Zeitung Heute : Der Vertraute, der ihm blieb

Was sich im Düsseldorfer Landtag abspielte

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Von Jürgen Zurheide,

Düsseldorf

Hans-Joachim Kuhl war guter Dinge wie immer. „Nein, Jürgen Möllemann ist noch nicht hier, er hat Termine in Düsseldorf, aber ich erwarte ihn heute Nachmittag im Landtag“, erzählte der Vertraute des Münsteraners noch am Morgen, aber sein Lächeln war nicht so entspannt, wie er es üblicherweise zur Schau trug. Kuhl war so etwas wie der treue Ekkehard des Politikers, er war ihm in den vergangenen Jahren auf allen Stationen gefolgt und hatte ihn auch nicht verlassen, als Möllemann aus der FDP ausgetreten war.

Kuhl wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich längst, dass die Ermittler an vielen Orten der Republik und auch im europäischen Ausland bereit standen, um nach belastenden Materialien zu suchen. „Ja, ich hatte da Anrufe von Journalisten“, berichtete Kuhl und in jenen Momenten wich die Heiterkeit aus seinen Zügen. Ob er darüber mit Möllemann gesprochen hatte, mochte er nicht kundtun: „Kein Kommentar.“ Natürlich hatten die beiden darüber geredet, denn was die Journalisten seit Tagen wussten, war auch bei Möllemann angekommen. Seit Tagen waren Eingeweihte darüber informiert, dass die Staatsanwaltschaften in Münster und Düsseldorf eine groß angelegte Aktion planten. „Der Staatsanwaltschaft ist der Geduldsfaden gerissen“, hatte einer der Kundigen am Tag zuvor gesagt und geraten, am Donnerstag um die Mittagszeit mal bei der Staatsanwaltschaft Münster zu fragen, was gleich passieren würde.

Razzia an 25 Stellen

Die Ereignisse waren danach dramatischer, als der Informant sich das vorgestellt hatte. Die Pressemitteilung der Staatsanwalt war schon geschrieben und berichtete davon, dass an insgesamt 25 Orten in vier Ländern gegen den Politiker nach belastenden Akten gesucht werden sollte. Doch die entscheidende Nachricht lieferten nicht die Staatsanwälte, sondern Möllemann. Er hatte davon gehört, dass die Ermittler in Berlin beantragt hatten, seine Immunität aufzuheben. Um exakt 12 Uhr 20 kam die entsprechende Nachricht für die Ermittler und zeitgleich standen sie vor der Tür des Privathauses in Münster, vor seinem Landtagsbüro, bei Banken im In- und Ausland und ließen selbst sein Ferienhaus auf Gran Canaria nicht aus.

Als die Bestätigung von Möllemanns Tod im Landtag eintrifft, hat Kuhl das Gebäude bereits verlassen. Auch gegen ihn wird ermittelt, denn er soll eine nicht unwichtige Rolle bei den Finanztricksereien gespielt haben, das zumindest unterstellen die Ermittler. Während Kuhl entschwunden ist, bleibt der Flur in der ersten Etage gesperrt, in dem sich sein Büro zuletzt befand. Hinter der Scheibe stehen die Staatsanwälte, sie tragen Akten zusammen. Der Beschuldigte ist zu diesem Zeitpunkt längst tot.

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