Zeitung Heute : Der Unwetterprophet

Mojib Latif ist Klimaforscher, neuer Star der Talkshows und erzählt jedem, der es hören will: Der Mensch ist an der Erderwärmung schuld

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Von Thomas Loy, Hamburg

Kommt der Schaffner zum Klimaforscher, beugt sich hinunter und fragt: Wie wird denn das Wetter? Gut, sagt der Klimaforscher dann und lächelt. Das passiert Mojib Latif in letzter Zeit immer häufiger. Zu viele Menschen kennen ihn aus den Talkshows und meinen, er wäre ein Wetterfrosch. Ist er aber nicht. Wettervorhersage ist nich t sein Thema.

Mojib Latif sieht aus wie ein Inder, spricht wie ein Hamburger und wirkt immer gelassen und sympathisch. So jemandem schmeichelt die Kamera. Gerade war er bei Maybrit Illner, Berlin-Mitte, Thema: Deutschland unter Wasser – Ist das schon die Klimakatastrophe?

Latif bestellt sich Fleischbällchen und Käsekuchen. Seit Tagen habe er nicht mehr richtig gegessen, sagt er. Zwischen den Fragen muss er sich immer wieder die Augen reiben. Manchmal sieht es aus, als bohre er die ganze Faust hinein. Nein, müde sei er nicht. Gestresst schon gar nicht. Mojib Latif, einer der bekanntesten deutschen Klimaforscher, betreibt nur eine recht zeitfressende Nebentätigkeit: Er erzählt jedem, der es hören will, dass der Mensch für die jüngere Klimaentwicklung auf der Erde verantwortlich ist. In diesen Tagen wollen das fast alle hören: „Bild der Frau“, „Bunte“, „Max“, „Spiegel“, „Zeit“. Latif weist niemanden ab. Latif wiederholt und wiederholt, immer klar und knapp. Latif geht auch zu Hausfrauenverbänden oder zum Stadtrat von Tauberbischofsheim, um seine Botschaft zu verbreiten. Viele Jahre macht er das schon, und langsam hat er das Gefühl, dass es Wirkung zeitigt in den Köpfen. Zunehmend auch in denen von Politikern. Obwohl sich Latif nicht so sicher ist, ob Bundeskanzler Schröder und Umweltminister Trittin wirklich ehrlich sind, wenn sie sagen, dass man was fürs Klima tun muss. Oder nur Wahlkampf machen mit der Schubkraft der Bilder aus den Überflutungsgebieten.

Ist das nun die Klimakatastrophe, Herr Latif? An dieser Stelle erzählt der Wissenschaftler meistens das Gleichnis vom gezinkten Würfel. Wenn einmal die Sechs kommt – ein seltenes Extrem-Unwetter – dann muss man nicht gleich fürchten, das Klima sei außer Kontrolle geraten. Wenn aber immer wieder die Sechs kommt, ist was faul im System.

Doch hier beginnt das Dilemma der Klimaforscher. Zu Ursachen einzelner Wetterereignisse spuckt der neue Großrechner im 15. Stock des Hamburger Klimarechenzentrums keine Antworten aus. Der kann nur Modelle konstruieren, wie die Großwetterlage in 100 Jahren aussehen könnte – je nachdem, mit welchen Ausgangsdaten wie CO2-Konzentration, Bewaldung der Erde und Luftverschmutzung man ihn füttert. Kritiker halten das für aufwändige Spökenkiekerei. Latif selbst räumt ein, dass die Klimamodelle noch nicht perfekt sind, die Rechnerleistung immer noch zu schwach, aber man arbeite ständig an Verbesserungen. Künftig soll der Einfluss der Wolkenbildung und der Vegetation in die Simulationen einfließen. Die größte Unbekannte aber ist der Einflussfaktor Mensch. Wirtschaftet er weiter wie bisher, zeigen die Szenarien für 2100 große feuerrote Wärmeflecken auf weiten Teilen der Erde. Reduziert er den Ausstoß von CO2, dem Treibhausgas, bis 2100 auf Null, bleiben die roten Flecken weitgehend orange, die Temperatur steigt global nur um ein bis zwei Grad. Der Mensch kann die Erwärmung nicht mehr stoppen, aber er kann sie entscheidend verlangsamen, sagt Latif.

In den Talkshows sitzt meist auch ein Skeptiker und behauptet, das mit der Erderwärmung sei zwar richtig, aber mit dem Menschen habe das eigentlich gar nichts zu tun. Hohe CO2-Konzentrationen gab es in der Erdgeschichte öfter, auch schnelle Temperaturanstiege seien schon vorgekommen, als der Mensch noch in dunklen Höhlen herumkroch. Das Klima werde vor allem durch Schwankungen in der Sonneneinstrahlung und durch Wechselwirkungen von Meeresströmungen und Eisbildung beeinflusst. Darauf entgegnet Latif: Der starke Temperaturanstieg der letzten 100 Jahre – 0,7 Grad im Jahresmittel – lasse sich nicht mit natürlichen Langzeit-Ereignissen in Übereinstimmung bringen, sondern nur mit dem gestiegenen CO2-Gehalt in der Atmosphäre, der eindeutig vom Menschen verursacht wurde. Eine Mehrheit der Experten glaubt das inzwischen auch. Was sie allerdings nicht liefern können, ist ein Beweis. Dafür ist es noch zu früh.

