Zeitung Heute : Der Volks wagen

Kragujevac war das Wolfsburg Serbiens – bis 1999 die Bomben der Nato das Werk zerstörten. Die Arbeiter räumten den Schutt beiseite. Jetzt würden sie gerne wieder Autos verkaufen.

Andreas Molitor

Die junge Frau Durovic hat die Flasche mit Pflaumenschnaps aus dem Haus geholt und die Hotelkataloge. „Sehen Sie nur“, sagt sie und blättert zielstrebig in einem der Prospekte. „Hier ist es. Royal Suite de Luxe. Mit offenem Kamin, Balkon und Turmterrasse. 345 Euro pro Tag.“

Die Kataloge, das sind bunte Boten aus jener Welt des Wohlstands, die für Nada Durovic schlicht und einfach „Ischgl“ heißt. In dem Tiroler Party-Skiort verbringt die Frau aus dem serbischen Kragujevac die Hälfte des Jahres. Sie kommt mit dem Schnee, und sie geht mit dem Schnee. Aber nicht wie die anderen zum Geldausgeben, sondern zum Geldverdienen: Im Hotel „Maria Theresia“ verdingt sich Nada Durovic als Zimmermädchen. Die ehemalige Abteilungsleiterin der größten Autofabrik Jugoslawiens bereitet jetzt den Skitouristen die Betten.

„Ich musste mich entscheiden“, sagt sie und schenkt noch mal nach. „Entweder ich bleibe hier in der Fabrik oder ich gehe den Winter über nach Österreich.“

„Wie viel haben Sie denn in der Fabrik verdient?“

„100 Euro pro Monat. Wenn überhaupt Lohn gezahlt wurde.“

„Und was zahlt man Ihnen in Österreich?“

„1000 Euro. Also bin ich gegangen. Wenn ich es nicht getan hätte, könnten wir nicht überleben.“

VOR FÜNF JAHREN , fast auf den Tag drei Monate nach den Luftangriffen der Nato auf Serbien, saß ich schon einmal im Garten der Familie Durovic. Ihr Haus, in dem sie zu fünft lebten, war von Bombensplittern getroffen worden. Die alte Frau Durovic zeigte mir die Schlafzimmerdecke, die auf die Betten herabgestürzt war, die armdicken Risse in den Mauern, die herausgerissenen Türen, die zertrümmerten Fenster. Durch die Wohnzimmerdecke sah ich den blauen Himmel.

Zwei Mal innerhalb von fünf Tagen hatten die Nato-Kampfflieger im April 1999 auf das Herz der 150 000-Einwohner-Stadt gezielt – und getroffen. Insgesamt 21 Geschosse waren in die Zastava-Autofabrik eingeschlagen. Kragujevac hatte von Zastava gelebt – so wie Wolfsburg von VW. Zu besten Zeiten produzierten hier 38 000 Arbeiter mehr als 200 000 Autos jährlich. Die Stadt 120 Kilometer südlich von Belgrad war eine große Werkssiedlung mit einem Pulsschlag aus Blech.

„Die Fabrik liegt da wie ein totes Tier“, schrieb ich in mein Notizbuch. Entlang leerer Werksstraßen führte der Weg vorbei an dem, was übrig geblieben war von Kraftwerk, Lackiererei, Werkzeugfabrik, Endmontage. Wo die Bomben eingeschlagen waren, reckten sich dürre Metallskelette in die Höhe. Dachbleche hingen daran, taumelnd im Sommerwind. Maschinen und Autoteile bedeckten den Boden, zerbombt, zerquetscht, von der Hitze der Explosion zu surrealen Formen verzogen. „Nie wieder wird hier ein Auto vom Band laufen", schrieb ich in mein Notizbuch.

Aus dem serbischen Wolfsburg war über Nacht die ärmste Stadt des Landes geworden. „Warum hassen sie uns eigentlich?“, fragte mich die alte Frau Durovic. Seit ihre Arbeitsplätze bei Zastava zerbombt waren, lebten sie von umgerechnet 20 Euro im Monat. Sie boten mir Kuchen an, und dann holte die alte Frau die Zwei-Liter-Flasche mit Zlatko aus dem Schuppen, Schnaps, aus Kirschen gebrannt. „Dass du glücklich und zufrieden bist“, sagte sie, „möge deine Mutter 100 Jahre von dir haben.“ Ich schwieg. Ich konnte doch nicht sagen, dass ich ein paar Tage zuvor die Bomben auf Serbien für gerecht gehalten hatte. Doch nun hatten sie nicht die Villa von Miloševic zerstört, sondern das Haus der Familie Durovic.

