Zeitung Heute : Der Verführungsoffizier

Stasi-Major Helmut Menge war für Filmstar Jenny Gröllmann zuständig. Er sagt, sie war als IM registriert. Aber sie hat es nicht gewusst

Jürgen Schreiber

Das Zeugnis für Stasi-Major Helmut Menge könnte kaum besser sein. Er zeige „hohen Einsatz, klassenmäßige Haltung und operative Findigkeit“. In seiner Kaderakte heißt es weiter, Genosse Menge habe „schöpferische Ideen“ entwickelt, wenn es darum ging, „den Feind zu suchen und ihm die Möglichkeit, die DDR zu schädigen, zu nehmen“. Prompt folgt die Auszeichnung mit dem „Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland“.

Hier kommt er auch schon ums Eck, der in den höchsten Tönen gelobte Held der inneren Sicherheit. Wir sind im Café Einstein Unter den Linden verabredet, Erkennungszeichen ein „Tagesspiegel“. Menge ist 62 Jahre alt, trägt Jeans und einen zu warmen Rolli für diesen Tag. Der frühere Referatsleiter in Mielkes Spionageabwehr führte bis zur Wende einen Vorgang, der momentan für Schlagzeilen sorgt. Es ist das bei der Gauck-Behörde gefundene Dossier "Jeanne", in Menges Klartext lautet es auf den Namen der film- und fernsehbekannten Schauspielerin Jenny Gröllmann. Beendet am 17. November ’89 durch Menge. Ihr gegenüber nannte er sich „Helmut Holm“.

Nach seinen Aufschrieben soll bei der Stasi die Rolle des „IM Jeanne“ also mit der gleichermaßen beliebten wie populären Gröllmann besetzt gewesen sein. Ihr späterer Ehemann Ulrich Mühe schrieb 2004 in dem Essay „Wer verzweifelt, hat das irgendwo gelernt“ bitter: „Während der ganzen Zeit kooperierte meine Ehefrau mit der Stasi.“

Zunächst ist die Akte XV/2807/79, in der Jenny Gröllmann von dem Major als „IM“ geführt und tituliert wird, in jedem Detail ein Dokument über die Unheimlichkeit der Zeit. Würden nämlich seine Papiere die Wahrheit sagen, wären die Aufstiegsjahre der Gröllmann zugleich Jahre des Spitzelns gewesen. Der ergraute Menge, mit dem für seine Profession vorteilhaft unauffälligen Aussehen, rühmte sich anno ’80 beim MfS in einer von Eitelkeit nicht freien Prosa der Eroberung. Beim Gespräch raunzt er jetzt, es habe prominentere gegeben. Seite für Seite tut der Aktenführer so, als habe sich die Auserwählte als willige Helferin seinen dunklen Wünschen gefügt.

„IM ließ keinen Zweifel an der Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem MfS“, Notiz nach zwei Treffen im Juni 1981 in der Adresse „Süd-Ost“, Dauer je 90 Minuten. Es handelte sich nach seinen Worten um eine konspirative Wohnung in der Leninallee, auf Menges Tarnnamen „Helmut Holm“ umgeschrieben. Oder: „Berichterstattung des IM ist als ehrlich und gewissenhaft zu bewerten.“ Oder: „Die Überprüfungen ergaben seine … Zuverlässigkeit und die wahrheitsgetreue Berichterstattung.“ Geradezu lapidar klingt der Stasi-Offizier in seinem Ansinnen, „Prüfung der direkten Einsatzmöglichkeiten des IM zur operativen Bearbeitung des Journalisten …“.

Damals spielte die bewunderte Jenny am Maxim Gorki Theater. Gelegentlich schaute ihr Menge alias Holm sogar zu. Eine Metropolenattraktion, ein Foto mit Ehemann Ulrich Mühe zeigt 1987 den Tollen neben der Schönen, den Feinnervigen neben der Sinnlichen. Auf einem von der Stasi archivierten Porträt sind ihr Kussmund und die erprobten Leinwandaugen gut zu erkennen. Stasi-Offizier Menge befasst sich außerdem „schwerpunktmäßig mit der Entlarvung von Feinden“, kassiert Prämien, unter anderem für die „Bekämpfung von Menschenhändlern“, Fluchthelfern. Zu seinen Spezialitäten zählte die „Einleitung kompromittierender Maßnahmen“ gegen West-Journalisten in Ost-Berlin.

Gröllmann spielte im Streifen „Dein unbekannter Bruder“ mit. Es ist schon die Epoche, in der Stasi-Menge laut eigener Dokumentation im Hintergrund den Großen Bruder gegeben haben will. Agentenkino? 1983 dreht der DDR-Star den Film „Es geht einer vor die Hunde“. Menge absolviert den Qualifizierungslehrgang „Zusammenarbeit mit IM“.

