Zeitung Heute : Der verlorene Vater

Er flog für die Wehrmacht, setzte sich nach Argentinien ab, arbeitete wieder für das Militär. Bis die Junta seinen Sohn verschleppte

Jana Simon

Rolfi kommt nicht mehr. Sein Vater weiß es seit 26 Jahren, nur vergessen kann er nicht. Desiderius Stawowiok kann sich vorstellen, wo er ist, verscharrt im argentinischen Boden, auf dem Grund des Meeres oder verschollen in einem Massengrab. Rolfi ist verschwunden, von dieser Erde getilgt wie rund 30000 andere, die in den 70er und 80er Jahren vom argentinischen Militär verschleppt und ermordet wurden. Aber ganz sicher kann Stawowiok nicht sein. Es gibt keine Gewissheit, niemals. Für ihn ist Rolfi 19 geblieben, wie an dem Tag, als er fortging. Auf dem letzten Foto von ihm, dass der Vater vor den Militärs gerettet hat, ist er 13. Ein schmaler Junge lächelt ein wenig unsicher in die Kamera. Er trägt eine braune Jacke, ein kariertes Hemd, die brünetten Haare sind gescheitelt. Der Vater sagt, Rolfi habe ausgeschaut wie er, als er jung war. Stawowiok betrachtet manchmal alte Aufnahmen von sich selbst, um seinen Sohn zu sehen.

Heute hängt das Foto in Viernheim in der Nähe von Mannheim über dem braunen Sofa, links. Stawowiok ist nach Deutschland heimgekehrt. In seiner kleinen Wohnung regiert das Papier, es stapelt sich auf Tischen, Stühlen, steckt in Heftern, verstopft Regale und Schubladen. Dazwischen sitzt der Vater, der Bart grau, die Augen klein, tiefe Falten haben sich in seine Wangen gegraben. Er ist jetzt 81 und führt seinen letzten Kampf. Der „Fall Rolfi“ füllt mehrere Ordner.

Der Berliner Anwalt, Wolfgang Kaleck, hat gegen argentinische Junta-Generäle in Deutschland Strafanzeige wegen Mordes gestellt. Gleichzeitig läuft ein Auslieferungsverfahren. Mindestens 100 Deutsche sind in Argentinien verschwunden. Kaleck vertritt 25 Fälle, auch den von Rolfi. Alle Verfahren wurden dieses Jahr eingestellt. In den meisten Fällen wurden keine Leichen gefunden. Es gäbe demnach keine eindeutigen Beweise für die Morde, sagte die Staatsanwaltschaft. Kaleck hat Beschwerde gegen diese Entscheidung eingelegt.

Der Vater senkt den Kopf, die Hände zusammengefaltet wie zu einer Faust, die Stimme hoch. Keiner der „Desaparecidos“, wie die Verschwundenen in Argentinien genannt werden, sei zurückgekehrt. Man wisse, was mit ihnen geschehen sei. „Selbst wenn Rolfi nach einem Verhör gestorben ist, bleibt es Mord“, sagt er. Draußen scheint die Sonne, Argentinien scheint sehr nah. Der Vater will wieder zurück. Das Land, in dem sein Sohn umgebracht wurde, ist doch Heimat geworden. Dies ist auch eine Geschichte darüber, wie die Vergangenheit die Gegenwart bestimmen kann. Wie ein Mann von Deutschland nach Argentinien gelangt und wie einer, der selbst tief mit den Militärs verbunden ist, ihr Opfer wird.

Aufgewachsen ist Desiderius Stawowiok in Bielitz, Ostschlesien. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt, die Mutter war Schauspielerin und viel auf Reisen. Stawowiok nannte sie nur die „holde Mutti“. In Wirklichkeit lebte er mit seiner Schwester in einem deutsch-katholischen Waisenhaus. Als Stawowiok zwölf war, erschien die Mutter wieder und besuchte ihn ab und zu im Heim. Hat ihn das geschmerzt? Er sitzt auf dem Drehsessel in seiner Wohnung, still. Stawowiok spricht nur über die Freude, wenn die Mutter kam. In der Erinnerung ist sie immer die Holde geblieben.

