Zeitung Heute : Der Vorsprung ist der einzige Kopierschutz

Nur Unternehmen, die innovative Ideen in Serie entwickeln, finden ihren Weg bis zur Weltspitze und bleiben dort

Neues Denken. Spielerische Ansätze der Mitarbeiterführung sind der neueste Schrei. Gleichwohl braucht es für Kreativität Rahmenbedingungen. Sie können auch so aussehen, dass Mitarbeiter für einen klar definierten Zeitraum ihr gewohntes Arbeitsumfeld verlassen. Foto: Laif
Neues Denken. Spielerische Ansätze der Mitarbeiterführung sind der neueste Schrei. Gleichwohl braucht es für Kreativität...

Was haben Windeln und die olympische Rudersportanlage in Peking gemeinsam? Mehr, als man auf den ersten Blick vielleicht vermuten möchte. Beide beruhen auf derselben Formel zu Berechung von Wasserströmung. Entsprechend polstert der Konsumgüterriese Procter & Gamble seine Windeln – das umsatzstärkste Produkt des Unternehmens – mit saugstarken Bereichen aus. Der Baby-Popo bleibt trocken, weil die Firma bei der Entwicklung auf das Know-how der Wissenschaft setzt. Auf Ideen von außen. Dafür ist sie Anfang des Monats im Rahmen einer Studie der Zeppelin Universität Friedrichshafen ausgezeichnet worden.

In der Untersuchung wurden Unternehmen unter die Lupe genommen, die auf so genannte „Open Innovation“ setzen. Firmen also, die sich bei der Erfindung neuer Produkte nicht ins stille Kämmerlein zurückziehen und alles alleine entwickeln wollen, sondern sich externe Hilfe dazu holen. „Der Kern der Idee hinter Open Innovation ist eigentlich, dass ich jedes Mal, bei jedem Projekt, darüber nachdenke, ob ich der Richtige bin für die Entwicklung oder ob es Menschen gibt, die mehr wissen und etwas besser können“, erklärt Studienleiterin Ellen Enkel und Professorin an der Zeppelin Universität. „Procter und Gamble ist auf dem Gebiet einer der Pioniere“, sagt sie. Auch Jens-Uwe Meyer, Management-Experte und Geschäftsführer der „Gesellschaft für neue Ideen“, deren Mitarbeiter sich als „Ideeologen" bezeichnen, stellt den deutschen Unternehmen in Bezug auf Kreativität nicht das beste Zeugnis aus. Er hat in einer eigenen Studie zum Thema „Corporate Creativity“ die innovativsten Unternehmen untersucht, kein einziges stammt aus der Bundesrepublik. „In Deutschland sind wir beim Thema Qualität ganz weit vorne, aber bei den Innovationen maximal Mittelmaß“, sagt er.

Das hat offensichtlich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt. Sie mahnte kürzlich die deutsche Wirtschaft zu mehr Erfindergeist und warnte davor, sich nach der Wirtschaftskrise entspannt zurückzulehnen. „Deutschland ist ziemlich stark aus dieser Krise herausgekommen“, sagte Merkel. „Aber man muss immer neugierig bleiben, denn die Welt steht ja nicht.“ Die Krise habe die wirtschaftliche Landkarte der Welt verändert, vor allem viele asiatische Länder seien extrem gestärkt daraus hervorgegangen. „Ein Land, das nicht neugierig ist, ein Land, das nicht vorangeht, ein Land, das nicht an die Zukunft glaubt und sich immer wieder neue Ziele setzt, das wird Arbeitsplätze auf hohem Niveau auf Dauer nicht halten können“, so die Kanzlerin.

Wirklich innovative Unternehmen haben auch in der Krise die Fahrt im Rennen um Neuheiten nicht gedrosselt. „Die haben in diesen schweren Zeiten bewusst nicht im Bereich Forschung und Entwicklung eingespart, sondern weiterhin gleich viel investiert“, sagt die Wissenschaftlerin Ellen Enkel. „Die profitieren jetzt im Aufschwung davon im Gegensatz zu allen anderen.“

Gute Ideen sind das Eine, Schnelligkeit das andere. Und die zählt mehr denn je. „Patente helfen nicht mehr weiter“, sagt „Ideeologe“ Jens-Uwe Meyer. „Noch während die Bearbeitung läuft, haben die Mitbewerber schon fünf andere Möglichkeiten gefunden.“ Innovationen würden heute spätestens nach einem halben Jahr kopiert werden. „Der einzige Kopierschutz, den es gibt, ist der Vorsprung“, weiß er, „dann beginne ich den Markt zu treiben.“ Doch deutsche Unternehmen seien bisher einfach zu langsam, sagt Meyer. Eine Frage der Mentalität: „Während wir noch analysieren, bringen Hersteller anderer Länder schon die Produkte auf den Markt.“ In deutschen Unternehmen gibt es zu viel Bürokratie. Meyer hat in seinen Untersuchungen zu den innovativsten Firmen eine Gemeinsamkeit festgestellt: Marktanalysen, Kundenbefragungen und Konzepttest haben sie zwar nicht abgeschafft, aber die Abhängigkeit von diesen Instrumenten „drastisch verringert“.

