Zeitung Heute : Der vierte Weg

Die Sozialdemokratie neu erfinden, die Wirtschaft modernisieren: Tony Blair und Gerhard Schröder sahen sich als Dreamteam Europas. Jetzt sind die Helden des „Dritten Wegs“ plötzlich im freien Fall. Und das ist fast das Einzige, was sie noch verbindet.

Peter Siebenmorgen

Krise? Was für eine Krise? Wenn Tony Blair und Gerhard Schröder sich heute in London treffen, wird davon wenig zu spüren sein. Ein Job-Center, Glanzstück von Blairs Arbeitsmarktpolitik, besuchen sie gemeinsam. Schmückender Höhepunkt ist die Eröffnung einer Ausstellung der Royal Academy of Arts mit Bildern aus der Dresdner Sammlung Alte Meister. Beim Abendessen werden die Ehefrauen dabei sein. Kein Rahmen für allzu viel Streit um die Irak-Politik, alles ist auf Harmonie gestimmt. Man hilft sich gegenseitig: Seht an, kann Schröder sagen, trotz aller Differenzen über Krieg und Frieden ist der Kern unserer Freundschaft nicht berührt. Wenn das mit Washington anders ist – an wem wird das wohl liegen? Und Blair: Schaut her, ihr britischen Freunde des Friedens, ich bin bereit zum Krieg, und doch ist eure Lichtgestalt, jener deutsche Kanzler, der den Widerstand gegen Amerika organisiert hat, mein Freund. Wenn dies, Dissens und zugleich Freundschaft, mit den Wählern und Parteigängern nicht möglich sein sollte – an wem wird das wohl liegen?

Doch so, wie die Dinge mittlerweile stehen, wird auch der schöne Schein der guten Freundschaft Blair kaum helfen, wieder Frieden mit seinen Landsleuten zu schließen. Tag für Tag hagelt es neue Hiobsbotschaften: Eine zweite Resolution des UN-Sicherheitsrates wird es womöglich nicht mehr geben, und ohne die hat Blair kaum mehr die Mehrheit seiner Partei, des Kabinetts und seiner Fraktion hinter sich – von der Bevölkerung ganz zu schweigen. Wie verzweifelt für den britischen Premier die Lage geworden ist, hat sich am Wochenende gezeigt. Seine Entwicklungshilfeministerin, Clare Short, kritisierte den Kriegskurs des Regierungschefs als „außerordentlich leichtsinnig“. Sie werde ihm nicht folgen. Unter normalen Umständen wäre dies ein sofortiger Entlassungsgrund. Aber Blair ist schon viel zu schwach in den eigenen Reihen, um Clare Short feuern zu können. Ein offener Aufstand gegen ihn wäre die nahezu zwangsläufige Folge. Er spielt auf Zeit. Aber immer weniger wollen ihm dabei noch folgen. „Am besten wäre es“, bekannte gerade ein altgedienter Labour-Abgeordneter, „wir bekämen keine zweite Resolution. Dann wären wir ihn endlich los.“

Dennoch kämpft Blair unverdrossen weiter für die Waffenbrüderschaft mit den Vereinigten Staaten. Auch nach seiner Schlappe vor zwei Wochen im Unterhaus, als 121 Labour-Abgeordnete gegen ihn stimmten, müht er sich an allen Fronten ab. Aber die Einschläge für Blair kommen immer näher und aus immer kürzerer Entfernung. In der vergangenen Woche haben führende Juristen des Landes, darunter auch Partner der Kanzlei, in der Blairs Frau arbeitet, einen Irak-Krieg – selbst wenn es eine zweite Resolution, jedoch ohne ausdrückliche Gewaltermächtigung geben sollte – für völkerrechtswidrig erklärt. Jedes Kabinettsmitglied, das sich dem Krieg nicht widersetze, könne in anderen Ländern möglicherweise mit einer Anklage als Kriegsverbrecher bedroht werden.

Bei Schröder, dem Halbbruder im Geiste, liegen die Dinge genau umgekehrt – und doch im Ergebnis gleich. Seinen Anti-Kriegskurs findet die überragende Mehrheit der Deutschen zwar richtig. Dass sie ihn dennoch am liebsten wieder los wären, liegt am Elend der Innenpolitik, dem bisherigen Unvermögen, eine adäquate Antwort auf die wirtschaftliche Krise zu geben. War da nicht einmal das Versprechen einer „modernen Wirtschaftspolitik“, tief greifender Reformen? Die hatte Schröder bereits im Wahlkampf 1998 angekündigt, sich nach seiner Wahl darüber mit Oskar Lafontaine verkracht und als krönenden Höhepunkt mit Tony Blair die Sozialdemokratie ganz neu erfunden. Als wirtschaftsfreundliche Kraft. Als Motor gesellschaftlicher Veränderungen. Die alten Zöpfe der weltfremden Sozialdemokratie sollten einfach abgeschnitten werden, aufgeklärter Pragmatismus stattdessen regieren.

