Zeitung Heute : Der Untergang

Im Angesicht der Niederlage forderte das NS-Regime die kollektive Selbstopferung. Denn ein solcher Kampf würde ewig in Erinnerung bleiben und gerächt werden. Warum waren so viele Deutsche dazu bereit? / Von Michael Geyer

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„Die Phantasmen Hitlers griffen nicht mehr. Aber angesichts der allseitigen Verluste, des massenhaften Sterbens und Tötens und Mordens, war es doch ein ganz realer, tatsächlicher und unerbittlicher Kampf bis zum Ende, der einer physischen und moralischen Selbstzerstörung gleich kam.“

Heutzutage erscheint den meisten Deutschen und Amerikanern die Idee eines „Kampfes bis in den Tod“ abwegig und unbegreiflich. Das ist etwas für Kinohelden oder die weite Welt. Doch die Ereignisse vor nunmehr knapp sechzig Jahren, als das „Dritte Reich“ seinen Endkampf führte, belehren uns eines anderen.

Die höchsten deutschen Todeszahlen im Zweiten Weltkrieg waren zu verzeichnen, als der Sieg der Alliierten und die Niederlage der Deutschen nur noch eine Frage der Zeit waren. Den Kriegsstatistiken zufolge fielen zwischen dem 20. Juli 1944, dem Tag des Hitlerputsches, und dem 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation, mehr deutsche Soldaten als in den gesamten fünf Kriegsjahren zwischen 1939 und 1944. Die Zahlen der Zivilopfer sind weniger gesichert, aber sie reichten in dieser Zeit an die der Soldaten heran, wenn sie nicht sogar höher lagen.

Gleichzeitig trifft es nicht zu, dass die deutschen Soldaten und Zivilisten wie die sprichwörtlichen Opferlämmer auf die Schlachtbank gingen. Die Zahl der Toten bei den Alliierten – im Osten wie im Westen – erreichte ebenfalls schwindel erregende Höhen, wobei wiederum der Dezember 1944 und der Jahresanfang 1945 zu den blutigsten Monaten zählten. Ob an der Ost- oder Westfront oder an den Südfronten, man kommt nicht an der grundlegenden Tatsache vorbei, dass deutsche Truppen auch angesichts der Niederlage hartnäckig und damit bis zur Selbstzerstörung kämpften.

Gleichzeitig dezimierten die deutschen Sicherheitsdienste ihre ideologischen Feinde in einer Welle von Massenmorden. Die Gewalt gegen Zivilisten fand seine zerstörerische Ausformung im gemeinsamen Vorgehen von Wehrmacht und SS gegen Partisanen und in der systematischen Zerstörung von osteuropäischen und ostdeutschen Städten. Die Todesmärsche von KZ-Häftlingen sind die schrecklichsten Beispiele dieses Mordens. Selbst als die Todeslager geschlossen wurden, hielt das Töten und Sterben unvermindert an. Die Vernichtung der inneren – rassischen und weltanschaulichen – Gegner des „Dritten Reichs“ fand bis zur Kapitulation kein Ende.

Der Zweite Weltkrieg erreichte seinen tödlichen Zenit, als der Ausgang des Krieges, Sieg und Niederlage, feststanden. Vernichtung und Selbstzerstörung verflochten sich in dieser letzten Phase des Krieges untrennbar.

Führt man sich dieses Buch des Todes selbst nur in seinem abstrakten Zahlengerippe vor Augen, so liegt die Vermutung nicht fern, dass das alles so nur geschehen konnte, weil die Deutschen, Soldaten wie Zivilisten, durch den Nationalsozialismus ideologisch aufgeputscht waren und fanatisch bis zur Selbstzerstörung kämpften. Das widerspricht aber allem, was Historiker inzwischen über das Kriegsende zusammengetragen haben. Was aus der Mehrzahl zeitgenössischer Dokumente spricht, ist der verzweifelte Wunsch zu überleben.

Zweierlei ist jedoch zur Vorklärung wichtig. Erstens, wie groß der deutsche Überlebenswunsch auch immer war, es wurde bis in die letzten Wochen des Krieges hinein hartnäckig gekämpft. Die alliierten Soldaten haben sich schließlich nicht selbst umgebracht. Und es wurde selbst noch in den letzten Wochen gemordet. Daran führt kein Weg vorbei. Zweitens, die Zahl derjenigen Deutschen, die 1945 Selbstmord begingen und auch ihre Kinder mit in den Tod rissen, war bestürzend hoch. Und es war nicht so, dass sie dem Feind – also meistens den Russen – nicht in die Hände fallen wollten, obwohl es diese Fälle auch gab. Für diese Selbstmörder ging vielmehr mit der Niederlage ihre Welt zu Ende.