Seine Kaderakte entlarvt en passant einen Mann gepflegter Feindbilder, verbiestert mit „Angriffsrichtungen imperialistischer Geheimdienste“ beschäftigt. Der Führungsoffizier war bekannt für „ständige Suche nach geeigneten Kandidaten für die IM-Arbeit“, urteilen Vorgesetzte. Der gelernte „Oberstufenlehrer für Körpererziehung“ studierte noch „Fachschuljurist“ an der Stasi-Hochschule, 150-prozentige Linientreue war verlangt. Nennt man ihn am Bistrotisch einen „Hardliner“, weiß man nicht, ob er beschämt oder geschmeichelt lächelt: „Finden Sie?“ Begonnen hatte er als Trainer an der Kinder- und Jugendsportschule Frankfurt/Oder, Moderner Fünfkampf.

Der MfS-Offizier meldet in Sachen Gröllmann nach oben, „die Kandidatin“ habe das Pseudonym „Jeanne“ nach dem Namen ihrer Tochter selbst gewählt. Zuerst tauchte sie in Menges in winziger Handschrift verfasster Chronologie mit dem vorläufigen Decknamen „Grille“ auf. Keine Ahnung, grummelt er, wer darauf gekommen sei. Auf Seite 276 seines Faszikels ist der für die Stasi wohl entscheidende Treff vermerkt: 20. September 1979 im Objekt „Kastell“, einem Stasi-Haus in bester Lage am Pankower Majakowskiring 31. Direkt neben der Villa Piecks, als „Versorgungseinrichtung Ministerrat der DDR“ getarnt.

Man hat von der Gauck-Behörde etwa 150 Blatt Akte „Jeanne“ ausgehändigt bekommen. Insgesamt liegen nach amtlicher Auskunft 522 Seiten vor, drei Karteikarten mitgezählt. Man liest und liest in einem Vorgang, der eindeutig scheint, wäre da nicht Jenny Gröllmann, die in fein ziselierten Erklärungen und Gegendarstellungen den Sachverhalt durch ihren Anwalt Hardy Langer kategorisch bestreitet. Kernsatz: „Ich habe niemals mit dem Ministerium für Staatssicherheit(MfS) der ehemaligen DDR zusammengearbeitet, auch nicht als IM.“ Stimmt ihre Aussage, hätte Menge ausgerechnet eine gefragte Schauspielerin zur Mittelpunktfigur seiner fantastischen Erzählung bestimmt. Zündstoff für die ohnehin überfällige Studie zur Stasi-Paranoia. Seine Dokumente schildern gut 20 Kontakte mit „Jeanne“ von 1979 bis 1984. Auf die vielen Widersprüche seiner Akte angesprochen, erklärt er sibyllinisch: „In irgendeiner Art hat das stattgefunden.“

Hätte die Aktrice denn nicht bemerken müssen, mit wem sie sich da angeblich eingelassen hat? Oder ist Menge hinter biederer Maske eine Mischung aus Buchbinder Wanninger und John Le Carré? Vielleicht sogar der bessere Schauspieler?

Beim Gespräch im „Einstein“ entwickelt er seine Relativitätstheorie. Dazu trinkt er Römerquelle in großen Schlucken. Die trockenen Lippen bleiben. Man solle sich der damaligen Zeit erinnern. In einer merkwürdigen Mischung von Offensivgeist und Geheimniskrämerei schweift er ab oder schüttelt den Kopf, bis man glaubt, das sei Strategie. Ein Drehen und Wenden, plötzlich kann man sich vorstellen, dass er geschmeidig genug war, „Elisabeth“, „Franziska“, „Eva Bär“ oder „Peter Weiss“ zu gewinnen, Decknamen von Schnüfflern, die gleich „Jeanne“ Eingang in sein akkurates IM-Vorgangsheft fanden. Wir blättern darin. Doch, sagt Menge und grient in sich hinein, von fast allen wisse er noch, wer sich dahinter verberge. Es klingt, als sei niemand enttarnt.

