Zeitung Heute : Der Unvollendete

Eine glänzende Karriere – und dann der Schlag: Um nur zwei Stimmen verpasst er die Kanzlerschaft. Zum Tod von Rainer Barzel das Protokoll einer letzten Begegnung /Von Michael Jürgs

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Es wird ein schwieriges Gespräch. Das weiß ich bereits, als ich die Treppen in den vierten Stock hinaufsteige. Ein paar seiner Bücher gelesen zu haben auf der Suche nach Brüchen in seiner Biografie, an denen sich nachzubohren lohnen könnte, war nicht hilfreich. Rainer Barzel wägte und wog immer schon jedes Wort, bevor er es auf die Schale legte, und genauso schreibt er auch. Sorgsam abwägend, politisch ausgewogen. Bloß nicht zu viel preisgeben von den möglicherweise wahren Gefühlen.

Sein „Tag danach“ – denn danach suche ich hier heute für mein Buch, nach dem Umgang mit den einschneidenden Ereignissen im Leben – hatte er mir am Telefon gesagt, sei eigentlich der Tag gewesen, an dem er erfuhr, dass er schwer erkrankt war, dass er Krebs hatte. Im Münchner Klinikum rechts der Isar habe er gelegen bei dieser Untersuchung, doch darüber wolle er nicht reden, das sei ihm zu privat.

Der Mann, der mir die Tür öffnet, zeigt ein altersgütiges Gesicht, umrahmt von einem grauen Bart. Das allzu Glatte, das einst zum Image Barzels gehörte, hat Risse bekommen. Die Spuren stehen ihm gut. Der Politiker, den wie keinen sonst zu verhöhnen wir liebten, ist gezeichnet von der Krankheit, die er bekämpft und die ihn nicht besiegt hat. Er trägt schwer an ihr, das sieht man, aber wie er sie erträgt, lässt sich nur ahnen. Darüber spricht Rainer Barzel in zwei, drei kurzen Sätzen. Mehr gestattet er sich nicht. Es gehe aufwärts. Das Schlimmste sei überwunden. Außerdem habe er sein Leben in Gottes Hand gelegt und sich dem anvertraut, und der wisse, was er tut, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Wer denn sonst.

Rainer Candidus Barzel war stets ein zutiefst gläubiger Mensch und ist es geblieben, obwohl ihm Gott nahm, was er am meisten liebte. Er hat sich in die Erkenntnis gefügt, dass Gott nicht nur gütig ist, den Menschen das Glück seiner himmlischen Gnade gewährt oder die Gnade von irdischem Glück, dass dieser lieb genannte Gott auch grausam sein kann.

Sagte er grausam?

Ja, er sagte grausam. „Was er einem nimmt und was er einem dafür gibt, ist unergründlich.“ Ein befreundeter Jesuitenpater, mit dem sich der katholische Politiker schriftlich austauschte auf der Suche nach diesem Unergründlichen, hat in einem Brief an ihn das Wort grausam benutzt, um sich und ihm einen Begriff von Gott, einen eben auch gültigen Gottesbegriff, zu geben. Wenig später erhielt Barzel eine Todesanzeige, aus der er erfuhr, dass der Bruder in Christo gestorben war, aber natürlich ist er erdnah genug, keinen Zusammenhang herzustellen.

Über die Grausamkeit des Allmächtigen, begangen an Rainer Candidus Barzel, ließe sich anhand von konkreten Beispielen reden. Es sind Tage, die nicht nur sein Leben danach veränderten, sondern Tage, nach denen es gar kein Leben mehr für ihn zu geben schien. Die Daten stehen fest. Am 27. März 1977 der Selbstmord seiner Tochter Claudia, wovon der CDU-Politiker während eines Treffens mit dem österreichischen Kanzler Bruno Kreisky in Wien erfuhr. Sie war „ein zartes Mädchen, das schönste von allen, wie ich empfand“. Am 25. Oktober 1980 der Tod seiner Lebensliebe Kriemhild, der „Frau an meiner Seite“, die der Krebs besiegt hatte und die in seinen Armen starb. Am 15. Dezember 1995 der tödliche Autounfall seiner zweiten Frau Helga, was ihm ein Polizist an der Tür seines Hauses am Chiemsee mitteilen musste.