Am 3.September 1939 marschierten die Deutschen in Bielitz ein. „Deutschland kam wieder zu uns“, sagt Stawowiok. Er hatte sich immer als Deutscher unter Polen gefühlt, es gab Beleidigungen und Prügeleien. Für die deutschen Soldaten spielte er den Fremdenführer und wurde bald gefragt, ob er nicht Gefolgschaftsführer bei der Hitlerjugend werden wolle. „Ich hatte keine Ahnung vom Nationalsozialismus“, sagt Stawowiok, er dreht sich im Sessel hin und her. Es klingt, als sei es eine logische Folge gewesen: deutsch also Hitlerjugend. Später stieg er zum Bannführer auf. „Die Rassenfrage war überhaupt nicht interessant. Es stand mehr das Sportliche im Vordergrund, die Natur“, sagt er. Mit 17 meldete er sich freiwillig an die Front. „Ich wollte für Deutschland kämpfen.“ Er dachte, er würde es verteidigen. „Mein Kampf“ hat er nie gelesen, er träumte von den Fallschirmjägern. Zuerst wurde er jedoch Bordmechaniker, später dann doch Fallschirmjäger, eingesetzt in Italien, der Normandie und an der Ostfront. „Ich weiß nicht, wie viele ich erschossen habe, oder ob überhaupt welche“, sagt er, schweigt und fügt hinzu: „Ich bin stolz darauf, dass kein einziger Fallschirmjäger wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde.“

Stawowioks Wangen sind gerötet, er redet schnell. Diese Zeit seines Lebens scheint sehr präsent, er hat sich alle Daten gemerkt, die Orte präzise eingeprägt. An seinen Sohn Rolfi kann er sich so detailliert nicht erinnern. Der Krieg hat alle anderen Ereignisse besiegt. Stawowiok holt eine Stange Schokopralinen aus dem Schrank, schüttet sie auf einen Teller. Als der „Krieg verloren war“, wie er sagt, kam er in amerikanische Gefangenschaft, drei Tage später floh er Richtung Halberstadt. Dort wohnte seine „Kriegsbraut“. Er versuchte, seine Familie zu finden, 17 Mal drang er schwarz in die russische Zone ein. Ohne Erfolg.

„Ich fühlte mich besetzt“, sagt Stawowiok. Er war begeisterter HJ-Führer und Fallschirmjäger gewesen. Wie viele will er erst nach dem Krieg über die Verbrechen der Nazis, die Konzentrationslager erfahren haben. „Es war ein Schock“, sagt er. „Ich habe mich geschämt, das ist keine deutsche Art.“ Er entschied sich, Deutschland zu verlassen, vielleicht auch aus Furcht, dass seine HJ-Vergangenheit ihm im neuen Deutschland Probleme bereiten könnte. Über Frankreich floh er nach Spanien. Stawowiok beginnt, zwischen den vielen Papieren in der Wohnung seinen Lebenslauf zu suchen. In Schreibmaschinenschrift steht dort der Grund für seine Ausreise: „Zeitliche und räumliche Distanzierung von den Ereignissen, zur besseren Analyse und Verständnis der letzten Vergangenheit.“ Fünf Jahre wollte er fortbleiben. Durch einen Zufall vermittelte ihm die jüdische Organisation „Joint“ eine Schiffspassage nach Argentinien. Es hätte auch ein anderes Land sein können.

Nach seiner Ankunft 1948 in Südamerika arbeitete Stawowiok mehrere Jahre an einem militärischen Forschungsinstitut. Er sagt bis heute „Forschungsinstitut der Wehrmacht“ und entschuldigt sich dafür, lächelt, er kann nicht anders. Dort gab es eine deutsche Gruppe. Nazis? „Hatten wir eigentlich einen Nazi?“, fragt er sich selbst laut. Nein, nur ehemalige Wehrmachtsangehörige. Stawowiok forschte und entwickelte Spezialwaffen wie Hohlladungen. Das sind Sprengkörper, deren Spitzen hohl sind, wodurch die Durchschlagskraft erhöht wird. Hatte er moralische Bedenken? Stawowiok schweigt einen Augenblick, lächelt wieder. „Es gibt nichts auf der Welt, das nicht missbraucht werden kann.“ Es klingt, als hätte er diesen Satz schon oft wiederholt, so lange, bis er ihn glaubte. Aus diesen ersten Jahren stammen auch seine guten Kontakte zum argentinischen Militär. Im Grunde war er einer von ihnen.

Nach fünf Jahren wollte er nach Deutschland heimkehren, er hatte die Überfahrt schon bezahlt. Wegen einer Frau gelangte er zu spät zum Hafen. Also heiratete er die Frau und blieb. Das könnte der Anfang einer sehr romantischen Geschichte sein, ist es aber nicht.