Wenn diese Grenzfälle beachtet werden, kann man sich dann fragen, wie es denn möglich war, dass Menschen, die eigentlich überleben wollten, bis zur Selbstzerstörung kämpften. Das war nicht die totale Selbstzerstörung, die Hitler für sie vorgesehen hatte. Die Phantasmen Hitlers griffen nicht mehr. Aber angesichts der allseitigen Verluste, des massenhaften Sterbens und Tötens und Mordens, war es doch ein ganz realer, tatsächlicher und unerbittlicher Kampf bis zum Ende, der einer physischen und moralischen Selbstzerstörung gleich kam.

Es gibt keine sensationelle Antwort auf die Frage nach der Motivation im Endkampf – keinen kollektiven Todeswunsch, keine schwarze Flagge, die über Deutschlands Ruinen gehisst wurde. Nur eben, dass der verzweifelte Wunsch zu überleben hart neben der Realität des Sterbens, Tötens und Mordens steht.

Die nationalsozialistische Führung und die militärischen Führungsspitzen gingen mit Vorbedacht in die letzte Kriegsphase. Sie wollten erreichen, dass die Deutschen bis zum Tode kämpften. Historiker sind sich uneinig, wann diese Führungseliten die Kriegswende gekommen sahen. Oktober 1942 kristallisiert sich aber immer mehr als der Zeitpunkt heraus, an dem unumstößlich klar wurde, dass das „Dritte Reich“ aus eigener Kraft den Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Jedenfalls begann in diesem Augenblick die Maschinerie des totalen Krieges ernsthaft zu greifen. Das war auch der Moment, vor Stalingrad, an dem das Propagandaministerium seine ersten groß angelegten Kampagnen startete, in dem es die Deutschen aufrief, ihre toten Helden nachzuahmen: „Deutschland muss leben, selbst wenn es sterben muss.“ Dieser unendlich variierbare, durch germanische Mythen angereicherte, mit biblischen Beispielen verzierte, durch sakrale Sprache überhöhte und im Opfergedanken und Märtyrertod vorgezeichnete Gedanke durchzog fortan die Propaganda. Man kann von einer Intensivierung des nationalsozialistischen Totenkultes sprechen, einer Kampagne, die Joseph Goebbels in Vorbereitung zum Volkstrauertag 1942 in Gang setzte.

Es war eine Kampagne, die selbst in der nationalsozialistischen Welt aufhorchen ließ. Denn sie wies, ganz kalkuliert, über den Tod hinaus in die Zukunft: Indem Deutschland im Kampf zerstört und ruiniert wurde, indem Deutsche bis in die Selbstzerstörung kämpften, sollte die Ohnmacht von Kriegswende und drohender Niederlage, wenn nicht in einen Sieg gewendet, so doch auf lange Sicht aufgehoben werden. Hitler verfolgte in seinem „Testament“ denselben Gedanken. Indem die Deutschen und Deutschland kämpfend untergingen, musste früher oder später die Rache folgen. Das mochte Hunderte von Jahren dauern, diktierte Hitler, aber kommen würde sie.

Kriegstod, Zerstörung und Vernichtung dienten der Mobilisierung nachkommender Generationen. Die Nazi-Elite versuchte ihre Nation in die Zerstörung zu treiben, damit zukünftige Generationen nicht anders konnten, als die Toten zu rächen.

Kollektiver Tod als Mahnzeichen für künftige Rache – das war die Idee, die Goebbels ab 1942 systematisch genau zu dem Zeitpunkt lancierte, an dem Hitler und seine militärischen Stäbe den Wendepunkt des Krieges gekommen sahen. Der Grundgedanke war einfach und giftig. Im Krieg unterzugehen, hieß in Erinnerung zu bleiben. In Erinnerung zu bleiben, bedeutete gerächt zu werden. Das war die Logik des Endkampfes. Selbstzerstörung war nicht das Ende, sondern der Auftakt einer Erinnerungspolitik. Das „Dritte Reich“ hatte den Krieg verloren, aber indem es auf die Katastrophe zusteuerte, erwartete die Nazi-Führung, die Zukunft für sich zu gewinnen.

