Der US-Finanzminister und das Fernsehen : Lohn der Langsamkeit

Christoph Marschall[Washington]

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ordnung vermittelt ihm ein Gefühl von Sicherheit. In ihm steckt aber auch ein verhinderter Revolutionär. Es freut ihn, wenn die Machtverhältnisse für einen Moment auf den Kopf gestellt werden. Als eine Forelle vor einigen Jahren ins Piranhabecken sprang und ihnen den Garaus machte statt umgekehrt, war das vielen Medien neben der Nachricht auch eine philosophische Betrachtung über Macht und Ohnmacht sowie die ausgleichende Gerechtigkeit wert.

Zu Wochenbeginn probte Amerikas Regierung einen vergleichbaren Handstreich gegen die Regeln der Fernsehgesellschaft. Gewöhnlich bedient sie sich des Massenmediums. Barack Obama übertrumpft seinen Vorgänger George W. Bush noch mit seiner Präsenz vor laufenden Kameras. Ob er neue Minister vorstellt, einen Abzugsplan für den Irak verkündet oder eine Pressekonferenz hält: Die Nation darf live dabei sein. Viele Journalisten gehen gar nicht mehr hin, weil sie ihren Bericht auch vor dem Fernseher schreiben können.

Am Montag jedoch, als Finanzminister Timothy Geithner die Nachricht verkündete, die über 24 Stunden weltweit Schlagzeilen machen würde, gab es weder Bilder fürs Fernsehen noch O-Töne fürs Radio. Kameras und Mikrofone waren ausgesperrt, als Geithner den Plan der Regierung ausbreitete, bis zu eine Billion Dollar bereitzustellen, um faule Kredite vom Markt zu nehmen.

Die übliche Aufregungsspirale, in der Experten in den TV-Studios Details bewerten, ehe sie das Gesamtpaket kennen, und Börsen reagieren, bevor das Bild komplett ist, war ausnahmsweise unterbrochen. Die Kommentatoren mussten warten, bis die Schriftreporter ihre Berichte formuliert hatten. Die Börse belohnte die erzwungene Langsamkeit mit dem höchsten Kurssprung seit fünf Monaten. Bilder gab es erst Stunden später, als Obama mit Geithner kurz vor die Kameras trat.

Vor sechs Wochen hatte Geithner schon einmal einen Bankenrettungsplan präsentiert, damals vor laufenden Kameras. Der Auftritt galt als Fiasko. Die Kurse sanken schon, während er noch sprach. Er habe zu wenig Details genannt, um die Märkte zu überzeugen, hieß es. Mag sein. Vielleicht lag es aber auch am Bild, das er bot. Ihm fehlt Obamas Charisma, er wirkt introvertiert. Seine zurückhaltende Art kann man mit Schüchternheit, die nachdenkliche Vorsicht beim Antworten mit Unsicherheit verwechseln, jedenfalls im Fernsehen. Amerikas TV-Sender verschwiegen die Revolution. Wer berichtet schon gerne über seine Entbehrlichkeit – selbst wenn sie wohl die Ausnahme bleibt?

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