Zeitung Heute : Der verborgene Sohn

Wenn die irakische Geheimpolizei an die Haustür pochte, saß Ibrahim Al-Qaissi reglos im Schlafzimmer. 23 Jahre lang hat ihn seine Mutter versteckt. Nur so konnten er und sein Bruder der Verhaftung entgehen. Als er jetzt das Haus verließ, begriff er: Draußen war es auch nicht besser.

Andrea Nüsse[Bagdad]

Neben der Tür des kleinen Schlafzimmers hängt ein selbst gebastelter Kalender am Nagel. Auf der Rückseite von Milchpulverpackungen hat Ibrahim Al-Qaissi die Monate und Tage notiert und jeden schon vergangenen Tag quer durchgestrichen. Der 9. April 2003 – der Tag an dem Bagdad fiel – ist rot eingekreist. Aber der 16. April, der Tag von Ibrahims Befreiung, ist nicht markiert. Am16. April hat er zum ersten Mal das Haus verlassen, zum ersten Mal seit 23 Jahren. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat sich Ibrahim im Haus seiner Eltern in einer kleinen Nebenstraße Bagdads versteckt. Seit 1980 galt er als spurlos verschwunden und seit 1989 sogar offiziell als tot – hingerichtet von Saddams Regime, weil er Mitglied der islamistischen Al-Dawa-Partei gewesen sein soll.

Nicht einmal die engsten Freunde oder Verwandten wussten, dass sich der 41-jährige Ibrahim und sein drei Jahre älterer Bruder Sa’ad in dem kleinen zweistöckigen Haus verborgen hielten. „Das wäre für alle zu gefährlich gewesen“, sagt Ibrahim. Er trägt ein kurzärmeliges, graues Hemd, dunkle Hose, Sandalen, Bart und Brille. Äußerlich wirkt er gefasst. Dass er die letzten Jahre zwischen Wohnzimmer im Erdgeschoss und Schlafzimmer im ersten Stock verbracht hat, merkt man auf den ersten Blick jedenfalls nicht. In seiner Stimme ist kein Anflug von Verbitterung oder Hass zu spüren.

Begonnen hat alles im Frühjahr 1980, als das Regime Saddam Husseins eine Kampagne gegen mutmaßliche Mitglieder der schiitischen Untergrundpartei Al-Dawa begann. Zwei Onkel Ibrahims flohen deshalb ins Ausland, 21 Mitglieder der weit verzweigten Familie wurden verhaftet. Auch Ibrahims damals 21-jährige Schwester Sabiha – ihr Mann war zuvor in den Iran geflohen. Wenige Tage später kam der Vater nicht von seiner Arbeit in der Autowerkstatt zurück. Und schließlich wurde auch noch der ältere Bruder Mohammed auf offener Straße von der Geheimpolizei verschleppt.

Keiner der drei ist wieder aufgetaucht. Also beschloss die Mutter, ihre beiden ältesten Söhne, damals 18 und 21 Jahre alt, zu verstecken – im eigenen Haus, im Schlafzimmer im ersten Stock. All die Jahre hat sie die Familie alleine über Wasser gehalten, neben den beiden versteckten Söhnen noch sechs weitere Kinder. Das Geld hat sie mit Näharbeiten verdient, bei denen ihr später eine der Töchter geholfen hat.

Hinter geschlossenem Vorhang

In dem etwa zwölf Quadratmeter großen Versteck stehen drei Metallbetten. Rechts von der Tür schlief Ibrahim, am Fenster Sa’ad, und das dritte Bett gehörte dem tatsächlich hingerichteten Bruder Mohammed. Heute sind die Vorhänge zur Seite gezogen, aber über 20 Jahre lang waren sie geschlossen, damit niemand hineinschauen konnte. Das Haus ist von einer Mauer umgeben, so dass man ins Erdgeschoss von außen nicht hineinblicken kann.