Mojib Latif arbeitet seit fast 20 Jahren am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, einem Zweckbau mit nüchtern ausgestatteten Studierstuben. Auf seinem Schreibtisch wachsen Stalagmiten aus Papier. Ein Ikea-Klappstuhl trägt den Ventilator. Im Sommer kann es heiß werden – Stauwärme wegen der Südlage. Zentrales Möbel ist der große Bildschirm, auf dem sich sekundenschnell Farbmodelle der Erde aufrufen lassen. Davor verbringt Latif seine Tage. Die Faszination der Klimaforschung entwickelt sich im Kopf.

Latif zieht eine Grafik aus dem Papierstapel. Ein versteckter Rhythmus im Auf und Ab der Meerestemperaturen im Nordatlantik lässt sich ablesen – so etwas wirkt auf ihn beglückend. Ein Hauch von Regelmäßigkeit im Chaossystem des Klimas.

Mit dem wolkenlosen Himmel über Hamburg hat das leider gar nichts zu tun. In Hamburg ist Latif aufgewachsen, zur Schule und zur Uni gegangen. Sein Vater war aus Pakistan an die Elbe gekommen, um dort als Imam eine islamische Gemeinde aufzubauen. Die Kinder – drei Söhne und eine Tochter – wurden liberal erzogen. Latif ist Moslem, „aber nur auf dem Papier“. Seine Religion ist die Naturwissenschaft, sein Glaubensbekenntnis die Klimaerwärmung. Dabei kann er „echt besessen werden“. Sonst hält er es eher mit norddeutscher Zurückhaltung. Viele persönliche Fragen enden in einem langen „Jooa“ oder „Nöö“. Dabei versinkt der feingliedrige Mann immer tiefer in den Bürostuhl. Der Rückblick ins vergangene Ich ist kein interessantes Forschungsgebiet. Das Wetter, jooa, dafür habe er sich schon immer interessiert. Als Junge beobachtete er den Himmel und fragte sich, was da oben für Dinge passieren.

Doch aus lütt Mojib wurde kein Unwetterfreak. Niemals käme er auf die Idee, Katastrophengebiete selbst in Augenschein zu nehmen oder sich mal in die Wetterküche der Packeiszone zu begeben. Wenn ein Forschungsaufenthalt in Florida ansteht, legt Latif den Termin in den hurrikansicheren Winter. Er bevorzugt Sonnenuntergänge und ruhige Spaziergänge an der Elbe oder in Norwegen, wo seine Frau herstammt. Er sehe zwar nicht so aus, sagt Latif, aber er denke deutsch. Nur einmal reiste er als Neunjähriger mit seinem Vater nach Pakistan und war von der Armut dort schockiert. Die Unwetter des indischen Subkontinents inklusive den Überschwemmungskatastrophen in Bangladesh kennt er nur aus dem Fernsehen.

Besser vertraut ist er mit El Niño und La Niña, den ungleichen Wetter-Geschwistern aus dem Pazifik. Über El Niño, der 1983 für Dürre in Australien und Überschwemmungen in Südamerika sorgte, hat Latif seine Doktorarbeit geschrieben. Bis sich die Klimaforscher des Phänomens annahmen, war es nur den Fischern der chilenischen Küste bekannt. In bestimmten Jahren wurde das Wasser um Weihnachten so warm, dass die Fischschwärme ausblieben. Die Forscher fanden die Ursache: Die Umwälzpumpe des Pazifiks war stehengeblieben. Es wurden Rechenmodelle entwickelt, mit denen sich der Ablauf von El Niño simulieren ließ. Inzwischen seien die Modelle in „Serienreife“ gegangen, sagt Latif. Langzeit-Vorhersagen wurden möglich. Mit El Niño gaben die Klimaforscher ihr Gesellenstück ab.

Die Unwetter in Deutschland haben mit El Niño nichts zu tun, wohl aber mit der Erderwärmung, sagt Latif. Erwärmung bedeutet, dass mehr Energie im Umlauf ist und die Wettermaschine schneller antreibt. Unwetterkatastrophen werden häufiger auftreten – davon ist Latif überzeugt. Und sie werden riesige Schäden verursachen. Der Mensch müsse also nur eine einfache Rechnung aufmachen: Investiere ich jetzt ein paar Milliarden in regenerative Energien oder später eine vielfache Summe in die Schadensbeseitigung?

Latif ist kein Grüner. Die Umweltbewegung habe er nur „wohlwollend begleitet“. Er bemüht sich um Neutralität, sagt Einladungen zu Parteiveranstaltungen kategorisch ab. Und doch ist er ein höchst politischer Mensch – zumindest in den Talkshows. Dort läuft der bedächtige Hamburger zu großer Form auf und fordert, die Wirtschaft endlich konsequent auf Klimaschonung einzustellen und den Besitzern von spritsaufenden Geländewagen zwei Euro 50 pro Liter abzuknöpfen.

Bei Maybrit Illner ist ihm dann wieder der Kragen geplatzt. „Das ist doch nur Wahlkampf hier.“ Wenn er nichts sagen dürfe, hätte er gleich zu Hause bleiben können. Dann durfte er was sagen.

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