Zeitung Heute : Der Verlust von Kultur

Edvard Munchs Gemälde sind nicht die einzigen, die Räubern zum Opfer fielen – und zwei von vielen, die nicht versichert waren

Christina Tilmann

Kunsträuber haben zwei Gemälde von Edvard Munch gestohlen. Wie sind solche Bilder in Museen gesichert und was können die Täter mit so bekannten Werken anfangen?

Irre Kunstliebhaber – oder abgebrühte Erpresser: Das sind die Tätergruppen, die beim Kunstraub in Oslo zuerst in Verdacht geraten. Die Täter, die am Sonntag kurz nach 11 Uhr maskiert das Munchmuseum in Oslo stürmen und binnen weniger Sekunden die berühmtesten Gemälde des Hauses, Edvard Munchs „Der Schrei“ von 1893 und „Madonna“ aus dem Jahr 1894, von der Wand reißen, wussten, was sie taten – und sie haben Vorbilder.

Es war fast der gleiche Ort, das gleiche Bild und die gleiche Situation: Schon einmal, im Februar 1994, war eine Version von Munchs „Der Schrei“ – das Bild existiert in vier Varianten – , in Oslo gestohlen worden, damals aus der Nationalgalerie und wenige Stunden vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele im norwegischen Lillehammer. Diesmal war es kurz vor einer Olympia-Übertragung aus Athen mit norwegischen Goldfavoriten. Das Bild aus dem Nationalmuseum konnte 1994 sichergestellt werden, nachdem die Täter eine Million Dollar Lösegeld gefordert hatten. Für den jüngsten Kunstdiebstahl liegen noch keine Forderungen vor. Sollten die Entführer auf eine Versicherungserpressung spekulieren, haben sie falsch gerechnet: Die Bilder seien nicht gegen Diebstahl, sondern nur gegen Brand- und Wasserschäden versichert, erklärte John Öyass, Leiter der zuständigen Oslo Forsikring: Die Gemälde, deren Wert von Experten auf 100 Millionen Dollar geschätzt werden, gelten wegen ihrer Bekanntheit als unverkäuflich.

Dass Bilder dieses Formats nicht gegen Diebstahl versichert sind und in den Museumsräumen auch nur schlecht gesichert, ist leider kein Einzelfall. Auch nicht, dass gerade sie Opfer von Diebstählen werden: Kunstikonen, die ihren Weg millionenfach auf Tassen, T-Shirts und Plakate gefunden haben, sind ein bevorzugtes Objekt der Begierde – und sei es, um in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu erregen. Der Fall, der am meisten Aufsehen erregte, ereignete sich 1911 in Paris, als ein italienischer Spiegelhersteller Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ entwendete. Aber auch in jüngster Zeit häufen sich die Fälle: Im Mai 2003 wurde aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien Benvenuto Cellinis kostbares „Salzfass“ gestohlen, ein von seiner Machart her einzigartiges Kunstwerk – und weder ver- noch ausreichend gesichert. Ein Jahr zuvor waren aus dem Berliner Brücke-Museum neun Expressionisten verschwunden, die einige Wochen später wiedergefunden wurden.

Für den offiziellen Handel sind solche Werke allerdings wertlos: Jeder, der bei einem seriösen Kunsthändler zum Beispiel Munchs „Der Schrei“ zum Verkauf anböte, würde sofort angezeigt. Und auch auf dem Schwarzmarkt dürfte ein Werk von solcher Prominenz zu viel Aufmerksamkeit erregen. Das bringt die Vorstellung eines verrückten Kunstliebhabers ins Spiel, der die beiden Munch-Bilder gezielt entwenden ließ, um sich daheim an ihrem Besitz zu erfreuen. Schon bei der Entwendung von Benvenuto Cellinis Salzfass in Wien war auf einen Auftragsdiebstahl spekuliert worden. Es war nie eine Lösegeldforderung gekommen; das kostbare Stück ist bis heute verschollen.

Nachgewiesen worden ist ein solcher Fall von Besitzgier noch nie. Er entspringt wohl der Idee, dass Kunstleidenschaft als Motiv verzeihlicher wäre als reine Geldgier. Die Vorstellung, dass sich ein Besessener auf den Besitz von Munchs „Der Schrei“ kapriziert haben sollte, ist kaum weniger beunruhigend. Immerhin gilt das Gemälde mit der zu einer Maske des Grauens erstarrten Gestalt im Vordergrund als eines der bedeutendsten Werke der Moderne. Munch selbst hatte auf den Gemälderand geschrieben: „Kann nur von einem Wahnsinnigen gemalt worden sein.“

Seiten 23 und 28

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