Zeitung Heute : Der Wackel- Kandidat Der RBB schlägt Alarm: Funkturm in Gefahr

Bernd Matthies

Ach, Berlin. Nichts ist mehr, wie es war, der Einstieg in den Abstieg scheint definitiv gelungen, und manch Eingeborener fasst die Lage in einem knappen Stoßseufzer zusammen: „Fehlt nur noch, dass der Funkturm umfällt.“ Das ist nicht ganz so unwahrscheinlich, wie es sich anhört. Denn nach Recherchen des RBB-Magazins „Klartext“ wackelt der Turm bedenklich: „Rostschäden an tragenden Elementen sowie Notfalltreppen“ hat der TU-Bauexperte Bernd Hillemeier bei einer Begehung vor wenigen Tagen ermittelt. Die Standsicherheit sei zwar gegenwärtig nicht gefährdet, dies könne sich aber in wenigen Jahren ändern, wenn nicht ein systematischer Wartungsplan aufgestellt werde. Im Filmbeitrag, gesendet am Mittwochabend, klopft der Professor sorgenvoll gegen eine rostige Stelle an einer Notfalltreppe: „Diese Schäden sind nicht hinnehmbar.“ Der Funkturm ist zuletzt vor zwei Jahren in dreiwöchiger Arbeit neu gestrichen worden.

Nicht wenige eingefleischte West-Berliner ärgern sich schon lange über den freilich kaum belegbaren Eindruck, der Funkturm sei gegenüber dem größeren und neueren Fernsehturm am Alexanderplatz, einem einstigen DDR-Renommierbau, ins Hintertreffen geraten. Doch stimmt es, was Hans-Georg Lorenz, der für seine unorthodoxen Äußerungen bekannte Spandauer SPD-Abgeordnete, vor der Fernsehkamera behauptet? Er sagt, die Messe lasse ihr Gelände „gezielt verrotten“ und fordert Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Lorenz’ Auftauchen in dieser Angelegenheit ist nicht unbedingt zwingend. Er ist weder für den Wahlkreis zuständig, noch sitzt er im Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhauses. Als maßgebliches Mitglied des linken „Donnerstagskreises“ der SPD ist er allerdings dafür bekannt, dass er die Privatisierungsbemühungen der Messe-GmbH sehr kritisch verfolgt.

Messesprecher Michael Hofer bestreitet indessen entschieden, dass dem Turm irgendeine Gefahr drohe: die Vorwürfe seien „absolut nicht richtig“. Er betonte, jedes Jahr würden Wartungsarbeiten unter Beteiligung des Tüv „mit strengsten Überprüfungen“ vorgenommen, einen Wartungsplan gebe es entgegen den Behauptungen Hillemeiers durchaus. Sollten irgendwelche gravierenden Mängel sichtbar werden, würden sie „schnellstens und professionell beseitigt“.

Der Hintergrund des plötzlichen Aufsehens um den Funkturm ist vermutlich im Dauerstreit um die Privatisierung des Berliner „Tafelsilbers“ zu suchen. Denn die Überwachung des Bauwerks liegt nicht in den Händen der Messe selbst, sondern wurde an die Capital Facility Management (CFM) übertragen. An diesem Unternehmen sind neben der Messe-GmbH, die 50 Prozent der Anteile hält, die Firmen Gegenbauer-Bosse und Hochtief beteiligt. Lorenz hat diese Konstruktion in einem aktuellen Beitrag für das „Mieterecho“ scharf kritisiert: Aus seiner Sicht ist Werner Gegenbauer, der einstige Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer, die Schlüsselfigur. Denn die IHK hält einen kleinen Anteil an der Messe-GmbH, und Gegenbauer, so meint Lorenz, habe so die lukrative Beteiligung seines Unternehmens an der CFM durchsetzen können. Kein Wunder, dass nun vor der RBB-Kamera bereits weitere Vorwürfe erhoben werden: Der HU-Wirtschaftsrechtler Hans-Peter Schwintowski sagt, die Beteiligung von Gegenbauer-Bosse und Hochtief an der CFM sei ohne europaweite Ausschreibung erfolgt und damit rechtswidrig.

Die Affäre, so viel ist sicher, wird weitere Wellen schlagen. Dennoch ist anzunehmen, dass an ihrem Ende der Funkturm immer noch einigermaßen stabil auf seinen Fundamenten ruht.

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