Zeitung Heute : Der verwandelte Rebell

Der Tagesspiegel

Von Stephan Israel, Skopje

Eine enge Kurvenstraße führt den Berg hinauf. In der einzigen Kneipe des kleinen Dorfes sitzen junge Männer an den Tischen und spielen Karten. Zu Kriegszeiten war der Ort am steilen Hang des Shar-Gebirges die Schaltzentrale des Rebellenführers Ali Ahmeti. Nun ist Ahmeti Herr über die offiziell demobilisierte albanische Nationale Befreiungsarmee UCK und das Bergdorf seine Residenz.

In Ahmetis Büro klingelt alle paar Minuten eines der Mobiltelefone auf dem Fenstersims. Er verfügt über ein halbes Dutzend von ihnen, um Verbindungen nach draußen zu pflegen und die Fäden zu ziehen. Er steht in engem Kontakt mit der Nato-Truppe in Mazedonien und bespricht mit deren Vertretern fast täglich Probleme bei der Umsetzung des Friedensabkommens. Gerade gibt es Streit um die Rückkehr der mazedonischen Polizei in ein ehemaliges Rebellendorf. Noch vor einem Jahr schimpfte der Nato-Generalsekretär George Robertson Ahmeti und seine Anhänger eine kriminelle Bande von Terroristen, mit denen nicht zu verhandeln sei. Heute wird der Führer der ehemaligen UCK von seinen Besuchern als verlässlicher Partner im Friedensprozess gelobt. „Ohne mich und meinen Stab hätte es auch Anschläge auf Busse und Bahnhöfe gegeben“, sagt Ali Ahmeti. So starben „fast nur Polizisten und Soldaten“.

Ahmeti ist ein unscheinbarer Mann. Es fehlt ihm das Charisma des Guerillaführers. Er ist nervös, raucht während des Gesprächs eine Zigarette nach der anderen. Versinkt im Sessel, sieht auf den Boden. Wie konnte der Terrorist zum Friedensstifter werden? Ahmetis einfache Antwort: „Wir wussten, dass die internationale Gemeinschaft die Lage in Mazedonien nicht richtig versteht.“

Eskalation im Grenzdorf

Er ist vor 43 Jahren in einem Dorf im albanischen Westen Mazedoniens zur Welt gekommen. Bis zuletzt war seine Laufbahn typisch für einen Albaner aus dem Kosovo oder Mazedonien. Er studierte an der Universität in Pristina, wurde dort politisiert und radikalisiert. Bei den ersten Kundgebungen für die Gleichberechtigung des Kosovo innerhalb des jugoslawischen Staatenbundes war der Student Ahmeti mit dabei. Die kommunistische Belgrader Führung schlug die Rebellion mit Gewalt nieder und warf auch den jungen Ahmeti ins Gefängnis. 1986 ging er in die Schweiz. Seine beiden Kinder und seine Frau sind dort geblieben.

Wie wurde er zum Rebellenführer in Mazedonien? Ahmeti sagt, es habe im Land genug junge Albaner gegeben, die der Diskriminierung und der Polizeigewalt überdrüssig gewesen seien. Der Tod eines jungen Albaners in einem Grenzdorf zum Kosovo solle schließlich die Eskalation ausgelöst haben. Während der siebenmonatigen Konfrontation zwischen albanischen Rebellen und den mazedonischen Regierungstruppen wurden etwa hundert Menschen getötet und 70000 Zivilisten vorübergehend zu Flüchtlingen.

Hat sich der Kampf gelohnt? Schließlich waren anders als im Kosovo albanische Parteien während der letzten zehn Jahre stets an den wechselnden Regierungen in Skopje beteiligt und hätten ihren Einfluss geltend machen können. „Hätten wir Grund zu Hoffnungen in den politischen Prozess gehabt, hätten wir uns weitere zehn Jahre in Geduld geübt“, sagt Ahmeti. Die UCK habe nur gefordert, wofür die albanischen Parteien zehn Jahre lang vergeblich gekämpft hätten, nämlich Gleichberechtigung der Albaner gegegenüber dem mazedonischen Mehrheitsvolk. Bei den Friedensverhandlungen in Ohrid habe der Status der Albaner in Mazedonien verbessert werden können: Sie seien zufrieden mit dem Abkommen und warteten nun auf dessen Umsetzung. Doch die kommt nur schleppend voran, und eine Splittergruppe der UCK will den Kampf weiterführen. Ahmeti setzt ganz auf die internationale Gemeinschaft. Darauf, dass die vereinbarten Reformen zugunsten der Minderheit auch Wirklichkeit werden. Die These von einer neuen Offensive werde von den Gegnern des Friedensabkommens verbreitet.

Arbeit an einer neuen Karriere

Von der neuen Rebellentruppe habe er bisher nur die Webseite im Internet gesehen. Von deren Zielen will er sich in aller Form distanzieren. Der ehemalige Terrorist, der zum Partner für den Frieden in Mazedonien wurde, arbeitet inzwischen an einer neuen Karriere. Er hat politische Ambitionen, der erste Schritt ist bereits getan: Die etablierten Parteien der Albaner werden in einen Einheitsblock gezwungen, der von den Kriegsveteranen kontrolliert werden soll. Freiheitskämpfer Ahmeti nutzt den Popularitätsvorsprung über die als korrumpiert geltenden Parteienvertreter. Er weiß, was seine Gesprächspartner hören wollen: „Wir sehen die Zukunft nicht in neuen Grenzen, sondern in der europäischen Integration.“ Er träumt von einer nahen Zukunft, in der es in Mazedonien statt ethnischer Parteien Sozialdemokraten, Liberale und Christdemokraten geben wird. Ali Ahmeti hat sich von seiner Zeit im Exil inspirieren lassen: Schließlich gebe es in der Schweiz ja auch keine Partei der Deutschschweizer, Franzosen oder Italiener. Und wäre Mazedonien schon die Schweiz, wäre Ahmeti ganz gewiss Sozialdemokrat.

Die slawische Mehrheitsbevölkerung in Mazedonien hat seinen schnellen Wandel vom Topterroristen zum Friedensstifter und Politiker allerdings noch nicht verdauen können. Er ist bis auf weiteres dazu verdammt, im kargen Bergdorf auszuharren. Er hat mit seiner Truppe dem mazedonischen Staat Rechte für die Albaner abgezwungen, doch der Triumph bleibt ihm versagt. Formell gilt zwar die Amnestie der mazedonischen Regierung auch für ihn als Rebellenführer: Doch unten im Tal könne niemand für seine Sicherheit garantieren.

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