Über solche Erlebnisse vom nahen Tod der ihm Nächsten spricht Rainer Barzel nicht. Das macht er mit sich ab. Allenfalls im Dialog mit Gott. Darüber gibt er kaum Auskunft. Der Jurist prüft jeden Satz, bevor er ihm die Freiheit schenkt. Er beantragt eine einstweilige Verfügung gegen eine zeitweilige Annäherung an sein Inneres, und weil ich ihm fragend gegenübersitze, erlässt er sie gegen mich. Höflich und freundlich und ohne Aggression, wie man Barzel kennt aus anderen Zeiten, aber meinen zweiten Versuch über einen Umweg sofort erkennend. Was er Seelenstriptease nennt, ist ihm zutiefst zuwider.

Er scheint, sein privates Leben betreffend, ähnlich verschlossen wie sein fast gleichaltriger Freund Helmut Schmidt, der alles, was nicht definierbar zwischen Himmel und Erde schwebt, politische Visionen zum Beispiel, für besondere Fälle hält, die man den zuständigen Ärzten anvertrauen sollte und ganz bestimmt nicht selbst ernannten Seelenärzten, den Journalisten. „Als ich krank wurde, hat Helmut Schmidt mir barsch befohlen, wieder gesund zu werden.“

Ein derart unsentimentaler Satz passt zum knorrigen Hamburger, den Barzel so schätzt wie der ihn, weil der eine, Parteiinteressen überschreitend, sich stets auf das Wort des anderen und der andere auf das Wort des einen verlassen konnten. Der Hanseat traute dem Ostpreußen, der Ostpreuße dem Hanseaten, beide hielten es für die klassische Aufgabe eines Politikers, was ihnen privat widerfuhr – sei es Kummer, sei es Freude –, ihren Aufgaben unterzuordnen und in preußischer Pflicht dem demokratischen Staat zu dienen.

Einmal habe er, gibt der „elder statesman“ einen flüchtigen Blick auf sein Innenleben frei, den damaligen Wiener Kardinal König gefragt, ob er glaube, dass seine verstorbene Frau Kriemhild tatsächlich da glücklicher ist, wo sie jetzt sei. Gemeint war der Himmel. Ob es ihr denn da besser gehe als auf Erden? Der Kardinal hat das bejaht, worauf der gläubige Katholik Barzel erwiderte: „Und warum bin ich dann so traurig?“ Eine Antwort auf diese Frage hat er nicht erwartet.

Man könnte von seinem Zweitnamen Candidus eine göttliche Vorsehung ableiten in dem Sinne, dass der Weg in jenes Himmelreich ein dorniger, schmerzhafter und steiniger sei. Der historische Candidus ging diesen Weg. Er stieg auf zum Märtyrer, weil er sich den angeordneten Christenverfolgungen verweigerte und deshalb im vierten Jahrhundert hingerichtet wurde. Heute wird er als Heiliger verehrt. Aber solche konstruierten Zusammenhänge vom Kreuz, das einer zu tragen habe, egal was es ihn koste, und sei es das irdische Leben mit nur vager Verheißung eines himmlischen, lehnt Rainer Candidus Barzel ab. Schon sein Vater, Oberstudienrat in Ostpreußen, hatte als Zweitnamen den Namen Candidus. Es sei also nichts weiter als eine Familientradition, dieser Name, der aus dem Lateinischen übersetzt so viel bedeutet wie der Glänzende.