FÜNF JAHRE SPÄTER. Am Flughafen von Belgrad nehme ich den billigsten Mietwagen – und bekomme einen Yugo 55, hergestellt bei Zastava in Kragujevac. Das Auto ist nagelneu. Sie haben es also geschafft. Sie produzieren wieder Autos. „Sind Sie sicher, dass Sie diesen Wagen haben wollen?“, fragt der Mann von der Autovermietung zwei Mal.

„Warum denn nicht?“

„Wissen Sie, der Yugo… nun ja, es ist ein schlechtes Auto.“ Das kleine rote Auto erzählt eine Menge über die Fabrik, in der es hergestellt wurde und über das Land, in dem die Fabrik steht. Erst springt der Wagen nicht an, weil ich nicht darauf komme, dass man den Kaltstarter ziehen muss. Dann geht der Rückwärtsgang nicht rein. Vermutlich gibt es in ganz Europa keine Autofabrik, die ein ähnlich bedenkliches Vehikel produziert. Es ist laut, es ist langsam, und es ist schlecht verarbeitet. Man braucht es nur anzuschauen, das kantige Ding. Es sieht aus wie aus den frühen Siebzigern ins Jetzt gebeamt. Aber es fährt, es ist robust und es kostet nur 3000 Euro.

Kragujevac ist keine schöne Stadt. Ganz grau vor Arbeit ist sie, und an manchen Tagen kann man kaum atmen. Eine Abgasglocke klebt über den Straßen, auf denen Tausende alter Lastwagen schwarzen Qualm aushusten. Fünf Jahre nach dem Bombardement scheint es, als hätte jemand ein paar Eimer Farbe über der Stadt ausgekippt. Coca-Cola-Sonnenschirme tauchen die Fußgängerzone in Tiefrot, große bunte Werbetafeln für Autos, Fernseher und Mobiltelefone erzählen von den schönen Dingen in der Welt.

Bürgermeister Vlatko Rajkovic von der Demokratischen Partei ist ein Mann, der Klartext redet. „Es gibt hier in dieser Stadt Menschen, denen einfach nicht zu helfen ist“, diagnostiziert er. „Sie glauben immer noch an die Macht der Peitsche. Das kennen sie, Peitsche und Prügel.“ Rajkovic stammt aus einer alten Bürgerfamilie. Von Beruf ist er Zahnarzt. Die Untersuchungsmethode hat er als Stadtoberhaupt beibehalten. So wie er in einem Gebiss nach Zahnfäule sucht, analysiert er auch die Stadt und ihre Menschen.

Besonders die 40- bis 60-Jährigen, glaubt der Bürgermeister, sind immer noch vom Sozialismus verseucht. Mit Sorge registriert er, „dass auch viele der Jüngeren wieder falsch denken. Wir müssen ihnen eine reale Weltanschauung vermitteln. Wenn uns das nicht gelingt, werden wir noch eine frustrierte Generation haben, die ihr Leben verschleudert.“

Wenn Rajkovic auf Zastava zu sprechen kommt, vermeidet er das Wort „Entlassungen“. Er sagt, die Fabrik habe sich von überflüssigen Arbeitern „befreit“. Bei denen macht sich Enttäuschung breit, weil sie gehofft hatten, es würde nach dem Krieg schnell aufwärts gehen, wie von selbst. Jetzt trauern sie den vermeintlich guten alten Zeiten nach. Und warten. Auf den Staat. Auf den Aufschwung. Auf Volkswagen. „Sie glauben immer noch, dass der Staat ihnen einen sicheren Arbeitsplatz besorgen muss“, sagt Rajkovic. „Ich sehe so einen Mann förmlich vor mir: Er hackt mit zwei Fingern auf einer alten Schreibmaschine herum und glaubt, dass er das bis zur Rente weiter tun kann.“

Im PR-Center von Zastava sitzt ein Mann und hackt mit zwei Fingern auf einer alten Schreibmaschine herum. Sein Kollege am Schreibtisch gegenüber zeichnet Karikaturen am Computer, eine Mitarbeiterin kocht Kaffee, eine andere liest ein Modeheft. Es ist Vormittag, und man hat den Eindruck, als warte die Fünf-Mann-Besatzung des engen Büros seit Dienstbeginn auf den Feierabend.

Draußen regnet es Hämmer und Nägel, als ginge es darum, die Stadt zu ersäufen. Die Werksstraßen stehen unter Wasser, und im Treppenhaus des PR Center liegen zwei nasse Hunde. Ihr Gestank mischt sich mit dem strengen Geruch von gärendem Kohl, der aus dem Keller die Treppe hochzieht. Die Toiletten sind ein einziges Strafgericht.

