008 in Massen zur Wahl und stimmen zu 80 Prozent für Obama: Der erste schwarze Präsident wäre Symbol der Überwindung der Rassengrenzen. Doch weiße Arbeiter und Latinos haben noch Rassenvorbehalte, sie stimmen für Clinton. Die Jugend, die weißen Männer, soweit sie nicht Arbeiter sind, die Höhergebildeten und Besserverdienenden, unterstützen Obama, weil sie sich an seiner Rhetorik, seinem Stil und der Symbolik seines Erfolgs berauschen.

Hillary Clinton tritt um 22 Uhr 50 in gelber Kostümjacke vor die Fans in New York, dankt, lacht, spricht 15 Minuten kompetent, aufmunternd und zeigt solides Fachwissen. Der Beifall kommt von Herzen, ist aber nicht überschwänglich.

Barack Obama wird kurz vor Mitternacht in Chicago wie ein Heilsbringer umjubelt. Er zündet ein rhetorisches Feuerwerk, malt über eine halbe Stunde lang aus, zu welchen Wundern Amerika fähig ist, wenn es sich auf seine Tugenden besinnt. Immer wieder unterbrechen ihn Sprechchöre: „Yes, we can!“

Die älteste Demokratie der Welt streift die Bush-Jahre ab, schöpft Kraft aus ihrer Erneuerungsfähigkeit. Sie beginnt, sich wieder selbst zu lieben und will von der Welt wieder geliebt werden.

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