Zeitung Heute : Der Verwandlungskünstler

Es war seine WM. Und nun? Beginnt jetzt das private Leben von Franz Beckenbauer? Ein Treffen im nächtlichen Adlon, nur Stunden nach dem Finale

Robert Ide

Es ist die Nacht, in der er noch einmal all seine Rollen übernehmen soll. Es ist die Nacht, in der er endlich all seine Rollen abstreifen kann. Wie immer entscheidet sich Franz Beckenbauer dafür, beides gleichzeitig zu tun.

Die Uhr geht auf drei Uhr morgens, als Franz Beckenbauer ins Hotel Adlon kommt. Durch den Hintereingang betritt er das Nobelhotel, in dem er fünf Wochen gearbeitet und zuweilen auch übernachtet hat während der von ihm akquirierten und von ihm organisierten Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Heute ist seine letzte Nacht. Vor ein paar Stunden hat Italien im Olympiastadion den WM-Titel gewonnen, danach hat er die Siegerehrung vorgenommen. In ein paar Stunden hebt sein Flugzeug ab, das ihn ins heimische Österreich bringt. Kurz befindet er sich in einer Zwischenzeit. Franz Beckenbauer sagt „Servus“ und reicht die Hand. Es ist wie immer.

Er sieht ausgeruht aus und doch ein wenig müde. Neben ihm steht seine Frau. Sie sieht glücklich aus. „Jetzt beginnt wieder das normale Leben“, sagt er mit leiser Stimme. Die Frage ist nur: Was ist das normale Leben?

Franz Beckenbauer, 60, hat seine wichtigste Weltmeisterschaft erlebt. Zweimal hat er die WM schon für Deutschland gewonnen: 1974 als Spieler, 1990 als Trainer. Nun hat er als Organisator den Titel „beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“ erobert – verliehen vom Fifa-Präsidenten Joseph Blatter. Der wollte das Turnier 2006 in Südafrika veranstalten. Doch Beckenbauer brach den Widerstand an der Spitze des Fußball-Weltverbandes, und während des Turniers unterlief dem Präsidenten des Organisationskomitees kein Fehler. Perfektionistisch und doch leicht und weltgewandt kam diese Weltmeisterschaft daher – es war eben die WM von Beckenbauer, dem weltgewandten Perfektionisten. 48 von 64 Spielen flog er mit dem Hubschrauber an, „manchmal wusste ich nicht mehr, wer da unten gespielt hat“, erzählt er freimütig. Mittendrin hat der Vater dreier erwachsener und zweier kleiner Kinder auch noch geheiratet. Zum dritten Mal.

Es ist die letzte Nacht seiner Weltmeisterschaft. Still kostet er sie aus. Während sich vor dem Hotel die Fans jubelnd umeinander drehen und Berlin in Italiens Farben tauchen, ist drinnen gedämpfte Lobbymusik zu hören. „Es gibt schon eine Genugtuung“, sagt Beckenbauer leise. Dann tut er das, was er immer tut: Er erzählt, was er gerade erlebt hat. „Ich war bei den Mitarbeitern, wir haben zusammengesessen und ein Glaserl getrunken.“ Ein Glaserl Wein nach getaner Arbeit, vielleicht noch eine Zigarre – das ist Beckenbauers Verständnis von Luxus.

Trotzdem kann er nicht loslassen, nicht so schnell. Auch hier im Adlon reagiert er so, wie es alle von ihm gewöhnt sind. Dabei ist in dieser ruhigen Minute kaum jemand da, der ihn nach Autogrammen bedrängt. Nur ein Fan im Anzug fragt ihn nach einem Foto auf seinem Handy. Beckenbauer stellt sich mit ihm auf, nimmt ihn in den Arm, lacht geduldig. Heidi Beckenbauer drückt auf den Auslöser. „Ist noch jemand da?“, fragt er einen Mitarbeiter der Fifa, der vor dem Festsaal mit dem Eingangsschild „Private Fifa Lounge“ steht. Der Mitarbeiter schüttelt den Kopf: „Alle weg.“ Drinnen sitzt nur noch der scheidende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Gerhard Mayer-Vorfelder, 73, und diskutiert mit seiner Frau über Zinedine Zidanes finalen Ausraster. Beckenbauer sagt zu seiner Frau: „Wir können gehen.“ Er hat gelernt, genau abzuschätzen, mit wem es sich lohnt, Zeit zu teilen.

Neun Jahre hat sich Beckenbauer mit der „Fifa Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland“ – so der offizielle Titel – beschäftigt. Mit einer Weltreise hat er die nötigen Stimmen gesammelt, gemeinsam mit seinem Berater Fedor Radmann besuchte und bezirzte er die Entscheidungsträger der Fifa. Ob am Ende mehr den Ausschlag gab als gute Worte, weiß vielleicht nicht mal Beckenbauer. „Was in der Nacht vor der Wahl geschehen ist, wird niemand erfahren“, sagt sein Kompagnon Radmann.