An der Wand des Schlafzimmers hängt ein kleines Regal mit Dutzenden sauber beschrifteten Kassetten – alles Koranlesungen. Im Bücherregal steht eine Sammlung von Koranauslegungen, eine Bibel, daneben Bücher über Philosophie, ein Englischlehrbuch und zahlreiche Publikationen über Elektronik, Computertechnik und Militärflugzeuge. Darunter liegt ein Stapel der irakischen Zeitschrift „Alef Ba“ – die jüngste Ausgabe ist auch schon 14 Jahre alt und zeigt Saddam Hussein mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak, dem jordanischen König Hussein und dem jemenitischen Präsidenten Saleh.

„Wir haben gebetet, gelesen und Radio gehört“, beschreibt Ibrahim seinen Alltag im Verborgenen. Das arabische Programm der Deutschen Welle gehörte lange Zeit zu seinen Lieblingsprogrammen. 1999 hat er sogar an einem Quiz zur deutschen Geschichte teilgenommen. Wöchentlich beantwortete er zwei Fragen und schickte im Namen seines jüngsten Bruders Ismail – der nicht untergetaucht war – einen Brief nach Köln. Auf einem alten Kassettenrekorder spielt Ibrahim eine Aufnahme vor: Es ist die Sendung, in der er als Gewinner des Quiz’ bekannt gegeben wird. Den Hauptgewinn, ein neues Radio, hat er jedoch nie erhalten, stattdessen bekam er Post vom Tourismusverband Köln: ein Verzeichnis von Kölner Hotels und Pensionen und einen Veranstaltungskalender der Messe Köln.

Weil sie nie das Haus verlassen konnten, machten die Brüder drinnen Sport: Liefen die Treppen auf und ab und trainierten mit Hanteln, um die Muskulatur zu stärken. Zum Friseur konnte sie natürlich auch nie gehen, ihre Schwester schnitt ihnen die Haare. Und von einer Luke im Dachboden aus konnten sie sogar die Sonne sehen. Dort stellten die Brüder sich immer wieder hin, um zumindest ab und zu die warmen Strahlen zu spüren.

So haben sie die Zeit totgeschlagen und versucht, die Angst zu vergessen. Denn sobald jemand an das Haustor pochte, mussten Ibrahim und Sa’ad in ihrem Schlafzimmer verschwinden – auch wenn Verwandte oder Freunde der Mutter zu Besuch kamen. „Wir saßen dann hier oben, haben uns nicht gerührt und kein Wort geredet“, sagt Ibrahim, und sein Bruder Sa’ad nickt stumm dazu.

Regelmäßig bekam die Mutter Zara Besuch von der Geheimpolizei, die die Suche nach ihren Söhnen nicht aufgeben wollte. Die 67-Jährige ist von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt. „Ich habe ihnen wieder und wieder gesagt, dass Ibrahim und Sa’ad bereits verhaftet worden sind, so wie zuvor mein Mann, meine Tochter Sabiha und mein Sohn Mohammed.“ An dieser Version hielt sie eisern fest, auch als sie bei der Geheimpolizei vorgeladen wurde – die ihrerseits versuchte, die Mutter mit Lügen aus der Reserve zu locken: Man wisse, dass die beiden Brüder in den Iran geflohen seien, erklärten die Spitzel. Doch schließlich schien die Geheimpolizei die Geschichte zu glauben, obwohl es keine der üblichen Unterlagen zu dem Fall gab. Anscheinend hat das irakische Regime bei den Massenverhaftungen selbst den Überblick verloren.

Ibrahim zeigt die Kopie eines Schreibens der Geheimpolizei von 1989 vor: Auf offiziellem Briefpapier, mit Stempel versehen, attestierte das Regime damals, dass die Geschwister Mohammed, Sabiha, Ibrahim und Sa’ad festgenommen und hingerichtet worden sind. Das Schreiben wurde erst nach dem Sturz des Regimes vor wenigen Wochen bei der Geheimpolizei gefunden. Ebenso ein dickes Buch, in dem alle Familien des Viertels mit Namen, Adressen, Ausbildung, Einkommen und politischer Orientierung aufgeführt sind. Eine Rubrik erfasst auch, ob Familienmitglieder bestraft worden sind: Eine mit Kugelschreiber geschriebene Notiz bestätigt, dass alle vier Geschwister hingerichtet wurden.