Desiderius Stawowiok arbeitete in verschiedenen Betrieben, in Kohlebergwerken, einer Strickmaschinenfabrik, bei Mercedes Benz, meist in leitender Funktion. Alle zwei, drei Jahre wechselte er den Job. Für kurze Zeit war er in einer Gießerei, dort begegnete ihm ein älterer Herr an der Materialausgabe, auch ein Deutscher, der Stawowiok immer bevorzugte und genau darauf achtete, dass alle Werkzeuge rechtzeitig zurückgebracht wurden. Zwei Jahre später erfuhr er, wer es war. Adolf Eichmann.

Stawowioks Kinder wurden geboren: erst Rolfi, dann seine Tochter Alicia. Familie hatte er sich gewünscht. „Aber meine Frau mochte keinen Haushalt führen“, sagt er. Immer wenn das Gespräch auf seine Frau kommt, wird die Stimme von Stawowiok ein wenig höher, seine Finger krampfen sich ineinander. Rolfi und Alicia gingen ab der ersten Klasse auf ein Internat und kamen nur am Wochenende heim. Der Vater dachte, Kinder mögen ins Kino und danach etwas Süßes essen gehen. Jahre später gestand ihm seine Tochter, sie seien nur den Eltern zuliebe mitgekommen. Es wurde nicht viel geredet bei den Stawowioks, jeder existierte für sich allein. Rolfi sei sehr verschlossen gewesen, sagt sein Vater. „Und er war ein guter Sportler wie ich.“ Er wird immer seltsam stumm, wenn es um seinen Sohn geht. Es fehlen Anekdoten, kleine Erlebnisse, an die man sich erinnert, wenn man jemandem sehr nahe ist. Im Rückblick schmerzt es den Vater, dass er nie ein tieferes Verhältnis zu seinem Sohn aufbauen konnte. Dafür haben sie sich zu selten gesehen.

Die Kinder waren Deutsche, gingen auf eine deutsche Schule in Buenos Aires, zu Hause sprachen sie aber spanisch. „Die ersten Nachkommen der Einwanderer sind die größten Nationalisten“, sagt Stawowiok. Nach dem Sturz Perons 1976 herrschte in Argentinien eine Militärdiktatur, die jegliche Art von Opposition grausam unterdrückte. Tausende verschwanden, wurden gefoltert, umgebracht. Rolfi träumte von Gerechtigkeit, von gleichen Bedingungen für alle sozialen Schichten und schloss sich den Montoneros an, einer Untergrundvereinigung, die aus der linksperonistischen Gewerkschaftsbewegung entstanden war. Sie kämpften gegen die Militärjunta ihrerseits mit Guerillamethoden wie Lösegelderpressungen, Entführungen und Morden. Der Vater bemerkte erst nichts von den politischen Aktivitäten seines Sohnes. Rolfis Freundin erzählte es ihm schließlich. Der Vater hatte zum Teil Verständnis für den Kampf seines Sohnes, auch er war enttäuscht von den Militärs der jungen Generation. „Ihre Vorgehensweise entsprach nicht meinem Gerechtigkeitsgefühl.“ Andererseits fürchtete er um Rolfi, drängte ihn aufzuhören. Der Sohn sagte nur: „Du bist mit 17 freiwillig in den Krieg gezogen.“ Da schwieg der Vater. Manchmal übernachtete Rolfi bei den Eltern, manchmal nicht. Er borgte sich den Aktenkoffer des Vaters und arbeitete als Chemiker in einer Fabrik. Was wusste der Vater damals über seinen Sohn? Stawowiok schweigt, nimmt eine Praline. „Er trug keine Waffe“, sagt er in die Stille. Und Rolfi hatte ihn einmal gewarnt: „Papi, es ist besser, wenn Du nicht so viel erfährst.“ Einmal fragte Rolfi ihn, ob er vor der Haustür einen Ford Falcon gesehen hätte. Den Wagen, in dem die Militärs warteten, wenn sie einen abholten. Die Stimmung in Argentinien war gespannt, jeder misstraute jedem. Warum sind sie nicht zurück nach Deutschland gegangen? Stawowiok lässt die Schultern sinken. Er habe Rolfi außer Landes schaffen wollen. Der hatte gesagt, noch zwei Wochen, er müsse etwas erledigen. Zwei Wochen waren zu lang.

Der Vater sah Rolfi das letzte Mal an einem Montagmorgen, bevor er zu einer Dienstreise aufbrach. Rolfi ging an jenem 20.2.1978 zur Arbeit wie immer. Später hat Stawowiok recherchiert, dass er dort zwischen neun und zehn Uhr von einem Freund angerufen wurde: Rolfi solle sich sofort mit ihm treffen. Der Freund befand sich in diesem Augenblick schon in den Händen der Militärs. Der Anruf war eine Falle. Rolfi verließ um elf Uhr seinen Arbeitsplatz und kam nie mehr zurück.