Womit man zumindest einen Übergang hätte zu Rainer Barzels Karriere, denn die war mitunter glänzend, und weil sie glänzend war, aber nie bis ganz nach oben führte, sind in dieser Karriere die Tage danach zu finden, über die er bereit ist zu sprechen. Auch da gibt es wie in seinem nicht öffentlichen Leben, das er allerdings stets gern öffentlich inszenierte, gleich mehrere. Der eigentliche für ihn ist nicht etwa, wie man annehmen könnte, der 28. April 1972. An dem Tag wollte er geschafft haben, was ihm mal sein großes Vorbild Konrad Adenauer schrieb: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie Bundeskanzler werden würden.“

Doch am Tag davor, am 27. April um 13 Uhr 18, scheiterte das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, das Rainer Barzel zum Nachfolger des SPD-Kanzlers machen sollte. Zwei Abweichler aus der CDU/CSU-Fraktion hatten ihm ihre Stimme verweigert, waren wohl gekauft von der anderen Seite, wie man heute weiß. Einer hieß Julius Steiner, der andere blieb unerkannt. Ohne diesen Stimmenkauf und ohne „diesen Landesverrat hätte die deutsche Geschichte einen anderen Verlauf genommen“. Und seine persönliche, fügt er hinzu, ganz bestimmt auch.

Der Anblick, den Rainer Barzel damals bot, gehört zu den Bildern, die im kollektiven Gedächtnis der Republik verankert sind: Fassungslos den Kopf schüttelnd, nach eigener Aussage wie „vom Blitz getroffen“, saß er in der ersten Reihe der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Ein Geschlagener, der sich zu früh seines Sieges sicher gewesen war. Nach einigen Minuten schüttelte er sich, erhob sich von seinem Platz, nahm demonstrativ Haltung an, ging auf den weiterhin amtierenden Bundeskanzler Willy Brandt zu und gab dem gratulierend die Hand. Barzel hat nie versäumt, Form zu wahren.

Er gehört schließlich zu einer Generation, der nicht erlaubt war, öffentlich Schwächen zu zeigen. Das galt als unmännlich und in der Politik, die damals ein fast reines Männergeschäft war, waren schwache Momente tödlich für die Karriere. Barzel hätte es sich auch selbst nicht erlaubt. Er nahm die Niederlage hin wie ein, nun ja: wie ein Gottesurteil, aber verkraftet hat er diesen Tag nie. Was er nicht zugibt. Danach wurde er zerrieben zwischen der Ikone Willy Brandt und der Walz aus der Pfalz, die seinen Posten wollte, eine zweite Chance würde er nicht bekommen. Das zumindest wusste er, ist halt so in seinem Gewerbe.

Er hasst es, zu hassen. Solche Gefühle kennt er nicht. Im politischen Parteienstreit wird zwar mit allen Mitteln gekämpft, und dieser Alltag war ihm weiß Gott vertraut. Aber eben Hass, nein, den „habe ich mir nie erlaubt, allenfalls Verachtung“. Die pflegt er vor allen anderen einem gegenüber, der dann zehn Jahre nach seinem gescheiterten Versuch die CDU wieder an die Macht führte.

Warum sollte er aber noch heute bestreiten, dass der 27. April 1972 der entscheidende Tag in seiner politischen Laufbahn gewesen ist? Dass danach der unaufhaltsame Abstieg nach einem bislang unaufhaltsam scheinenden Aufstieg begann? Warum kann Barzel nicht zugeben, da seitdem doch viele Tage vergangen sind, dass diese Niederlage ihn geprägt und verändert hat?

Bevor er antwortet, lenkt er ab. Erinnert sich an zwei für ihn andere wichtige Tage aus einer ganz anderen Zeit. An den Tag, an dem seine Mutter weinte. Am Tag zuvor, am 30. Juni 1934, war während der Niederschlagung des so genannten Röhm-Putsches, auch „Nacht der langen Messer“ genannt, weil Hitler nicht nur die Führer der SA wie Erich Röhm ermorden ließ, sondern gleich Dutzende von konservativen Kritikern, unter ihnen Erich Klausener, Sprecher der „Katholischen Aktion“ in Berlin. „Ich verstand das zwar alles nicht, ich war ja erst zehn Jahre alt, aber ich wusste, wohin wir gehörten als Familie, also auch ich.“ Auf jeden Fall nicht zu den Nazis.