Nach dem Zuschlag, den Fifa-Chef Blatter durch ein gequältes „And the winner is .... Deutschland“ bekannt gab, übernahm Beckenbauer die Organisatorenrolle. Noch einmal flog er um die Welt, diesmal, um alle Teilnehmer persönlich einzuladen. Und als der Ball endlich rollte, flog er mit dem Helikopter zwischen den Stadien hin und her. Zeremonien, Fernsehinterviews, Staatsempfänge, Werbetermine, Händeschütteln, Analysen, Autogramme – das war nach dem 9. Juni sein normales Leben.

Manchmal sah er ein bisschen mitgenommen aus, bei einem Prominentenessen wollte sein frisches gelbes Poloshirt nicht recht zur blassen Gesichtsfarbe passen. Doch Beckenbauer machte weiter – er hatte sowieso schon das Schlimmste überstanden. Im Januar war seine geliebte Mutter Antonie im Alter von 92 Jahren gestorben. Es folgten die einzigen Tage im Jahr, in denen Beckenbauer weder öffentlich zu sehen noch zu hören war. Später musste er weitermachen. Seitdem begleitet ihn eine gewisse Nachdenklichkeit.

Er füllt noch einmal alle Rollen aus am letzten WM-Tag. Er überreicht im Olympiastadion den Pokal an die Italiener, spricht dem französischen Trainer Raymond Domenech Trost zu. Später steht er mit Günter Netzer in einer Glasbox unter dem Stadiondach und diskutiert mit ihm das grausame Ende von Zidanes großer Karriere. Vor einem Millionenpublikum macht er sich locker und weist Netzer darauf hin, dass der Spieler Franz Beckenbauer ja noch nie eine Rote Karte bekommen habe. Nach der Plauderei geht er rüber zu den Mitarbeitern des Organisationskomitees und feiert mit ihnen in einem Zelt am Stadion. „Er hat sich Zeit genommen und mit vielen gesprochen. Er wirkte erleichtert und sehr bei sich“, erzählt sein Vizepräsident Horst R. Schmidt, der dabei war.

Im Olympiastadion zu sehen war zur gleichen Zeit Fifa-Präsident Joseph Blatter. Er tanzte allein auf der Ehrentribüne zur Musik „We are the champions“. Auch danach in der Vip-Loge des Weltverbandes ging es lustig zu. „Es wurde gelacht und gesungen, als ich um ein Uhr ging“, berichtet Fifa-Kommunikationsdirektor Markus Siegler. Erstaunlich, welche Unterschiede die beiden Cheforganisatoren in der Stunde der Vollendung zeigen: Der ungeliebte Herrscher über den Weltfußball dreht frei, Beckenbauer dagegen, der umjubelte Junge aus München-Giesing, versucht, auf die Erde zu kommen. „Die Weltmeisterschaft ist jetzt auf dem Weg zum Mars, in ein anderes Sonnensystem“, sagt Beckenbauer. Er ist keiner, der Dingen nachhängt. Er arbeitet sie ab, bis etwas Neues kommt. Was kommt jetzt?

Er könnte in die Uefa gehen und dort Europas Fußballchef Lennart Johansson beerben. Mit dem stand er am Sonntag auf der Siegerbühne und nahm die Ehrungen vor, mit ihm hat er manche Fehde gegen Blatter gesponnen. Der 76 Jahre alte Johansson will nicht, dass der forsche Franzose Michel Platini die Uefa übernimmt, also drängt er seinen Kumpel Beckenbauer. Doch der hat nach den sportpolitischen Schaukämpfen vor der WM genug vom Funktionärsleben. Deshalb sagte Beckenbauer schon beim Fifa-Kongress vor der WM in München, er warte auf Johanssons Entscheidung. Dem bleibt nun wohl nichts anderes übrig, als sein Weitermachen anzukündigen. Entscheidungsträger erzählen sich, es könnte schon am Mittwoch so weit sein.

Vielleicht wechselt Franz Beckenbauer nun in die Fifa-Exekutive, es wäre ein kleiner, feiner Regierungsposten. Dann hätte er Zeit für seine Werbeverträge, für seine beiden kleinen Kinder. Seitdem er am 23. Juni die 39-jährige Heidi Burmester geheiratet hat – abgeschieden im Standesamt Oberndorf bei Kitzbühel –, hat sie auf jeder Ehrentribüne neben ihm gesessen. Sie bot den Staats- und Sportchefs in seiner Nähe freundliche Worte oder erfrischende Getränke an. Nach dem Abpfiff der Spiele, die Beckenbauer schweigend zu verfolgen pflegte, gab sie ihrem Mann ein verstecktes Küsschen auf die Wange. Er schätzt an ihr, dass sie sich um die Kinder gekümmert hat, als er die Welt zu Gast bei Freunden hatte. Franz Beckenbauer könnte nun all seine Rollen ablegen und Privatmann werden. Es wäre seine schwierigste Verwandlung.