Warum empfängt Snezana Andjelkovic ihre Besucher im schäbigsten Gebäude der Fabrik? Als PR-Chefin von Zastava ist sie doch zuständig für die Verkündung von Hoffnung. „Wir möchten ein neues Modell entwickeln“, sagt sie, „für einen Investor aus dem Ausland.“ Ein Auto der Golf-Klasse soll es sein, „ein Auto für die Welt“. Das derzeit jüngste Zastava-Modell, der Yugo Florida, wird seit fast 20 Jahren gebaut. Doch wer soll die nötigen 200 Millionen Euro mitbringen nach Kragujevac? Große Namen wurden immer wieder gehandelt in den vergangenen Jahren. Fiat, Peugeot, Renault, Volkswagen. Gekommen ist keiner.

Derzeit verhandelt man mit Vertretern der Autodindustrie aus Indien. „Man könnte ein indisches Modell in Kragujevac montieren“, bietet Snezana Andjelkovic an. Privat fährt die PR-Chefin von Zastava einen VW Golf, Baujahr 1981. Der Wagen hat seinen Job stets gut gemacht. Aber jetzt, nach 23 Jahren, ist ein neuer fällig. Vielleicht ein Florida Cabriolet, mit 95 PS und neuer Frontschürze aus Plastik? „Nein“, sagt Frau Andjelkovic, „wir schätzen deutsche Wertarbeit. Mein Mann und ich, wir würden gern einen Opel Corsa kaufen.“

Die Lackierei war bei den Angriffen vor fünf Jahren fast komplett zerstört worden. Mein Begleiter weinte, als er mich damals durch die Trümmer führte. Jetzt hört man schon von weitem, dass die Fabrik wieder lebt. Sie stampft und kocht und zischt. „Damals haben Sie bestimmt gedacht, dass man diese Halle nie wieder aufbauen kann“, sagt Direktor Slobodan Pejovic zur Begrüßung. „Aber wir haben es geschafft, aus eigener Kraft. In nur drei Monaten konnten wir die Produktion wieder in Gang bringen." Tausende Arbeiter gingen Tag für Tag ins Werk und räumten den Schutt beiseite, mit der Schippe und mit der bloßen Hand.

Der Puls der Fabrik schlägt unstet und langsam, immer noch. 4000 Beschäftigte müssen nicht besonders schnell arbeiten, um knapp 10 000 Autos jährlich zu produzieren. Arbeiter sitzen in Gruppen zwischen den Maschinen und machen Pause. Ein paar Frauen sind mit Farbeimer, Pinselchen und Läppchen unterwegs. Sie bessern Lackfehler an den Karosserien aus. „Wir hatten erst kurz vor dem Bombardement die modernste Technik eingekauft“, behauptet der Direktor, „jetzt arbeiten wir wieder manuell, wie vor 20 Jahren.“

Regen dringt durchs Dach, kübelweise platscht das Wasser auf den Hallenboden. Mit Reisigbesen versuchen die Arbeiter, die Wassermassen beiseite zu fegen. Direktor Pejovic geht auf einen Mann zu. Es ist Dragan Stojanovic. Er hat damals mit seiner Brigade den Schutt beseitigt, sechs Monate lang, bei Hitze und Frost. Schon in der ersten Bombennacht rückte er mit seinen Leuten an und löschte den Brand. „Da war es am gefährlichsten“, erinnert er sich. „Wir wussten ja nicht, was wir da einatmen. Immer wenn es gefährlich wurde, wenn niemand sich rantraute, wurden wir geholt.“

Als die Steuerungszentrale der Lackiererei getroffen wurde, entwichen große Mengen Pyralen, ein hochgiftiges Kühlmittel. Es vermischte sich mit dem Wasser im Bombenkrater. Wieder wurde die Brigade Stojanovic geholt. Ohne Schutzkleidung stiegen die Männer in das Loch und füllten die giftige Brühe in Fässer.

Einige Arbeiter aus Stojanovics Brigade sind inzwischen gestorben, alle an einer sehr schnell verlaufenden Form von Leukämie. Ein zu hoher Preis? Dragan Stojanovic versteht nicht, wie man so etwas überhaupt fragen kann. „Diese Fabrik ist für uns doch alles“, sagt er trotzig. „Sie ist unser Leben, und sie ist die Zukunft unserer Kinder. Die sollen eines Tages einmal hier arbeiten.“

Streng und muffig riecht es im Treppenhaus, das an nacktem Beton entlang hochführt zur Wohnung der Familie Nicolic. Vor 20 Jahren zog Ljubiša Nicolic mit seiner Frau Slavica in den Neubau an der Petkovic-Straße. Damals wohnte man hier adrett, bequem, fernbeheizt und mit Südbalkon. Die Eheleute Nicolic verdienten zusammen fast 1200 Euro netto; sie in der Buchhaltung, er beim Besucherservice. Sie wussten, wie Milka schmeckt und Chanel riecht.