Ibrahim kann sich nicht erklären, warum die Geheimpolizei niemals das Elternhaus durchsucht hat. Gott habe seine „schützende Hand“ über sie gehalten, glaubt er. An eine Flucht aus dem Irak habe er nie gedacht – er wollte sein Land nicht verlassen. Aber trotz der Kraft, die ihm sein Glaube gab, habe er auch Momente großer Verzweiflung erlebt. „Nach dem Ende des Krieges gegen den Iran im Jahr 1988 habe ich an einen Aufstand im Irak und an einen Umsturz geglaubt.“ Als es dann doch nicht dazu kam, habe er alle Hoffnung verloren.

In dieser aussichtslosen Situation kam es dann auch zum Streit mit seinem Bruder, mit dem er ja ununterbrochen auf engstem Raum zusammenleben musste. „Damals haben wir uns sogar angedroht, auf die Straße zu gehen und uns gegenseitig zu verraten.“

Faltenlos in die Freiheit

Einmal wurde Sa’ad krank. Er spürte einen Druck in der Herzgegend, bekam Schmerzen. Erst dachte er, er müsste auf irgendeinem Weg zu einem Arzt gelangen. Doch dann schluckte er einfach die Herztabletten, die der Arzt seiner Mutter verschrieben hatte. Was er in der Packunsbeilage las, schien auch auf seine Symptome zu passen. Und tatsächlich ließen die Beschwerden dann nach.

Am 9. April 2003, dem Tag, an dem die US-Armee Bagdad einnahm, blieb Ibrahim zunächst skeptisch. Erst Tage später, als sich abzeichnete, dass die Amerikaner die Stadt so schnell nicht wieder verlassen würden, verließ er sein Versteck. „Ich war überrascht, obwohl ich ferngesehen hatte: Die Frauen waren anders gekleidet als früher, auf der Straße fuhren Autos, die ich noch nie gesehen hatte.“

Nicht nur Ibrahim war überrascht – Widat Jihad, die Nachbarsfrau, eine rundliche, verschleierte Frau, die er am Tag seiner Befreiung besuchte, sagt: „Ich traute meinen Augen nicht, obwohl ich ihn gleich erkannt habe.“ Ihr schießen auch Wochen später noch Tränen in die Augen bei der Erinnerung an diesen Augenblick. Ihr hatte Ibrahims Mutter wie allen anderen immer erzählt, dass ihr Sohn hingerichtet worden sei.

Auch Hussein Kathum konnte es nicht fassen, als sein bester Schulfreund Sa’ad am 16. April plötzlich vor ihm stand. Er hat ein altes Schwarzweiß-Foto dabei, das ihn und Sa’ad am Tisch in einem Garten im Jahre 1976 zeigt: Zwei Teenager blicken fröhlich in die Kamera. Heute hat Hussein Kathum weiße Haare und tiefe Falten im Gesicht. Er sieht 20 Jahre älter aus als sein Freund Sa’ad, dessen Haut nach Jahrzehnten „Hausarrest“ zart und faltenlos ist, die Haare sind tiefschwarz.

„Das Leben draußen hat auch seinen Preis gefordert“, sagt Hussein nachdenklich. Aber jetzt werden die Erinnerungen beiseite geschoben. Ibrahim, Sa’ad und Hussein gehen in den kleinen Garten und wollen das Lamm fangen, das dort herumspringt. Ein Cousin hat es der Familie geschenkt, als er erfuhr, dass die beiden Brüder noch am Leben sind. „Wir wollen es schlachten und mit der Familie und den Nachbarn feiern“, sagt Ibrahim.

Sein Bruder Sa’ad hat nur noch einen Wunsch: Er will nach Mekka reisen. „Wenn ich das noch erleben darf, kann mich auch der Tod nicht mehr schrecken“, sagt er. „Ich hatte ein erfülltes Leben.“

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