Auch knapp 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hat diese Zukunft noch nicht begonnen. Aber die bange Frage bleibt, was passiert, wenn diese Erinnerung einsetzten sollte. Wie sollen wir mit der massenhaften Zerstörung – mit dem Sterben ebenso wie mit dem Töten und Morden – umgehen? Nun, der erste Schritt hin auf eine Antwort ist das kollektive Selbst-Bewusstsein, dass die zukünftige Erinnerung an die deutschen Toten an ihren Wurzeln vergiftet worden ist. Eine Politik der Erinnerung, welche dieser infamen Strategie der Selbstzerstörung nicht eingedenkt ist, bleibt naiv. Ein Totengedenken wird dieses gesammelte Unheil an- und aussprechen wollen, um der Toten gedenken zu können.

Warum aber haben die Deutschen gekämpft? Sicherlich nicht, um die Erinnerung durch ihre Selbstzerstörung zu vergiften. Die Nazi-Propaganda war jedoch in anderer Hinsicht erfolgreich. Sie hat den Deutschen eine tiefe Furcht vor der Rache des Feindes eingeflößt. Das zeigt sich ganz unabhängig von Persönlichkeit, Status oder Meinung. Im Grunde hat die Furcht vor Feindesrache erst „die Deutschen“ als eine unfreiwillige Gemeinschaft geschaffen: „Mitgehangen – mitgefangen“.

Schicksal und Erfahrung spielten dabei eine geringere Rolle als das Kalkül, eine Gemeinschaft, die von Furcht zusammengehalten wurde, zu schaffen. Zwar wurde öffentlich nie ausgesprochen, für wen oder was sich die Alliierten denn rächen sollten, aber intern wurde das wohl verstanden. Goebbels und Göring waren sich einig, wie das aus einer Tagebuchaufzeichnung Goebbels vom 2. März 1943 hervorging, dass ein Volk, das die Brücken hinter sich verbrannt hatte – und die jüdische Frage wurde hier ganz explizit angesprochen – sehr viel nachhaltiger kämpfen würde als eines, das eine Chance zum Rückzug hatte.

Der Genozid an den Juden trug also zur Endkampf-Bereitschaft bei, indem er eben jene unfreiwillige Gemeinschaft der Deutschen stiftete, welche Vergeltung fürchtete. Ebenso produzierte die genozide Kriegsführung in Russland Phantasien allfälliger Rache, die im Nachhinein kaum mehr zu scheiden sind von der tatsächlichen Brutalität russischer Kriegsführung.

Im Übrigen war die Realität einer rassistisch organisierten, von Zwangsarbeitern durchsetzten Gesellschaft unübersehbar – und gerade der kleine Mann und die kleine Frau, ob Soldat oder Zivilist, waren sich der Explosivität dieser Situation bewusst. Sie waren sich durchaus darüber im Klaren, dass es enorme Gewalt brauchte, diese Zwangs-Gesellschaft zusammenzuhalten. Wenn es zum Aufstand gegen den Krieg kommen würde – dann von Seiten der Unterdrückten.

Es ist eine alte Debatte unter Historikern, welche Rolle man der Ideologie in der Aufrechterhaltung der Bindung an das Nazi-Regime und der Erneuerung der Kampfmotivation zumessen soll. Das führt nicht weiter, solange nicht gesehen wird, wie wenig die nationalsozialistische Rhetorik, und wie sehr die Verpflichtung auf einen handlungs-orientierten Wertekatalog griff.

Typisch für die nationalsozialistische Rhetorik ist die Mobilisierungspropaganda des Regimes in der zweiten Kriegshälfte, die eine Rückkehr zu den alten Werten der Bewegung einforderte. Wie sehr auch immer diese Kampagne die alten Nazis ansprechen mochte, diese Propaganda erwies sich als Fehlschlag. Für die alte Garde mochte es eine Rückkehr zu ihren Wurzeln geben, doch das machte sie eher noch lächerlicher als sie ohnehin schon. Sie waren verbrauchte Kräfte, korrupt und inkompetent und feig obendrein, die sich eine germanische Phantasiewelt aus Blut und Gold zusammengezimmert hatten, welche die Bevölkerung mit Verdruss und tiefem Widerwillen betrachtete. Mit ihnen war kein Staat zu machen.

Ganz anders aber die Mobilmachung, die den rigorosen und totalen Einsatz von allen forderte. Diese Initiative wandte sich an die Jungen und Jüngsten und war ganz auf Leistung und Eigeninitiative von Mann und Frau getrimmt. Es ging darum, tägliche Katastrophen zu meistern, Qualitätsarbeit zu leisten und vor allem zusammenzuhalten – „auf Gedeih und Verderb“. Soldaten und Zivilisten wurden gleichermaßen Weltmeister der Katastrophenbewältigung. Der Krieg wurde in den letzten Jahren nicht von den alten Nazi-Säcken gemacht, sondern von ganz jungen, kampfbewährten Offizieren, von Vorarbeitern, die ganze Betriebe zusammenhielten, von Frauen, die den Alltag in den ausgebombten Städten mit einer geradezu furchtbaren Intensität aufrecht erhielten.

