Zeitung Heute : „Der Unterricht wird sich radikal ändern“

Bildungsforscher Rost über die Auswirkung der neuen Ziele

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JÜRGEN ROST (51)

ist Bildungsforscher und Professor für Psychologie am Leibniz-Institut für die

Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel.

Foto: privat

Ab 2004 sollen in Deutschland einheitliche Bildungsstandards gelten. Was ändert sich dann im konkreten Unterricht?

Die Vorbereitung des Unterrichts wird sich radikal ändern. Lehrer können künftig nicht mehr einfach nach Lehrplan und Schulbuch vorgehen, sondern müssen selbst aktiv werden und zielorientiert denken: Wie gestalte ich meinen Unterricht, damit meine Schüler die in den Bildungsstandards vorgegebenen Ziele erreichen?

Werden die alten Lehrpläne dadurch überflüssig?

Sie werden an Bedeutung verlieren. Es geht nicht mehr so sehr um abfragbares Faktenwissen. Die Schüler sollen nicht lernen, um eine Klassenarbeit zu bestehen, sondern um lebenspraktisch begründete Kompetenzen zu erwerben.

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir – das sagten schon die alten Römer. Sind die Bildungsstandards nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Die große Revolution liegt nicht so sehr darin, dass die Testaufgaben lebenspraktischer formuliert sind als in traditionellen Klassenarbeiten. Sie liegt im neuen Selbstverständnis des Lehrers, der sich eben nicht mehr als Vermittler zwischen Lehrplan und Schüler begreifen soll. Natürlich wird es weiter Klassenarbeiten geben – aber der Lehrer sollte sie als diagnostisches Werkzeug sehen, um zu erkennen, wo Defizite liegen und wie er in seinem Unterricht fortfahren sollte. Im Übrigen kann man Kompetenzen auch anders abfragen als in Klassenarbeiten: im naturwissenschaftlichen Unterricht etwa durch Experimente oder durch Projektarbeit.

Auf den einzelnen Lehrern lastet also künftig eine weitaus größere Verantwortung. Können sie leisten, was von ihnen erwartet wird?

Eine solche Autonomie sind sie nicht gewöhnt, und das macht vielen Lehrern auch – zum Teil berechtigterweise – Angst. Sie müssen sich künftig stärker mit ihren Kollegen austauschen. Und auf jeden Fall müssen sie unterstützt werden – durch Fortbildungsmaßnahmen, neue Materialien und durch Unterrichtsbeispiele, auch aus anderen Ländern, die sie sich per Video ansehen können. Es wird Jahre dauern, bis das in den Klassenräumen angekommen ist. Und das alles kostet Geld.

Und wenn, was zu erwarten ist, dieses Geld nicht vorhanden ist?

Dann besteht die Gefahr, dass die gute Idee der Bildungsstandards nicht umgesetzt wird und alles beim Alten bleibt.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

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