Zeitung Heute : Der Verleger als Kavalier

Meike Feßmann

Literatur, Kunst, Philosophie und Musik waren seine Leidenschaft - Er starb kurz vor seinem 89sten Geburtstag in MünchenMeike Feßmann

Er war "das Inbild des patriarchalen Verlegers und des Bildungsbürgers", sagt Peter Härtling, auch wenn der "große Schatten des Vaters" Zeit seines Lebens über ihm schwebte. Klaus Piper, am 27. März 1911 in München geboren, ist nur wenige Tage vor seinem 89sten Geburtstag in seinem Haus in München gestorben. Sein Spitzname war "KP", angesichts der soignierten Erscheinung eine schöne Ironie. Der Sohn des Verlagsgründers Reinhard Piper und seiner Frau Gertrud trat 1932 in den Verlag ein, 1941 wurde er Mitinhaber. Nach dem Tod des Vaters gab er dem Verlag ein neues Profil.

Literatur, Kunst und Philosophie standen, bereichert um die eigenen Vorlieben, im Zentrum. Klaus Pipers große Leidenschaft war die Musik. In der Mitte seines holzgetäfelten Arbeitszimmers prangte ein Flügel, auf dem sich die Neuerscheinungen des Verlages stapelten. Bei Empfängen in seinem Hause, einer prächtigen und doch privat wirkenden Jugendstilvilla in der Schwabinger Georgenstraße, setzte sich Klaus Piper manchmal an den Flügel und gab sich seiner Leidenschaft hin. So prägten Joachim Kaiser, Alfred Brendel, August Everding, Yehudi Menuhin das verlegerische Programm.

Karl Jaspers und Hannah Arendt stärkten nicht nur das Profil des Verlags, sondern bestimmten auch die gesellschaftliche Diskussion jener Jahre. Später kamen Autoren wie der kritische Theologe Hans Küng dazu und Walter Jens. Auch der Name von Ingeborg Bachmann ist eng mit dem Piper Verlag verknüpft. In graukartoniertem Einband und blauer Schmuckkassette setzte die Werkausgabe Maßstäbe, weil sie einen erschwinglichen Preis mit sorgfältiger Edition und ansprechendem Äußeren verband. Fachmann war Klaus Piper auch in dieser Hinsicht, gehörte er doch zu den Mitbegründern des Deutschen Taschenbuchverlags.

Freunde der italienischen Literatur wurden bei Piper immer fündig. Da gab es Elsa Morante, Pier Paolo Pasolini, das Autorenduo Fruttero & Lucentini und viele andere. Der größte Schriftsteller in der Geschichte des Verlags war Dostojewski. Ihm folgten andere russische Autoren. Die Schriften des Regimegegners Alexander Solschenizyn waren eine Zeit lang in aller Munde.

Lothar-Günther Buchheims "Das Boot" wurde zum Riesenerfolg, die Verkaufszahlen von Sten Nadolnys "Entdeckung der Langsamkeit" gingen in die Million, und doch kam der Verlag Mitte der 90er Jahre in Schwierigkeiten. Umsatzrückgänge und der Weggang von Frederick Forsyth trieben Piper in die Enge. Private Auseinandersetzungen mit dem Sohn Ernst Reinhard Piper, lange Jahre designierter Nachfolger, kamen hinzu. Und so entschloss sich Klaus Piper 1995, das Familienunternehmen zu verkaufen: überaschenderweise an den schwedischen Verlagskonzern Bonnier.

Klaus Piper war ein stiller und genauer Beobachter. Jahrelang nahm er an den Tagungen der Gruppe 47 teil. Als Günter Grass eines Tages aus der "Blechtrommel" las, erzählt Peter Härtling, bekundete auch Klaus Piper sein Interesse. Der junge Grass besuchte ihn in München. Es kam nicht zum Abschluss. Klaus Piper aber brachte ihn, ganz Kavalier alter Schule, zum Zug. Als dieser losfuhr, begann auch Klaus Piper zu laufen und rief immerzu: "gute Gedeihlichkeit, gute Gedeihlichkeit!" Eine Geschichte, die den Charakter Klaus Pipers wie in einem Brennglas einfängt.

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