Zeitung Heute : Der visionäre Regisseur im Mittelpunkt eines Arte-Abends

Michael Burucker

Nein, das Wort "Vision" gefällt Peter Stein überhaupt nicht - "Herr Peymann benutzt es gerne" - aber auf Klaus Michael Grüber, den Weggefährten und Gegenspieler, scheint ihm kein anderes anwendbar zu sein: Er selbst, der emsige Handwerker, löse Aufgaben, die sich ihm stellten, Grüber hingegen, der Visionär, stelle sich seine Aufgaben selbst. Bewunderung und respektvolle Scheu prägen die Urteile über den verschlossenen Einzelgänger und Inszenator der gewaltigen Schaubühnen-Projekte der 70-er Jahre wie die "Winterreise" oder "Hölderlin lesen" im Berliner Olympia-Stadion zu Zeiten, in denen das Theater äußerlich wie inhaltlich Grenzen auslotete. Seine Inszenierungen wie etwa "Faust" mit Bernhard Minetti an der "Freien Volksbühne" befremdeten zunächst, schrieben aber meist Theatergeschichte. Der Arte-Themenabend "Visionär und Eremit" enthält neben der Euripides-Tragödie "Die Bakchen" (22 Uhr 50), die Grüber 1974 an der Berliner "Schaubühne" inszenierte, ein ausführliches Porträt des Regisseurs (21 Uhr 35).

Noch nie, vermeldet der Sender, ließ Grüber sich so direkt von einer Kamera beobachten. Die würdigt der Kosmopolit während des Films, der ihn bei der Probenarbeit zu drei aktuellen Inszenierungen in Berlin, Salzburg und Paris zeigt, allerdings keines Blickes und ist weit davon entfernt, auch nur eine Silbe in ein Mikrofon zu sprechen. Deutlich wird so die Distanz, die Grüber selbst von denjenigen trennt, die wie die Schauspieler Bruno Ganz, Otto Sander, Angela Winkler oder Michel Piccoli auf das Intimste mit ihm zusammenarbeiten. Grüber, selbst kein großer Formulierer, vertraut allein der Magie des Wortes. Nur seiner Faszination unterliegt er, wenn er die Schauspieler wie ein Dirigent lautmalend, mit ganzem Körpereinsatz durch Klassikertexte führt, in denen sich ihm unsichtbare Melodien offenbaren. Dass der Zuschauer ein paar Noten davon erhascht, ist die Leistung dieses Porträts.

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