Zeitung Heute : Der Vorleser

Rufus Beck kennt jeder Hörbuch-Fan. Doch wer ist Johannes Ackner? Der Leipziger liest ebenfalls vor, zumeist Märchen, die aber kostenlos

Johanna Rüdiger

66 Euro müssen Eltern bei Amazon hinblättern, wenn sie ihren Kindern das neue Harry-Potter-Hörbuch spendieren wollen. Die von dem Schauspieler Rufus Beck gelesenen Bücher haben zwar einen neuen Boom in der Hörbuch-Branche ausgelöst. Doch nicht jeder kann oder will sich diesen Hör-Spaß leisten. Dass Audio-Literatur nicht immer teuer sein muss, zeigt die Webseite Vorleser.net. Nicht Hogwarts oder Muggel, sondern Prinzessinnen, verzauberte Frösche und böse Wölfe warten dort auf kleine oder große Zuhörer. Denn Johannes Ackner stellt auf der Webseite von ihm vorgelesene Märchen der Brüder Grimm und Gedichte berühmter Poeten zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Angefangen hat alles mit einer einzigen Märchen-Kassette, die der Leipziger für die kleine Tochter seiner neuen Freundin aufnahm. „Ich wollte meine Freundin beeindrucken, das war die ursprüngliche Motivation“, gibt Ackner zu. Doch diese eigennützige Aktion entwickelte sich bald zu einer gemeinnützigen Kampagne. Denn die Aufnahme fand reißenden Absatz in Ackners Freundeskreis, sie wurde vervielfältigt und an alle Bekannten mit Kindern verteilt. Um noch mehr Leuten den Zugriff auf die Aufnahmen zu ermöglichen, begann Johannes Ackner damit, die Märchen ins Internet zu stellen. „Zuerst hatte ich nur eine spartanisch eingerichtete Webseite“, erinnert sich Ackner, der als freier Nachrichtenredakteur bei MDR Aktuell arbeitet und zudem regelmäßig für die Zentralbücherei für Blinde in Leipzig Bücher auf Kassetten spricht. „Alles war sehr unspektakulär“.

Das änderte sich schlagartig an dem Tag, als die Zeitschrift „PC Welt“ Vorleser.net in ihren Newsletter aufnahm. „Als ich sah, wie innerhalb von einer Stunde mehrere Tausende auf meine Webseite klickten, da wusste ich: das wird eine richtig große Nummer“, sagt Ackner. Der ersten großen Freude folgte aber bald die Panik und der Versuch, die Downloads zu stoppen. Denn die überschritten bald das erlaubte Transfervolumen, sodass nach nur einer Stunde 800 Euro Gebühren für Ackner fällig wurden. Wie seine Märchen endete aber auch die Geschichte des Vorlesers glücklich: „PC Welt“ übernahm die Kosten und sponsert nun zusammen mit dem Online-Dienstleister Freenet den Download. „Ich bin ehrgeizig, jetzt habe ich die Seite richtig aufgemotzt“, sagt Ackner. Sein Angebot ist zwar noch recht überschaubar, aber Ackners Vorbild, das „Projekt Gutenberg“, hat schließlich auch mit wenigen Märchenseiten angefangen. Jetzt umfasst das Projekt, das am 24. März zehn Jahre alt wird, über 370 000 Textseiten.

Die Hörbücher-Aktion basiert auf einem einfachen Prinzip: Sobald ein Autor 70 Jahre tot ist, verfallen die Rechte an seinen Werken. Dann kann jeder sie ohne zu bezahlen nutzen und verbreiten. So hat Ackner nicht nur Grimms Märchen im Programm, sondern auch Dichtergrößen wie Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke und Heinrich Heine. „Sogar Goethes Prometheus laden die Leute runter“, staunt Ackner über das Literaturinteresse der Nutzer. Doch die Märchen bleiben der Publikumsliebling. Die Hälfte der Nutzer wünschen sich noch zusätzlich Kurzgeschichten. Ein Wunsch, dem Ackner folgen will: Ein Ausbau der Seite ist fest eingeplant. Um das Angebot ganz an die Bedürfnisse der Nutzer anpassen zu können, hat Ackner verschiedene Schul-Webseiten angeschrieben und Vorleser.net in den Newsletter der Nachrichtenseite für Lehrer (www.teachersnews.net) aufnehmen lassen. Auf diese Weise möchte er seine Gedichteauswahl besser mit den Lehrplänen der Schulen koordinieren. „Dann können alle faulen Schüler sich meine Gedichte anhören und sie auf diese Weise leichter auswendig lernen“, sagt der 34-Jährige lachend.

Seit Dezember haben sich rund 250 000 Nutzer ein Märchen oder Gedicht heruntergeladen. Ackner sieht neben dem Sparvorteil vor allem den Basteltrieb der Leute als Grund für den Erfolg der Webseite. So können die Nutzer sich zusätzlich zum Download das passende Cover ausdrucken und damit ein schönes Geschenk zusammenstellen. „Meine Freunde meinen, hättest du für jeden Download nur einen Euro genommen, dann wärst du jetzt reich“, sagt Ackner. Er will das Angebot trotzdem „strikt kostenlos“ halten. Seine Unkosten halten sich in Grenzen, da er als Material die Texte des „Projekt Gutenberg“ nutzt und sich zum Vorlesen vors eigene Aufnahmegerät setzt.

Wer das Angebot mit einer Spende unterstützen will, kann dies seit einigen Wochen mit Hilfe eines entsprechenden Formulars direkt auf der Webseite tun. Über den relativ geringen Betrag von dreimal fünf Euro, den er bis jetzt eingenommen hat, freut sich Ackner jedenfalls, als wäre es das Zehnfache. Die Resonanz der Nutzer auf das Projekt ist durchweg positiv: „Ich finde es einfach nur super, auch wenn es schade ist, dass Eltern ihren Kindern nicht mehr so oft selber vorlesen, sondern einfach auf einen Knopf am CD-Player drücken“, schreibt ein Fan im Gästebuch der Seite. Ackner selbst sieht sich nicht in Konkurrenz zu den Eltern: „Ich biete nichts an, was sie nicht auch könnten. Den Kindern ist doch wurscht, wer liest – ich, die Eltern oder Rufus Beck.“

Der Ackner-Seite im Netz:

www.vorleser.net

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