Zeitung Heute : Der vergessene Junge

Eine Kinderleiche lag jahrelang in einer Tiefkühltruhe – und niemand hat den kleinen Dennis vermisst

Sandra Dassler[Cottbus]

Zwei Wochen ist es her, da sind die Mitarbeiter des Cottbuser Jugendamts gemeinsam ins Kino gegangen. Sie haben sich den Film „Die Kinder sind tot“ angesehen – die authentische Geschichte über eine 23-jährige Frau aus Frankfurt an der Oder, die im Sommer 1999 zwei kleine Kinder in ihrer Plattenbauwohnung verdursten ließ. Der Cottbuser Jugendamtsleiter Egbert Piosik hatte den Kinobesuch angeregt, weil er glaubte, dass solche Dinge überall in Deutschland immer wieder passieren können. Er hat sich nicht geirrt.

Etwa zur gleichen Zeit, als die Kinder in Frankfurt verdursteten, muss in einer Plattenbauwohnung in Cottbus ein vierjähriger Junge aufgehört haben, regelmäßig zu essen. Zweieinhalb Jahre später soll er tot gewesen sein, erst vor wenigen Tagen wurde die Leiche gefunden – in der Tiefkühltruhe seiner Eltern. Wirklich vermisst hatte ihn bis dahin niemand.

Nach allem, was die Ermittler bisher wissen und was die Mutter und andere Zeugen aussagten, war Dennis anders als seine sieben Geschwister, er kränkelte, konnte oft die Nahrung nicht behalten. Angelika B. hatte 1999 zwei ihrer Kinder zur Adoption freigegeben, die anderen waren „pflegeleicht“. Bis auf Dennis. Warum die heute 43-Jährige mit ihrem Sohn nicht zum Arzt ging, hat sie bisher nicht erklären können.

Zumal es ihrem Sohn mit der Zeit immer schlechter ging. Dennis konnte bald nicht mehr laufen, die Wohnung nicht verlassen. Vielleicht hat ihn deshalb niemand vermisst. „Die vielen Kinder waren doch kaum auseinander zu halten“ sagt ein Nachbar, „ nee, uns ist nichts aufgefallen.“

Der Nachbar sitzt in der „Video-Schänke“, einer kleinen Kneipe, versteckt am Rand des Cottbuser Stadtteils Sandow. Die „Video-Schänke“ war die Stammkneipe von Dennis’ Eltern, Falk und Angelika B. Hier sind die Fernsehteams vergangene Woche eingefallen, um das Milieu einzufangen, das den „Fall Dennis“ erklärbar machen soll: Alkoholiker in der Plattenbautristesse, wo keiner den anderen kennt. Doch die Klischees stimmen nicht ganz. Die Siedlung ist keineswegs verwahrlost. Auf den Parkplätzen stehen Mittelklassewagen. „Ich bin nicht asozial, ich arbeite“, sagt eine schlanke blonde Frau, der man ansieht, dass sie viel geweint hat. „Und überhaupt – der Falk und die Geli sind immer liebevoll mit ihren Kindern umgegangen.“ Sie fängt wieder an zu weinen: „Mir tun die Kinder so leid. Wie sollen die mit so was leben?“

2001 sollte Dennis eingeschult werden. Doch die Mutter bat darum, ihn ein Jahr zurückzustellen, weil er so kränklich sei. Das Schulamt gab der Bitte statt. Ein ärztliches Attest musste die Mutter nicht vorlegen. Ein Jahr später meldeten die Eltern Dennis für den Schulbesuch an. Wieder wies die Mutter darauf hin, dass Dennis ziemlich krank sei, an Diabetes leide. Das Gleiche hatte sie auch einer Mitarbeiterin des Cottbuser Jugendamtes erzählt, die des öfteren bei der Familie vorbeischauen musste, weil die älteren Kinder immer wieder die Schule schwänzten. Diese Mitarbeiterin hat nun alles, was sie wusste, aufgeschrieben. Und danach um psychologischen Beistand gebeten. Wahrscheinlich hat sie Dennis nie zu Gesicht bekommen. „Das musste sie auch nicht“, sagt die Cottbuser Sozialdezernentin Christina Giesecke: „Es ging bei den Besuchen immer um die älteren Geschwister.“ Natürlich wurde manchmal auch über Dennis gesprochen. Aber nie fielen der Mitarbeiterin Widersprüche in den Erzählungen der Mutter auf. Angelika B. sei im Gegensatz zu anderen vom Jugendamt betreuten Müttern immer „kooperativ“ gewesen. Es gab keine Hinweise auf Misshandlungen oder Vernachlässigungen der Kinder. „Trotzdem“, sagt Christina Giesecke, „fragen wir uns alle, wie wir Dennis hätten helfen können.“

Kurz vor der Einschulung im Jahr 2002 teilte die Mutter der Schulleitung mit, dass Dennis zur Behandlung seiner Zuckerkrankheit in die Berliner Charité eingeliefert worden sei. Und wieder fragte niemand nach. Ein Jahr später erzählte Angelika B., Dennis besuche auf Anraten des Arztes eine Förderschule. Man nahm es hin.

