Zeitung Heute : Der Videohändler VCL Film + Medien AG ist derzeit Liebling der Aktionäre, aber Experten warnen vor einem Absturz

Peter Brors

Bruce Willis wirbt mit einem Revolver in der Hand für den Actionstreifen "Der Schakal". Cindy Crawford fordert im roten Badeanzug zum Mitmachen auf: "Shape your body". Das Foyer im Hauptquartier der VCL Film + Medien AG gleicht einer Galerie weltbekannter Filmposter. Welchen dieser Filme sich der VCL-Vorstandschef am liebsten ansieht, verrät er nicht: "Ich sehe sie alle gerne", sagt Datty Ruth. Alle bringen Geld.

Für mehr als 1200 Filme hat Ruth im deutschsprachigen Raum Lizenzen zum Verkauf und Verleih von Videokassetten. Und die sind zusammen mehr als eine Mrd. DM wert. Das jedenfalls ist der aktuelle Börsenwert der Medienfirma, die zusätzlich an einem Großteil der Filme auch die Lizenzrechte für Fernsehen und Kino hält. In den Augen der Anleger kommt all das offenbar einer Lizenz zum Gelddrucken gleich: Seit dem Börsengang Ende Mai hat sich der Kurs der VCL-Aktie fast verzehnfacht.

Die Papiere der Münchener, 23 Prozent werden frei gehandelt, haben sich zum einzig echten High-Flyer im Smax entwickelt. Und dabei vor allem von der Euphorie um EM-TV und Co. profitiert. "Der Aufstieg von EM-TV hat viel dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der VCL-Aktie zu steigern", sagt Ruth, fügt aber sofort an, dass er das eigene Papier keineswegs für überbewertet hält. Das sehen einige Experten ganz anders: Sie warnen vor einem "Horrorfilm". Der Platow-Brief schreibt, dass VCL, Umsatz 1998 rund 54 Mill. DM, "in etwa so teuer wie EM-TV ist, ohne aber auch nur annähernd die Marktstellung zu haben." Deshalb der Tipp: "Wir empfehlen, die Aktie zu verkaufen. Wer jetzt noch einsteigt, hat gute Chancen, als Investor einen Horrortrip zu erleben."

Ähnliche Aussagen hatte es aber auch während des raketengleichen Aufstiegs der EM-TV-Aktie gegeben. Doch die Anleger scheinen derlei Warnungen völlig zu ignorieren. Medienaktien wie EM-TV, Cinemedia, Senator, RTV Family Entertainment, Edel und eben VCL sind derzeit einfach sexy.

Die neuen Aufsteiger der Branche sind vielen alten Medienmanagern suspekt. Von "Spekulationsobjekten irgendwelcher Börsenspiele" spricht Pro-7-Chef Georg Kofler. Tatsächlich geht es in der Medienbranche derzeit nicht darum, mit neuen Produkten zu glänzen. Stattdessen sind ein gutes Gespür für wertvolle Lizenzen und die Fähigkeit, sich selbst optimal zu vermarkten, viel wichtiger. Das weiß auch VCL-Chef Ruth. Kaum eine Woche vergeht ohne neue Siegesmeldung. Mal verkünden die Münchener den Erwerb des deutschen Konkurrenten Starlight, dann sichert ein Vertrag mit Paramount die Rechte an zwölf neuen Filmen - Ruth ist auf dem besten Weg, neuer Liebling der deutschen Kleinaktionäre zu werden. Damit der Höhenflug anhält, muss er aber schon bald auch gute Zahlen liefern. Die sind bislang, wie bei vielen der neuen Multimediafirmen, alles andere als berauschend. So weist VCL beispielsweise für das Geschäftsjahr 1997/98 (30. 11.) gerade einmal ein Ergebnis von sechs Prozent vor Steuern aus.

Dass eine Studie des Konsortialführers Trinkaus bis 2002 einen Anstieg auf 19 Prozent und ein Umsatzwachstum auf mehr als 115 Mill. DM vorsieht, erklärt Ruth mit den "ausgezeichneten Aussichten" im Geschäft mit den Digital Versatile Discs (DVD). Diese Videotechnik liefert nicht nur hohe Qualität, bei der DVD können die Zuschauer neben dem eigentlichen Film auch zusätzlich Interviews und Geschichten mit den Hauptdarstellern sehen und bestimmte Szenen problemlos direkt anpeilen. Experten prognostizieren der DVD enorme Wachstumsraten. Ruth sieht sich selbst als deutschen Marktführer: "Von 350 auf DVD verfügbaren Titeln kommen 150 von VCL".

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