Und er erwähnt einen Tag Jahre später, an dem er gemeinsam mit seiner Mutter nach Charlottenburg ging und der Familie des jüdischen Apothekers Wolf etwas zu essen brachte. Dem Kind sagte sie, und daran erinnert sich der alte Mann genau, dass man darüber schweige und zu niemand spreche, es sei aber Christenpflicht, so zu handeln.

Das Scheitern des Misstrauensvotums war zwar schlimm, sagt er schließlich, aber viel schlimmer war, was er Rufmord nennt und mehr als zehn Jahre später mit ihm geschehen ist. Helmut Kohl habe ihn fertigmachen lassen.

Der hatte geschafft, was Barzel nicht geschafft hatte. Den amtierenden Kanzler – Brandt-Nachfolger Helmut Schmidt – durch ein konstruktives Misstrauensvotum abzulösen und selbst Kanzler zu werden. Im ersten Kabinett des damals noch nicht überlebensgroßen schwarzen Riesen war Rainer Barzel Minister für gesamtdeutsche Fragen, nach der Wahl 1983, aus der die CDU/CSU als stärkste Kraft hervorging, wurde ihr langjähriger Fraktionsvorsitzender zum Bundestagspräsidenten gewählt. Das blieb er nur ein Jahr. Als Gerüchte auftauchten, er habe als Anwalt einer Kanzlei in Frankfurt, für die er ganz legal tätig war und woraus er kein Geheimnis gemacht hatte, nicht so ganz legal Einfluss darauf genommen, dass der Großspender Flick von der Steuer befreit wurde, begann sein langer Abschied aus der Politik.

Betrieben haben den seiner Überzeugung nach vor allem Parteifeinde aus der CDU. Er weiß noch genau, wie ihm sein Stellvertreter Peter Struck von der SPD während einer Sitzung oben im Präsidium des Bundestages zuflüsterte, es seien nicht die oppositionellen Genossen, die ihn zum Abschuss freigegeben und Zeitungen mit Material gegen ihn gefüttert hatten. Die CDU-Vertreter im Flick-Untersuchungsausschuss, so benannt nach dem Großindustriellen und -spendenverteiler Flick, würden ein „Menschenopfer“ brauchen, um ihren Kanzler zu schützen, und als dieses Opfer hätten sie Barzel ausgeguckt. Alles sei inszeniert mit stillschweigender Zustimmung von ganz oben.

Am 25. Oktober 1984 trat Rainer Barzel, gesundheitlich angeschlagen und unfähig, sich gegen den Rufmord zu wehren, von seinem letzten hohen Amt zurück. Am Tag danach blieb er mit Herzrhythmusstörungen zu Hause. Zwei Jahre später stellte der Abschlussbericht des FlickAusschusses fest, es sei im Fall Barzel kein Fehlverhalten des Beschuldigten feststellbar gewesen. Da war er längst gefallen.

Bleibt die Frage nach dem Tag, als er im Krankenhaus mit der Diagnose Krebs konfrontiert wurde. Die Frage nach seinem eigentlichen Tag danach, der ihn sichtbar veränderte. Er gibt nach und verrät am Ende doch noch was von Rainer Candidus Barzel: „Weil von einem Tag auf den anderen die Selbstständigkeit weg war, das Gefühl, unabhängig zu sein. Jetzt war ich von anderen abhängig, denn es gab so vieles, was ich nicht mehr allein machen konnte.“

Doch Gott, der mal grausame, der mal gütige, der blieb ihm erhalten.

Aus dem Buch von Michael Jürgs „Der Tag danach – Vom Verlust der Macht und dem Ende einer Liebe, vom schnellen Tod und einem neuen Leben“, Bertelsmann Verlag 2005, 366 Seiten, 19,90 Euro.

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