Meyer sagt: „Es geht darum, gängige Managementregeln zu brechen“. In deutschen Unternehmen fehle Risikobereitschaft, Scheitern falle schwer. Anders ist das etwa bei dem indischen Tata Konzern, den Meyer in seiner Studie anführt. Tata schreibt innerhalb seiner Unternehmensgruppe Preise nicht nur für die erfolgreichsten oder besonders zukunftweisenden Ideen aus, sondern auch in der vermeintlich schrägen Kategorie „Dare to try“, was so viel heißt wie „Gewagt, das zu versuchen!“ Die Auszeichnungen erhalten die wagemutigsten Mitarbeiter, die ernsthaft ein Produkt vorangetrieben haben, aber die Idee letztlich nicht umsetzen konnten. Fehler gehören zur Unternehmensphilosophie. Gerne wird in diesem Fall der Urvater aller Erfinder zitiert, Thomas Edison, der gesagt haben soll: „Eine kleine Erfindung alle zehn Tage, eine große alle sechs Monate.“

Ellen Enkel sieht in Deutschland ebenfalls ein kulturelles Problem. „Die Idee von Open Innovation widerspricht dem deutschen Ingenieursdenken“, sagt sie. „Dabei sind Open Innovation-Projekte im Durchschnitt um 50 Prozent erfolgreicher als Produkte aus rein internen Projekten – gemessen am späteren Umsatz“, sagt die Wissenschaftlerin.

Auch die Schulbildung ist sowohl für sie als auch für Meyer ein Problem. „Was zählt im Bildungssystem ist doch das Wissen, dass sich jeder einzelne aneignet“, findet Enkel. „Nichts anderes sagen unsere Schulzeugnisse aus.“ An deutschen Universitäten vernetzten sich die einzelnen Disziplinen zu wenig. „Wir kombinieren keine BWL mit den Geisteswissenschaften und keine Musik mit der Managementbildung“, sagt Meyer, „dabei liegen in Querverbindungen interessante Ansätze.“

In seiner Studie stellt er ein Erfolgsmodell des weltweiten Halbleiterhersteller Intel vor: Hier werden etwa nicht die erfahrensten, sondern die neuesten Mitarbeiter des Unternehmens an wichtigen Projekten beteiligt. Dahinter steht die Überzeugung, dass jene noch die frischesten Ideen haben, weil sie noch nicht wissen, was im Betrieb alles schwer durchzusetzen ist und deshalb anpacken, wo andere zögern würden.

Der Coach benutzt gerne den Begriff der „intrinsischen Motivation“ – als einen der wichtigsten Faktoren für Kreativität

„Wir werden die deutsche Unternehmerkultur nicht von heute auf morgen ändern können“, dessen ist sich Managementberater Meyer bewusst. „Aber die großen Tanker, die großen Unternehmen, könnten Beiboote abkoppeln“, schlägt er vor. „Man könnte zum Beispiel bestimmen, dass von zehn Innovationsprojekten ein bis zwei High-Risk-Projekte dabei sein sollten.“ Wobei Meyer es gar nicht für wahrscheinlich hält, dass Geld verbrannt wird. „Keiner hat Lust zu scheitern.“ Um die Motivation zu erhöhen, könnte man auch Entwicklerteams gegeneinander antreten lassen. Das sind neue, spielerische Ansätze der Mitarbeiterführung. Gleichwohl brauche es für Kreativität Rahmenbedingungen, sagt Meyer. Wenn der Manager in die Entwickleretage mit der Aufforderung komme, neue Ideen zu finden, führe das seiner Erfahrung nach meistens in eine Blockade. Besser sei es, vor dem Brainstorming festzulegen, „ob es sich um kurzfristige oder langfristige Ziele handelt, in welchem Bereich man sich profilieren will, wo bereits Stärken vorhanden sind.“

Was muss ein innovatives Unternehmen also haben? „Am wichtigsten ist ein Top-Management, das gewillt ist, den Preis für gute Ideen zu zahlen“, sagt Meyer. Das flexibel und schnell sei. Das den Mitarbeitern mehr Verantwortung gebe. „Und das akzeptiert, dass sich mit Fehlern die Erfolge drastisch erhöhen.“

Nicht immer muss da von den großen Unternehmen die Rede sein. Das zeigt das Beispiel des Textilherstellers Schmitz aus Emsdetten in Westfalen, den die Zeppelin Universität ebenfalls mit ihrem „Open Innovation Award“ ausgezeichnet hat. Über 60 Patente meldete das Familienunternehmen mit seinen 800 Mitarbeitern in den vergangenen Jahren an, es gehört zu den umsatzstärksten Markiseherstellern Europas.

„Im Pausenraum der Werke liegen für die Belegschaft Zeitschriften aus“, erzählt Enkel. „Und eines Tages blätterte der Marketingleiter in einem Auto-Sport-Magazin und las über einen hydraulischen Lenkarm und kam auf die Idee, ob so eine Technik nicht auch etwas für Markisen sei.“ Kurzerhand rief er den Hersteller an und kam mit ihm ins Geschäft. In den Markisen der Schmitz-Werke steckt heute also eine Technologie, die eigentlich aus der Automobilbranche kommt. Die Idee, entstanden in einer Arbeitspause.

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