In Gestalt des rustikalen Offiziers schlich sich die Stasi jedenfalls verdeckt ins Leben der Gröllmann ein. Sie war noch mit Regisseur Michael Kann verheiratet, von Menge als „IM Franz“ gekennzeichnet. Der Stasi-Gesandte kam mit einem unterm Briefkopf des Münchner Hotels Excelsior gefälschten (und sie belastenden) Schreiben, stellte sich mit „Helmut Holm“ vor und schwindelte, er sei von der Kripo. Diese „Legendierung“ habe er bis zum Ende durchgehalten. Tatsächlich schickte ihn die Stasi, HA II, Abteilung 13, „Bearbeitung von Auslandskorrespondenten“. Im geheimen „Auskunftsbericht“ klärt der Führungsoffizier das Procedere ab: als „Losung“ sei mit „IM Jeanne“ vereinbart gewesen: „Herzlichen Gruß vom Kollegen Helmut Holm. Er entschuldige sich …“

Wie in guten Thrillern scheint nichts, wie es war, und nichts war, wie es scheint. Hat nun gestimmt oder nicht gestimmt, was Menges Akte „Jeanne“ überliefert? Wir nerven ihn noch einmal am Telefon. Er ächzt vernehmlich: „Total aus der Luft gegriffen war nichts.“ Fügt aber hinzu: „Der Vorgang war ja nie für die Öffentlichkeit bestimmt!“ Wollte er sich etwa intern mit seiner in Ost und West bekannten Quelle in besseres Licht rücken?

Einerseits: Frau Gröllmann lässt via Anwalt fleißig richtig stellen: „Ich habe weder 1989 noch zu einem anderen Zeitpunkt Gespräche mit Personen geführt, die für mich als ,Führungsoffizier’ des MfS erkennbar gewesen wären.“ Andererseits rühmte sich Menge seines IM: „Der IM berichtete … wahrheitsgemäß und entsprechend der ihm erteilten Aufträge.“ An anderer Stelle steht: Diese Berichte seien „operativ wertvoll“ gewesen.

Wir sitzen unter einem Sonnenschirm. Es fängt zu regnen an, die Stunde der Wahrheit naht. Menge empfand sein auf eine Lüge gegründetes Dienstverhältnis mit dem „IM Jeanne“ normal und unkompliziert. Bei der Stasi herrschte ein strenges, militärisches Kontrollprinzip. Kaum anzunehmen, dass er sich selbst ad absurdum geführt hätte, indem er Vorgesetzten frei erfundene Berichte unterschob, meinen Insider. Wo aber liegt die Wahrheit? Stimmt das, was er vordem ebenso entschieden aufschrieb, oder das, was der in Konspiration Erprobte jetzt ebenso entschieden dementiert, indem er öffentlich hochgeheime Stasi-Protokolle relativieren, wenn nicht widerrufen will. Ein bisher einmaliger Fall, denn Menge betont: „Jenny Gröllmann hatte definitiv keine Kenntnis, dass sie bei uns IM war. Sie hat es nicht gewusst. Das kann ich hundertprozentig sagen.“ Echt sei nur ihre Registrierung als IM gewesen, „wir haben es ihr aber nicht gesagt“. In Klammern gesprochen fügt er hinzu: „Sie hat auch nicht danach gefragt.“ Dies habe er inzwischen ihrem Anwalt offenbart. Menge schiebt nach: Die im Bericht erwähnte „Verpflichtung“ habe er nie ausgesprochen.

Ob die Prominente nicht stutzig geworden sei, weil der vorgebliche Polizist Holm sie häufig sprechen wollte? Und nie im Büro der Kripo. Es ist nicht so, dass solche Zwischenrufe einen Geheimdienstveteranen wie ihn aus der Spur tragen. Man könnte den Eindruck haben, der sphinxhafte Menge genieße fast das alte Verwirrspiel. Na ja, sagt er und bläst die Backen: Man habe „so einen Spagat gemacht“, das Ganze solle einen „vertraulichen Rahmen“ haben. Schließlich war die Gröllmann nicht irgendwer.

Wie man sich dann die Tonbandabschriften erklären solle, die sich in der Akte „Jeanne“ häufen, wollen wir unbedingt noch hören. Manche Gespräche habe man heimlich mitgeschnitten. Wie James Bond spricht Menge von einem Mikrofon in einem Kugelschreiber, „Stuzzi“ genannt, wenn er es recht erinnere. Das Aufnahmegerät sei nicht größer als die Handfläche gewesen, er zeigt sie her. Unter die Protokolle setzte er gleichwohl ein „gesprochen ,Jeanne’“ und meldete: „Zusammenarbeit verlief ohne erkennbare Probleme.“

Die Stasi hatte ihr böses Auge auf Gröllmann geworfen, weil sie in Ost-Berlin akkreditierte BRD-Journalisten kannte. Unter „Geplante Einsatzrichtung“ tippte Menge mit hartem Anschlag, dass es fast das Papier durchstanzte: „Es wurde bereits herausgearbeitet, dass die Kandidatin mehrere Kontakte zu vorgangsmäßig bearbeiteten BRD-Korrespondenten unterhält.“ Diese Kontakte sollten beibehalten und „zur weiteren Aufklärung und Kontrolle dieser Korrespondenten … genutzt werden“. Die Stasi war scharf auf Infos über den namhaften Redakteur P. von der „Süddeutschen“, später „Stern“. Für die Stasi war er „Starnberg“.

