• Der Urlaubspfarrer: An den Grenzen des Lebens zuhören - An der Schiffsreling, am Tresen oder im Lärm von "Ballermann 6"

Zeitung Heute : Der Urlaubspfarrer: An den Grenzen des Lebens zuhören - An der Schiffsreling, am Tresen oder im Lärm von "Ballermann 6"

Siegfried Krause

"Nein", sagt Pfarrer Bernd Ackermann, "ein zusätzlicher Urlaub ist es nicht, aber ich habe es jedes Mal mit großer Freude getan." Der 57-Jährige - Vater von drei Kindern, "noch verheiratet", wie er sagt, und in Leverkusen zu Hause - gehört zu den rund 220 Geistlichen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die alljährlich in der Urlaubszeit an Ferienorten, auf Kreuzfahrtschiffen und Campingplätzen Seelsorge für die Touristen übernehmen. Ackermann hat das seltene Glück, dass der Beruf ihm nicht nur Berufung ist - wie man es von einem Geistlichen wohl erwarten kann -, sondern zugleich auch seinem Hobby dient; denn Reisen mag er nun einmal für sein Leben gern. So muss er niemals lange überlegen, wenn in den kirchlichen Amtsblättern wieder einmal eine Ferienstelle ausgeschrieben ist, die seinen Vorstellungen entspricht.

Dabei geht es nicht unbedingt in die große weite Welt. In diesem Jahr zum Beispiel wird der Kirchenmann, der seit August 1999 aus gesundheitlichen Gründen im Ruhestand lebt, in Seekirchen bei Salzburg Dienst tun. Österreich ist ohnehin sein bevorzugter Einsatzort.

Das ist kein Zufall: Bernd Ackermann war früher elf Jahre lang in der Alpenrepublik tätig. Evangelischer Geistlicher in einem weitgehend katholischen Land - das empfand er als Herausforderung. Der sportlich-schlanke Mann zitiert, wenn er über seine Arbeit berichtet, immer wieder einen Satz des Theologen Dietrich Bonhoeffer, dass Kirche an den Grenzen des Lebens präsent sein müsse. Die touristische Urlaubssituation zählt er genauso dazu wie beispielsweise die Betreuung von Gehörlosen, um die er sich weitere elf Jahre seines Lebens gekümmert hat.

In seiner Zeit als Gehörlosen-Pfarrer (mit Dienstsitz in Solingen) war Ackermann immer wieder auf Studienreisen in aller Welt unterwegs: in Südafrika ebenso wie in Ägypten, in Israel oder in den USA. Geprüfter Dolmetscher in der Gebärdensprache ist er ohnehin. "Es war viel Sozialarbeit dabei", erinnert sich der Pfarrer. Genau die ist auch für die Urlauber-Seelsorge wichtig. Denn in der Freizeit kommen oft Saiten zum Klingen, die sonst eher stumm bleiben. Für viele Menschen sei es auch die erste Begegnung mit einem "Geistlichen zum Anfassen" oder die lange gesuchte Chance, für persönliche Probleme Gehör und möglichst Hilfe zu finden. "Der Draht zur Kirche wird im Urlaub dicker", sagt er. Die Menschen seien aufgeschlossener. Immerhin haben, wie der Pressedienst der EKD berichtet, Umfragen ergeben, dass mehr als 40 Prozent der Urlauber in dieser Zeit über Sinn und Zweck ihres Lebens nachdenken.

Häufiger als man annimmt, kommt es zu Konflikten, die den Urlaub zur "schönsten Krise des Jahres" machen. Der Gedankenaustausch sei in der Anonymität des Urlaubsortes spürbar freier als in der heimatlichen Umgebung mit Nachbarn, von denen man sich beobachtet glaubt, und unter Verhältnissen, die vielleicht bedrückend sind.