Dann kam Slobodan Miloševic, und mit ihm kamen die Kriege, das Embargo, der Zerfall des Landes, der Ruin der Wirtschaft. Die Nato-Bomben trafen keine blühende Fabrik, sondern ein todkrankes Werk. Für etwa zwei Drittel der Beschäftigten hatte es schon jahrelang keine Arbeit mehr gegeben. Für sie hatte die Regierung Miloševic ein neues Wort erfunden: Zwangsurlaub. Null Arbeit, null Lohn. So hatte die Armut in Kragujevac Einzug gehalten, lange bevor die Fabrik zerstört wurde. Die Nato stellte dann Gleichheit auf dem untersten Niveau her, indem sie auch die restlichen Zastava-Werker in die Zwangsferien bombte.

Die Siedlung, in der die Nicolics leben, ist mit ihren Bewohnern alt und grau geworden. Es war Herr Nicolic, der mich bei meinem ersten Besuch in Kragujevac durch die zerstörte Fabrik führte. Sein Großvater war in der Fabrik von den Deutschen erschossen worden. Sein Vater, seine Frau, seine Tochter, er selbst – alle arbeiteten sie bei Zastava.

Jetzt sitzt er im gleichen Sessel wie vor fünf Jahren. Damals war er ein Mann, der nicht mehr wusste, wie es weitergeht. Die Nicolics bezahlten keinen Strom mehr und auch kein Telefon; die Briefe mit den Mahnungen machten sie gar nicht erst auf. Herr Nicolic überlegte, den Fernseher zu verkaufen und den Videorekorder. Jetzt, fünf Jahre danach, zeigt er stolz seinen Lohnzettel. „Wir bekommen regelmäßig Gehalt“, sagt er, „nicht viel, aber es reicht schon. Sehen Sie, hier, meine Frau verdient rund 150 pro Monat und ich 200.“

Herr Nicolic ist bei der Stadtverwaltung untergekommen, seine Frau in der Beschäftigungsgesellschaft der Fabrik. Beide Jobs sind bis Ende nächsten Jahres befristet. Sorgen machen die Nicolics sich nur um ihre Kinder. Sie mussten am meisten leiden, als das Geld für Kleidung fehlte, für Schulbücher, für Pausenbrote. Sohn Milos, ein hoffnungsvoller Pianist, sollte damals das Klavierspiel aufgeben. Jetzt studiert er auf dem Konservatorium im 200 Kilometer entfernten Novi Sad. Zurückkommen will er nicht mehr. „Jede Mutter und jeder Vater will, dass das Kind in der Nähe ist“, versucht Herr Nicolic eine Erklärung, „aber ich wünsche für meinen Sohn, dass er weit weg lebt. Es gibt hier keine Zukunft für junge Menschen.“

Die 14-jährige Tochter soll als erste aus der Familie das Gymnasium besuchen. Es ist die beste Schule der Stadt. Und es ist ein Ort mit einer tragischen Geschichte. Am 21. Oktober 1941 wurden 300 Schüler dieses Gymnasiums von Soldaten der Wehrmacht erschossen. Als Vergeltung für einen Partisanenüberfall, bei dem zehn deutsche Soldaten getötet worden waren. In den Klassenzimmern hängen Fotos von den Kolonnen der Verhafteten, die zur Erschießung geführt wurden. Fotos der ermordeten Schüler. Fotos von Erschossenen, zu Haufen aufgeschichtet. Die Deutschen töteten an diesem Tag mindestens 2300 Einwohner.

Bei den Bombenangriffen der Nato wurde die Glaskuppel der Gedenkstätte Sumarice am Stadtrand von Kragujevac zerstört. Ein Kollateralschaden, wie es im Sprachgebrauch der Nato hieß. Heute werden dort wieder die Namen der 1941 Erschossenen verlesen, den ganzen Tag über. Von den Lautsprechern herab schweben sie durch die Ausstellung, werden immer leiser, bis sie irgendwo zwischen den Abschiedsbriefen der Ermordeten verebben.

Fotos von erschossenen Großvätern stehen in vielen Wohnzimmern. Dort bietet man mir Kaffee an und frische Erdbeeren. Und spricht von der Hoffnung, dass VW vielleicht doch noch nach Kragujevac kommt und Arbeit schafft. Wir würden gern für die Deutschen arbeiten, heißt es. Am liebsten für die Deutschen.

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