Sieht man davon ab, dass IM-Akten oft etwas für Liebhaber absurden Theaters sind, wäre jede „Jeanne“-Notiz von Menge so bedeutungsvoll wie unsinnig, stünde da nicht ausdrücklich, „der IM belastete Personen“. Mal ging es um Sexuelles – „ist lesbisch“ –, mal um die Frage, wer vom Gorki-Ensemble ein Gastspiel beim Klassenfeind in der BRD zur Republikflucht nutzen könnte. Keinesfalls Regisseur Thomas Langhoff, der kehre laut IM „auf jeden Fall“ wieder in die DDR zurück, „da er genügend Privilegien besitzt“.

Ausdrücklich betont Menge 1983, dass „der Lebenskamerad nicht von der Zusammenarbeit mit dem MfS erfahren darf“. Gemeint war Ulrich Mühe. Das Rätsel, warum er den Hinweis gab, obwohl die Gröllmann nach seinen Worten doch überhaupt nichts von seiner Funktion bei der Stasi wusste, kann auch der beredte Experte nicht auflösen. Im November 1989 kommt die Akte erneut auf Mühe zurück: Vor ihm „wahrte der IM konsequent die Konspiration, da dieser das MfS und dessen Tätigkeit generell ablehnte“. Wer will, mag das als Manifestation ihrer Liebe nehmen, aber auch dafür, dass in der Ehe jedenfalls einer strikt die Stasi verachtete.

In der Rückblende wäre diese Geschichte vielleicht sentimental – die Geschichte einer Frau, die um ihre verlorene Ehre kämpft. Im Kern ist es jedoch mehr noch eine über das perverse Stasi-System. Menge findet offensichtlich nichts dabei, eine Täuschung inszeniert zu haben, die viel Unheil anrichtete, sondern fühlt sich 2006 zum Beschützer berufen: Er sei es ja nicht gewesen, der die Sache publiziert habe. „Sie hat mir vertraut, dass wir sie nicht hintergehen. Und das haben wir auch nicht.“ Ein unfreiwillig-verräterischer Satz. Dabei zeigte die Stasi nicht mal Respekt vor ihrer Kunst. „Nur durchschnittlich begabt“, vermerken Papiere. Und: „In moralischer Beziehung hat sich Jenny Gröllmann bisher nicht an sozialistische Normen gehalten.“ Laut Kaderakte hatte Menge selbst Probleme damit.

Nun ist die Lage einigermaßen verworren. Da gibt es für „Jeanne“ jetzt einen Persilschein durch MfSler Menge. Der hat es im Dienst auch sonst mit der Wahrheit nicht so genau genommen, um das Mindeste zu sagen. Und warum sollte die Entlastung kein Ablenkungsmanöver sein, die einer neuen Legende Vorschub leistet, schließlich war er in „der Abwehr feindlicher Angriffe gegen das MfS“ versiert. Menge klingt beleidigt, als man ihn anruft, um sich zu vergewissern, ob er seine Aussage notfalls beeiden würde: „Hab ick doch gesagt!“ Erst wenn es zum Schwur kommt, wird sich zeigen, ob der verdiente Kader zum belastbaren Zeugen taugt.

Denn da gibt es inzwischen auch ein für die „Super-Illu“ erstelltes wissenschaftliches Gutachten der Autoren Jochen Staadt und Tobias Voigt mit dem Befund, „Das vorliegende MfS-Schriftgut … weist Frau Jenny Gröllmann eindeutig als Inoffizielle Mitarbeiterin des MfS aus.“

Der erbitterte Rechtsstreit um die Akte „Jeanne“ gewinnt durch Menges spektakuläre Aussage weiter an Schärfe. Geht es nach Gröllmanns Anwalt, muss Filmregisseur Florian Henckel von Donnersmarck bereits die Behauptung unterlassen, Frau Gröllmann sei „IM-Agentin der Stasi“ gewesen. Der Suhrkamp-Verlag musste im Buch zu seinem Film „Das Leben der Anderen“ einschlägige Stellen schwärzen. Ihr Ex-Mann Ulrich Mühe darf nicht wiederholen, sie habe für die Stasi gespitzelt, was den einen oder anderen schon an DDR-Zensur erinnert. Trotz zweier Anfragen an ihren Anwalt war Frau Gröllmann für den Tagesspiegel nicht zu sprechen.

Führungsoffizier Menge will sich nun „Das Leben der Anderen“ ansehen. Es soll nicht zynisch klingen: „Ick seh den Ulrich Mühe heute noch jerne!“ Er bittet, „schreiben Sie nicht so schlecht über mich“.

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