Zeitung Heute : Der Vorstand wohnt bescheiden und bezieht Einheitslohn

Der Tagesspiegel

Von Lars von Törne

Selbstbestimmung kann manchmal verdammt anstrengend sein. Zum Beispiel, als es einmal darum ging, ob sich „Oktoberdruck“ ein neues Lackwerk anschafft,um Prospekte und Poster direkt nach dem Druck zu lackieren. „Da gab’s wilde Diskussionen und große Skepsis bei den Beschäftigten“, erzählt Karin Beutelschmidt vom Vorstand der Druckerei. Jahrelang waren die Mitarbeiter fest davon überzeugt gewesen, dass sie kein Lackwerk benötigten, und jetzt war der Vorstand plötzlich anderer Meinung. „Da haben wir Überzeugungsarbeit leisten müssen“, erinnert sich die 43-jährige Beutelschmidt.

Am Schluss, nach etlichen Diskussionen und Versammlungen, waren die Argumente für die neue Maschine offenbar stärker als die Angst vor einer Fehlinvestition: Eine Mehrheit der Betriebsversammlung stimmte für das Lackwerk. Jetzt steht der graue Kasten mitten in der großen Druckhalle in Friedrichshain, in die „Oktoberdruck“ vor zwei Monaten umgezogen ist.

Auch dies, der Wegzug aus dem Kreuzberger Kiez über die Spree in die „Oberbaum-City“ war erst nach zähen Diskussionen von der Belegschaft abgesegnet worden. „Solche Entscheidungsprozesse kosten enorm viel Kraft“, sagt Martina Fuchs-Buschbeck (39), gelernte Druckvorlagenherstellerin und seit zwei Jahren ebenfalls im Vorstand. „Aber hinterher sind wir wenigstens sicher, dass die Entscheidung von der Mehrheit der Kollegen mitgetragen wird.“

„Oktoberdruck“ ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Sympathisches Überbleibsel und Symbol aus jenen Tagen, als das Private politisch und die Organisation der Arbeit Teil des Kampfes für eine bessere Gesellschaft war. Gegründet wurde der Betrieb 1973 als Kollektiv. „Oktoberdruck brachte den Klassenkampf aufs Papier“, schrieb dazu die aus der gleichen Szene geborene Tageszeitung taz.

Heute laufen durch die Maschinen von „Oktoberdruck“ Poster für die Berlinale, Prospekte für Butterfahrten oder Zeitschriftenumschläge. Knapp 40 Leute arbeiten hier, der Jahresumsatz liegt bei drei Millionen Euro. Seit einem halben Jahr ist das Unternehmen formal eine Aktiengesellschaft, Aktionäre sind die Mitarbeiter. Von Klassenkampf und Kollektiv ist nicht mehr viel geblieben. Ein Modell dafür, dass eine andere, demokratische Art der Arbeit funktionieren kann, ist „Oktoberdruck“ aber immer noch.

Das fängt beim Gehalt an. Es gibt einen Grundstundenlohn von rund 11 Euro brutto, der für alle gleich ist, egal ob er im Vorstand sitzt, Druckvorlagen montiert oder Prospekte in Kartons verpackt. Alle wichtigen Entscheidungen müssen von der Mehrheit der Mitarbeiter abgesegnet werden. Die demokratische Mitbestimmung der Beschäftigten beschränkt sich nicht auf die Anschaffung neuer Maschinen: Alle zwei beziehungsweise drei Jahre wählen die Mitarbeiter ihre Abteilungsleiter und den dreiköpfigen Vorstand, der die Geschäfte führt. Und es gibt - ungewöhnlich in der Branche – das erklärte Unternehmensziel, nicht je nach Konjunktur Leute zu heuern und zu feuern. Stattdessen wird viel Geld in die Fortbildung gesteckt, damit die Mitarbeiter mit dem technischen Fortschritt mithalten können.

Demokratie und Selbstverwaltung haben ihren Preis. „Das stellt große Anforderungen an jeden Einzelnen“, sagt Martina Fuchs-Buschbeck. Natürlich wäre es schön, als Chefin mehr Geld zu verdienen. „Aber unser Betrieb konnte nur so lange bestehen, weil wir uns konsequent aus dem differenzierten Lohnsystem ausgeklinkt haben.“ Das heißt eben auch, „dass wir vom Vorstand keinen Ferrari vor der Tür haben, sondern in billigen Wohnungen mit gebrauchten Möbeln wohnen“.

Ein Opfer, das manchen irgendwann zu groß ist. Von der Gründergeneration ist schon lange keiner mehr im Betrieb. Fuchs-Buschbeck ist mit 17 Jahren Zugehörigkeit die Dienstälteste. Einen besonders schmerzlichen Aderlass erlebte „Oktoberdruck“ Anfang der 90er Jahre. Die Hälfte der Belegschaft kehrte damals geschlossen den Idealen von Selbstverwaltung und Einheitslohn den Rücken und gründete eine neue Druckerei. Von einem Tag auf den anderen war das Unternehmen seine Führung und einen wichtigen Teil seiner Kunden los. Es dauerte Jahre, bis die Firma sich davon erholt hatte. Diejenigen, die geblieben sind oder seitdem neu eingestellt wurden, sind dafür mit fester Überzeugung dabei, sagt Fuchs-Buschbeck: „Wer hier arbeitet, muss andere Prioritäten haben als ein Haus und ein Boot und ein saftiges Gehalt. Dafür ist bei uns die Identifikation mit der Arbeit wesentlich höher als in anderen Betrieben.“

Tag der offenen Tür bei „Oktoberdruck“ am 22. 3. ab 14 Uhr, Anmeldung: Tel. 6953860

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