Ein paar Stunden später drangen fünf Schwerbewaffnete in die Wohnung der Stawowioks. Sie leerten die Schubladen aus, rissen Kleider aus den Schränken, bedrohten Mutter und Schwester und nahmen alles mit, was Rolfi gehörte. Nichts sollte mehr an ihn erinnern, als hätte er nie gelebt. So gewinnen die „Verschwundenen“ Macht über die Hinterbliebenen, sie setzen sich in den Träumen fest und wandern durch ihr Leben wie Gespenster.

Einer der Männer deutete auf die Halskette der Schwester: „Die haben wir auf der Fotografie gesehen.“ Das Bild der Schwester trug Rolfi immer bei sich. Das war der Moment, in dem die Schwester wusste, sie haben ihn. Die Männer beschwichtigten, Rolfi sei bei einer Razzia entkommen, das Foto aus seiner Brieftasche gefallen. Nur die Brieftasche konnte nicht herausfallen, dafür waren Rolfis Jeans zu eng, sagt der Vater. Er sitzt am Tisch, die Hände gefaltet, vor ihm liegen Papiere verteilt, seine Aussage bei der Staatsanwaltschaft in Nürnberg. Mehr als 20 Jahre später.

In Argentinien wurden die Führer der Militärjunta nach dem Sturz der Diktatur 1983 verurteilt, kurz darauf aber wieder begnadigt. Außerdem erließ der damalige Präsident Raul Alfonsin 1986/87 die Gesetze über den Befehlsnotstand, die niederrangige Militärs von der Strafverfolgung ausnahmen, und das Schlusspunktgesetz, durch das noch nicht verurteilte Militärs amnestiert wurden. Das argentinische Parlament hat diese Amnestiegesetze im vergangenen Jahr aufgehoben. Momentan entscheidet das oberste Gericht darüber, ob diese nachträgliche Aufhebung rechtmäßig war. Davon hängen auch die Verfahren und das Auslieferungsgesuch Deutschlands ab. Kann ein Prozess Gerechtigkeit bringen? „Ich möchte endlich wissen, wo seine Leiche ist“, sagt Stawowiok. Jedes Jahr zu Allerheiligen geht der Vater auf einen Friedhof, sucht ein Grab, auf dem besonders wenig Blumen stehen und zündet eine Kerze an. Es gab nie einen Abschied für ihn.

Damals dachte Stawowiok, dass er Rolfi befreien könnte wegen seiner guten Kontakte zum Militär. Ein hoher General war Taufpate der Tochter. Aber es verschwanden selbst die Söhne und Töchter von Militärs. Es gab keine Ordnung, keine Struktur mehr, an die man sich halten konnte. Der Vater wandte sich an die deutsche Botschaft, die Beamten konnten ihm nicht helfen. Ihm wurde ein argentinischer Verbindungsmann empfohlen, später stellte sich heraus, er war ein Spitzel der Junta. Der Vater schreit nun fast. Dass die Deutschen anscheinend davon wussten und ihm eine vertraute Atmosphäre vorspielten, hat ihn bitter zurückgelassen. 1978 war das Jahr der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien, man wollte Ruhe, keine Verstörungen. Nach drei Wochen des Bemühens bemerkte der Vater, dass sich keiner mehr für Rolfi interessierte. Er ahnte, sein Sohn lebt nicht mehr. Seitdem erscheint immer wieder das gleiche Bild in seinem Kopf: wie Rolfi gefoltert wird. Das war üblich, alle wussten es.

Fortan regierte Schweigen die Familie. Mutter und Tochter glaubten weiter an Rolfis Rückkehr, der Vater war von seinem Tod überzeugt. Die Ehe zerbrach. Stawowiok schaut sich in seiner Wohnung um, er lebt von Sozialhilfe in Deutschland. Bald wird er nach Argentinien zurückkehren. Seine Tochter ist noch dort. Er teilt die Welt weiter in gute und schlechte Militärs. Die Schlechten haben seinen Sohn ermordet, hassen kann er sie nicht. Wie ging das Leben weiter, nachdem es zerstört wurde? Stawowiok versuchte, Menschen zu helfen, in dem er über einen Verband Weiterbildungskurse für Arbeiter und Unternehmer anbot und stellte sich vor, das wäre in Rolfis Sinne. Genau weiß er es ja nicht, er konnte ihn nie fragen. Manchmal spricht der Vater jetzt mit dem Foto seines Sohnes.

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