Das Gespräch müsse ja nicht unbedingt (kann aber auch) an der Theke oder im Lärm von "Ballermann 6" stattfinden. "Aber im Liegestuhl oder an der Schiffsreling packen viele aus, wenn ich mich als Pfarrer vorgestellt habe." Manchmal werde nur der Frust gegen die Kirche abgelassen, aber oft seien es auch existenzielle oder partnerschaftliche Probleme. Sorgen mit der Kindererziehung würden ebenso erörtert wie beispielsweise Klagen über den heimischen Pfarrer, der sich in der Gemeinde kaum sehen lasse ("In der Woche ist er unsichtbar und sonntags unbegreiflich").

"Ich habe viel gelernt, auch für die Arbeit in der Gemeinde daheim; jedes Gespräch ist ein Geben und Nehmen", sagt Ackermann. Zwei Beerdigungen habe er ebenfalls ausrichten müssen, und ein Mal war es eine Zwillingstaufe, zu der sich Eltern und Verwandte am Ferienort in der Steiermark trafen. Als während einer Kreuzfahrt der "Astor" ein Reisender einen Herzinfarkt erlitt, an Land gebracht werden musste und dort starb, begleitete Ackermann die Ehefrau in dieser kritischen Zeit. "Für die Mannschaft und alle Passagiere wurde drastisch deutlich, wie wichtig der seelsorgerische Dienst an Bord für die Angehörigen ist, wie sehr er aber auch zur Entlastung der Besatzung beiträgt."

Der Pfarrer hat in der Urlaubsumgebung mehr Zeit als zu Hause, weiß Ackermann. Es bedeute immer wieder eine spürbare Umstellung, sich in einer neuen Situation zu engagieren. "Das mögen nicht alle meine Amtsbrüder", zumal ja für den vierwöchigen Einsatz zwei Wochen Urlaub genommen werden müssen. Von den 1120 Mark Aufwandsentschädigung werden Anreise und Unterkunft bestritten. "Da kommt bei den Kollegen wegen des vermeintlichen Zusatzurlaubs kaum Neid auf, wie man vielleicht denken könnte." Außerdem könne sich jeder um eine solche Ferienaufgabe bewerben. Lediglich die Einsätze auf Kreuzfahrtschiffen würden nicht ausgeschrieben, sondern es werde stets bei erfahrenen Touristen-Pfarrern angefragt, ob sie zu einem Einsatz auf See bereit seien.

Nach Auskunft von Oberkirchenrat Branko Nikolitsch vom Kirchenamt der EKD in Hannover bewerben sich "ausreichend viele" evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer für die Urlauber-Seelsorge, "aber es könnten durchaus noch mehr sein". Diese Art der geistlichen Touristenbetreuung gebe es seit mehr als 40 Jahren, der Einsatz - fast ausschließlich in den Sommermonaten, gelegentlich aber auch in Wintersportgebieten - erstrecke sich über Europa zwischen Dänemark und Griechenland. Zahlenmäßig liegt der Schwerpunkt der tröstlichen Kirchenmänner in Österreich, wo die "Gastarbeiter im Talar" an 54 Orten eingesetzt sind. Das muss allerdings nicht an dem Urlaubsland liegen. Langzeiturlauber werden am Gardasee und am Algarve-Strand von April bis Oktober sowie auf Mallorca, Gran Canaria, Teneriffa und Rhodos von September bis Juni betreut. Zur Vorbereitung lädt das Kirchenamt die Geistlichen jeweils im März zu eintägigen Gesprächen ein.

Auf der "Astor" hat Pfarrer Ackermann Dienst getan, als das ehemals deutsche Schiff im Mai 1999 unter liberianischer Flagge und russischem Kapitän im westlichen Mittelmeer kreuzte. Für den Aufenthalt an Bord, wo der Pastor zur Mannschaft gehört, gibt es kein Geld, statt dessen aber freie Unterkunft und Verpflegung. Dass einem "Seebeine" gewachsen sein müssen, versteht sich von selbst. Denn ein seekranker Seelsorger, der nicht sorgen kann, sondern versorgt werden muss, ist wenig nützlich. Bernd Ackermann allerdings hat, wie er erzählt, unterwegs alle Exkursionen der Touristen begleitet - nicht einfach als Mitläufer, sondern als Reiseleiter. Denn wenn er etwas macht, dann will er es hundertprozentig machen. "Und solange man etwas mit Freude tut, kommt auch kein Stress auf."

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