Fassungslos fragten Journalisten auf der Pressekonferenz, die von der Cottbuser Stadtverwaltung in der vergangenen Woche einberufen wurde: „Gab es denn keine Abstimmung zwischen den Schulbehörden? Herrscht im Land Brandenburg keine allgemeine Schulpflicht?“ Eine Antwort steht bis heute aus. Das Potsdamer Bildungsministerium prüft den Fall, der Leiter des Cottbuser Schulamts wird nicht müde zu betonen, dass auch die Mitarbeiterin des Jugendamtes gesagt habe, Dennis sei krank. Doch ersetzt das ein ärztliches Attest, eine Anfrage im Krankenhaus oder in jener Förderschule, die der Junge angeblich besuchte?

Es sollte noch einmal ein ganzes Schuljahr dauern, bis jemand stutzig wurde. Es war nicht die Betreuerin des Jugendamts und auch kein Vertreter der Schule. Eine Mitarbeiterin des Sozialamtes, bei der die Eltern von Dennis – beide Sozialhilfeempfänger – ihre Leistungen beantragten, wunderte sich, als der Vater erzählte, sein Sohn sei mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen worden. Sie hatte nie eine entsprechende Rechnung gesehen. „Es war nur so ein Bauchgefühl“, sagt die Christina Giesecke. „Die Mitarbeiterin hat uns informiert, wir haben nachgefragt – und tatsächlich: es gab keinerlei Arzt- oder Krankenhausrechnungen für Dennis.“

Christina Giesecke ist nicht wohl bei dieser Aussage. Denn eigentlich unterliegen derartige Auskünfte dem Datenschutz. Hätten sich alle Beteiligten an die strengen Vorschriften gehalten, wäre wohl auch weiterhin nichts geschehen. So aber informierte das Jugendamt die Polizei, die befragte die Eltern zum ersten Mal intensiver nach Dennis. Als sich Angelika B. in Widersprüche verstrickte, wurden die Eltern vorläufig festgenommen. Erst dann sagte die Mutter endlich, wo ihr Sohn wirklich zu finden war.

Gottfried Lindner von der Cottbuser Mordkommission war der Erste, der Dennis wieder zu Gesicht bekam. Beziehungsweise das, was von dem wahrscheinlich im Dezember 2001 verstorbenen Jungen übrig war: eine halb verweste Leiche in einer Tiefkühltruhe.

„Das muss mir die Geli ins Gesicht sagen, bevor ich es glaube“, sagt die blonde Frau in der „Video-Schänke“. „Die hat hier mit uns getrunken, gelacht und getanzt – und zu Hause in der Kühltruhe lag ihr totes Kind. Am letzten Sonnabend war ich noch bei ihr in der Wohnung.“

Die Tiefkühltruhe stand in der Küche der B.s, eine Decke hing darüber, auf der eine Kaffeemaschine stand. Die Truhe sei defekt, hatte Angelika B. ihrem Mann und ihren Kindern gesagt. So kam niemand auf die Idee, den Deckel zu öffnen. Irgendwie muss der Mutter klar gewesen sein, dass man ihr den Tod des unterernährten Jungen vorwerfen würde. Also hat sie den Leichnam verschwinden lassen. Und machte ihrer Familie weis, Dennis sei in der Charité. Immer, wenn der Vater oder ein anderes Familienmitglied vorschlugen, den Jungen zu besuchen, erfand Angelika B. eine Ausrede, warum das gerade nicht möglich sei.

„Damit gibt sich doch ein normaler Mensch nicht zweieinhalb Jahre lang zufrieden“, sagen die Männer in der „Video-Schänke“. Hier glaubt niemand, dass „der Falk von nichts wusste“. Im Gegenteil: „Die haben doch auch das Kindergeld eiskalt weiter kassiert.“

Haben sich die Ämter etwas zu Schulden kommen lassen? Staatsanwalt Tobias Pinder glaubt das nicht. Andernfalls würde er keinen Moment zögern, Anklage zu erheben. Denn die Bilder von Dennis gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Wie ein Vögelchen habe der Junge ausgesehen, sagen alle, die sich die Fotos ansehen mussten.

Wie ein Vögelchen – so haben wohl auch die Geschwister ihren Bruder in den Jahren vor seinem Tod wahrgenommen: ein blasses, abgemagertes Kind, das still in einer Ecke saß und mit seinen Bauklötzen spielte.

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