Ein kleines Wunder

Damals, kurz nach der 98er Wahl, galten Blair und Schröder als das Dreamteam der europäischen Sozialdemokratie. Beide sind sie ins Amt gekommen nach langen Phasen konservativer Dominanz: Die Torries hatten 18 Jahre regiert, Kohl in Deutschland 16. Doch was noch sehr viel mehr verband, war ihr jeweiliger Kampf gegen die Traditionalisten in den eigenen Reihen: kein Rückfall in sozialistische Weltfremdheit. Auf einem „Dritten Weg“ wollten sie beweisen, dass keine politische Kraft so sehr auf der Höhe der Zeit sei wie New Labour in Britannien und die SPD à la Schröder in Deutschland.

Es ist ein kleines Wunder, dass sich die beiden wirklich mögen. Denn schon auf den ersten Blick drängen sich eher die Unterschiede von Blair und Schröder auf. Da sind zunächst die Äußerlichkeiten, die allerdings einiges über die verschiedenen Persönlichkeiten aussagen: Blair, der schlanke, drahtige, flinke Mann, der selbst – wie in diesen Tagen – bei völliger Übernächtigung ein Stück ewiger Jugend zu verkörpern scheint. Ein Meister der geschliffenen Rede. Schröder, gedrungen und leicht untersetzt, der stets ein wenig walzend den Raum für sich einnimmt, der, wenn er spricht, selten die Mitte sucht, der entweder in umständlichen Windungen bedeutend oder mit burschikosem Witz einnehmend daherkommt.

Im vergangenen Sommer, einige Wochen vor der Bundestagswahl, gab es eine der seltenen Möglichkeiten, die beiden direkt zu vergleichen. Gemeinsam hatten sie Journalisten zu einem Hintergrundgespräch ins Bundeskanzleramt eingeladen, um die fortwährenden Segnungen ihres in Vergessenheit geratenen „Dritten Wegs“ in Erinnerung zu rufen. Ganz gewiss legte Blair es dabei nicht darauf an, dem Gastgeber die Show zu stehlen. Aber seine Botschaften, die Formeln und Begriffe, waren einfach klarer und strahlender gesetzt. Noch auffälliger war die Körpersprache: Schröder mit distanzhaltender Gestik, den Kopf in angedeuteter Kampfeshaltung nach vorne gesenkt, sein wacher Blick eher misstrauisch. Blair dagegen warb mit einladenden Gesten, dem Fragesteller offen zugewandt, seine weit aufgerissenen Augen signalisierten ein hohes Maß an Verbindlichkeit.

Die Verschiedenheit von Blair und Schröder geht allerdings sehr viel weiter. Während der Kanzler am liebsten als pragmatischer Macher auftritt, geht es bei Blair fast immer um Fragen höchster Moral. So sehr dieser Habitus des Laienpredigers in seiner Heimat manche nervt und viele amüsiert – wenn die Öffentlichkeit und auch seine eigene Partei Blair irgendetwas abnimmt, dann ist das die Echtheit seines moralischen Ansatzes. Dazu passt auch das gern zur Schau gestellte Bild vom Mustergatten. Tony Blair und seine Frau Cherie haben vier Kinder – Schröder hat vier Ehen.

Aber auch mit den politischen Gemeinsamkeiten ist es in Wirklichkeit nicht sehr weit her. Der Streit um den Irak ist nicht der erste Dissens in Fragen von Krieg und Frieden. Während des Kosovo-Kriegs, beispielsweise, warb Blair für den Einsatz von Bodentruppen. Schröder hielt knapp und hart dagegen: „undenkbar!“ Das war im Mai 1999, ziemlich genau zu jener Zeit also, als Blair und Schröder sich eigentlich anschicken wollten, Hand in Hand die moderne Sozialdemokratie zu befördern.

Seminar für Pfadfinder

Ach ja, der „Dritte Weg“. Im April 1999 trafen sie sich die Chefrepräsentanten der „fortschrittlichen Regierungen“ in Washington, Bill Clinton inklusive, um sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Spötter meinten damals, es brauche solche Seminare auf höchster Ebene, damit sich die Protagonisten des „Dritten Wegs“ selbst darüber klar würden, was sie eigentlich vertreten. Als Blair und Schröder damals gemeinsam den Konferenzort erreichten, rief der Kanzler dem Premier zu: „Bis jetzt habe ich die zwei Wege nicht gefunden, kannst du mir wenigstens sagen, wo der dritte verläuft?“ Herzlich haben sie damals alle gelacht, als Blair, der Ernste, diese kleine Geschichte den versammelten progressiven Regierungschefs zur Eröffnung des Treffens zum Besten gab. Doch auch am Ende der Tagung wusste ganz Genaues offenbar niemand.

Im Sommer diesen Jahres will Blair abermals zum Spitzenseminar nach London einladen. Unlängst, am 10. Februar bei einem Vorbereitungstreffen mit internationaler Beteiligung in Downing Street, fehlte allerdings ein deutscher Delegierter. Was Blair dort vorstellte, wäre einem Abgesandten aus Berlin aber auch eher wie ein Holzweg vorgekommen. Denn als Herzstück des „Dritten Wegs“ verkündete Blair dort seine Politik gegenüber dem Irak.

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