1974 bezauberte er die Welt. Der Bayern-Star gestaltete als Libero das Offensivspiel, was ihm den Spitznamen „Kaiser“ einbrachte. 1990 überraschte er die Welt. Ohne Trainerlizenz führte er die Nationalmannschaft als Coach zum Titel. Zwischendurch machte er den Fußball in Amerika populär. Und immer Werbung, Werbung, Werbung. Er hebelte sogar die Marketingvorschriften der Fifa für die WM aus, als er für einen Weißbierbrauer die „Freunde aus aller Welt“ begrüßte. Das hat ihm Millionen beschert. Und einen kleinen, treuen Tross, der ihn schützt. Und eine Menge angeblicher und richtiger Freunde, Bekannte und Bewunderer, die überall auf ihn warten. In der letzten Nacht im Adlon wartet niemand. Nur seine Frau hält seine Hand.

„Nach der WM gehe ich nach Hause.“ Das war sein Spruch vor der WM. Den Montag nach dem Spiel verbrachte er tatsächlich daheim in der Nähe von Kitzbühel, aber am heutigen Dienstag geht es wieder los: Beckenbauer reist nach Frankfurt am Main, dort gibt es am Mittwoch ein Fest mit den Mitarbeitern. Am Tag drauf geht es nach Bayern – Beckenbauer will Golfturniere für seine Stiftung veranstalten, „da muss wieder ein bisschen Geld für behinderte Menschen reinkommen“. Kein Vergleich zum WM-Stress. Beckenbauer will die Maschine in sich ein wenig herunterfahren. Sein Referent Marcus Höfl, der ihn auf Schritt und Tritt begleitet, sagt allerdings: „Bis Ende des Jahres ist der Franz schon ziemlich ausgebucht.“ Dann dürfte auch das neue Haus in Salzburg fertig sein, das normale Leben beginnen. „Franz wird sicher nicht mehr für jede Kampagne zur Verfügung stehen“, sagt Berater Radmann. Selbst die Leute in seiner Umgebung scheinen nur eine Ahnung davon zu haben, was Beckenbauer in Zukunft umtreiben wird.

Er lebte immer öffentlich, Erfolg und Affären, Glück und Scheidungen waren dem Publikum stets bekannt. Franz Beckenbauer hat Millionen Autogramme gegeben. Verschrieben hat er sich nie. Seine Unterschrift hat sich verändert, früher war sie eckiger, da brauchte er Zeit. „Heute habe ich eine Schnellschrift.“ Kann ein Mensch, der so effizient ist, Zeit verstreichen lassen?

In der Fußballwelt trauen sie ihm alles zu. Deshalb sprach ihm Blatter, dem nur die WM-Rolle des Geduldeten blieb, eine Zukunft als Fifa-Präsident vorsorglich ab: „Er will es nicht, er kann das auch nicht.“ Doch Blatter braucht keine Angst zu haben, Beckenbauer strebt seinen Posten gar nicht an. Es fehlen ihm Fremdsprachenkenntnisse: „Ich kann nur Deutsch, Bayerisch und ein bisschen Englisch, that’s it.“ Außerdem ist die Fifa so organisiert, dass ein Präsident fast alle operativen Aufgaben erledigt und den Verbänden in aller Welt regelmäßig die Aufwartung macht. Blatter kann das, „der hat keine kleinen Kinder so wie ich, der hat keine andere Familie“, spottete Beckenbauer in einem Tagesspiegel-Interview eine Woche vor dem WM-Start, in dem er die Fifa noch an die Grenze des Geldverdienens erinnerte. Die Reaktionen waren voll erstaunter Zustimmung, das hat Beckenbauer gefreut. „Bei dem Thema müssen wir weitermachen“, sagte er wenige Tage darauf bei der Eröffnung des Fußball-Globus in Berlin. Er lachte wie ein kleiner Junge, dem eine Überraschung gelungen war.

Nun, am Ende, sieht er etwas abgekämpft aus, auch wenn sein Gesicht wenige Falten hat. Er nimmt Hautcreme, die ihn jung halten soll. „Die ist teurer als Schmuck“, scherzt er. Mit den grauen Haaren hat er sich abgefunden. In seinen Augen hinter der verspiegelten Brille glänzt Souveränität, sie speist sich wohl aus dem Wissen, dass ein Nachkriegsjunge aus einer armen Familie Großes geschafft hat. Scherze hatte er trotzdem immer parat. Eine Szene aus Leipzig: Kurz vor Spielbeginn hetzt er durch den Vip-Eingang des Zentralstadions. „Jetzt habe ich schon einen Hubschrauber, und Sie sind trotzdem überall“, sagt er im Vorbeigehen.

Dankbarkeit. Pflichterfüllung. Ein Lächeln. Diese Tugenden schätzt er an anderen. Weil sie ihm Erfolg brachten in der Fußballwelt und außerhalb. Vor der Weltmeisterschaft hat er sich oft geärgert über die servicelahmen Deutschen, über Nörgeleien der Stiftung Warentest. Er war auch grantig zu Mitarbeitern, gab Druck weiter. Jetzt, in der letzten Nacht dieser leichten, weltgewandten Zeit, ist sein Ärger verschwunden. „Manche Kritik an uns war berechtigt“, sagt Beckenbauer. Dann nimmt er seine Frau in den Arm, schlendert mit ihr zum Fahrstuhl. Ein letztes Winken, die Tür schließt sich.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist zu Ende. Um 2 Uhr 44 geht Franz Beckenbauer ins Bett.

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