Das Regime funktionierte, weil so viele Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder sich ganz persönlich in die Pflicht genommen fühlten. Es hat nie an Zivilisten gefehlt, die nicht wachsende Verantwortung auf sich nahmen und rücksichtslos sich selbst und ihre Arbeiter antrieben – oft bis in den Tod. Es gab immer genug Soldaten und Offiziere, die unermüdlich und immer wieder kleine Einheiten ebenso wie große Formationen neu zusammenzogen und in den Kampf warfen – und damit mit immer größerer Wahrscheinlichkeit in den Tod. Und dann gab es inmitten dieser chaotischen Betriebigkeit eine atemberaubend große Zahl von Sicherheitstruppen, die aus Angst, Groll, Hass oder aus demselben Verantwortungsgefühl, das andere an die Front brachte, zehntausende Menschen in den Tod trieben, verhungern ließen oder abschossen.

Die Wahrheit in der Debatte über die nationalsozialistischen Ideologie liegt also nicht irgendwo in der Mitte. Sie findet sich in der Tyrannei junger Tugenden, welche die unfreiwillige Gemeinschaft der Deutschen in die Katastrophe der letzten Kriegsjahre trieb. Die ungeheuere Anstrengung der letzten Kriegsjahre war möglich, weil sich jeder Einzelne, ob er nun wollte oder nicht, in seinem Selbstwert angesprochen fühlte.

Bei alldem darf man freilich den Staatsterror nicht unterschätzen. Das schiere Ausmaß dieses Terrors kann gar nicht überbewertet werden. Verurteilungen wegen Wehrkraftzersetzung schnellten dramatisch in die Höhe. Die Zahl derjenigen, die als politische Gegner, Drückeberger oder Deserteure umgebracht wurden, ist erschreckend hoch – kaum begreifbar, weil im Nachhinein niemand etwas von diesen Leuten und ihren Familien gewusst haben wollte. Besonders im letzten Kriegsjahr herrschte die akute und ganz reale Angst, umgebracht zu werden – nicht vom Feind, sondern von den vielen Todesschwadronen (denn das ist es, was die fliegenden Feldgerichte effektiv waren), die durch das Land zogen.

Doch auch hier kommt das eine zum anderen. So allgemein-gegenwärtig der Terror war, der Kriegs-Einsatz funktionierte, weil „das Regime“ immer wieder geflickt wurde. Die Elastizität von Basis-Organisationen – im Alltag, in der Fabrik, im Militär – wurde selbst zur Antriebskraft, welche die Menschen immer wieder in den Krieg zurück drückte. Wo sollte man in den ausgebombten Städten essen, wenn nicht in Werkskantinen und Suppenküchen? Ein aufwändiges System frei geräumter Straßen zu den Fabriken und von Notunterkünften band Männer und Frauen an ihre Arbeitsstätten. Hinter der Front fingen Abriegelungskordons diejenigen auf, die zurückfluteten, um sie an die Front zurückzuwerfen. Die berühmte Elastizität der deutschen Armee, die auf die Austauschbarkeit aller Funktionen gedrillt war, machte in diesen Situationen selbst Köche, Fahrer und Sanitäter zu kämpfenden Einheiten. Das nationalsozialistische Regime konnte so lange Krieg führen, weil die kleinen Organisationen immer wieder zusammenwuchsen – oder genauer genommen, weil es genug Menschen gab, die sie immer wieder zusammenfügten.

Man kann hier zu Recht fragen: Was sollten die Menschen anderes tun? Aber genau in dieser Frage liegt das eigentliche Geheimnis des Zwanges. Ohne den direkten, physischen Terror auch nur im Geringsten unterschätzen zu wollen, das Regime funktionierte bis in die letzten Tage des Krieges, weil so viele Leute keinen anderen Ausweg sahen – außer eben immer wieder weiterzumachen. Und das hieß aushalten, kämpfen und vernichten. Diese ebenso reale wie eingebildete, ebenso oktroyierte wie selbstgeschaffene, ebenso von äußerer Gewalt wie von innerem Terror unterlegte Auswegslosigkeit – diese „no-exit“-Situation war die Selbstzerstörungsfalle des „Dritten Reiches“.

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