Zeitung Heute : Der Wächter-Preis

Sie wurde zur Israelin des Jahres gekürt. Hadar Gitlin arbeitete als Türsteherin in einem Einkaufszentrum. Bis eine Bombe explodierte.

Christine-Felice Röhrs

Eigentlich wollte Hadar jetzt schon in Australien sein. Der Job an der Sicherheitsschleuse vor dem Einkaufszentrum war nur als Zwischenstopp geplant. Geld verdienen für die Reise. Viele junge Israelis wollen die Welt sehen zwischen Militär und Studium, und Hadar, 20, hatte ihre Uniform gerade abgegeben. Freunde hatten ihr Bilder gezeigt von Australien. Von sonnenbeschienenen Cafés, in denen noch nie eine Bombe explodiert ist. Von einer Wüste, die so viel bunter ist mit ihren roten Felsen, als die israelische. Da kommt dieses Mädchen auf Hadars Schleuse zu. Sie sieht nicht aus wie eine religiöse Fanatikerin. Nicht einmal wie eine Araberin. Sie trägt Jeans und ein gelbes T-Shirt. Es ist der 19. Mai 2003. Und da, wo Studenten Wache halten für vier Euro die Stunde, sterben drei Menschen.

Afula, wo Hadar lebt, liegt im Norden, eingekuschelt in weite, braune Äcker. Hier ist Israel fruchtbar. Und todlangweilig. Etwa 150 000 Menschen leben im Einzugsgebiet, Kibbuzniks vor allem, mit dem zionistischen Traum vom friedlichen Landleben. Das einzige, wofür das Städtchen jemals berühmt geworden ist, sind Falafelbällchen, denn die Unternehmen Hanasi und Haemek fechten seit Jahren einen erbitterten Konkurrenzkampf aus. Beschaulich könnte Afula sein – wäre die Westbank nicht so nah. Immer wieder kommen Terroristen aus Dschenin über die Checkpoints. Und deshalb sind – wie in Israels Zentren – auch in Afula vor Läden, vor Schulen und vor Restaurants Türsteher postiert. Unfreiwillige Kämpfer wie Hadar Gitlin, die angesichts der boomenden Sicherheitsindustrie im anschlagsgeschüttelten Land hier schneller einen Job finden als im Café. Und wer weiß, ob im Café nicht auch eine Bombe hochgeht?

Studentenjob mit Dienstwaffe

300 Firmen, die Wachposten vermitteln, gibt es mittlerweile in Israel. Mehr als 100 waren seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 neu gegründet worden – und während früher vorwiegend Pensionäre eingestellt wurden, sind es nun zu 80 Prozent junge Leute. „Die Jungen sind besser“, sagt Jack Halperin, Chef von „Hashmira“, dem größten Sicherheitsunternehmen Israels mit 8000 Angestellten. „Sie kommen gerade von der Armee, Mädchen wie Jungs, sie sind es gewohnt, unter Dauerspannung zu stehen. Für sie ist es einfach wie eine zweite Dienstzeit.“ So sei es nicht schwer, immer neue Rekruten zu finden für die Branche, die so gewachsen ist, dass vor kurzem die ersten Firmen wieder dichtmachen mussten, weil die Preise verfallen. Hashmira selbst hatte fast 2000 Wächter zusätzlich eingestellt. Für Hashmira hatte auch Hadar gearbeitet.

Zwei Wochen, bevor die Attentäterin mit dem gelben T-Shirt beschloss, nach Afula zu fahren, war Hadar zum Shaarei Amakim-Einkaufszentrum gegangen und hatte nach Arbeit gefragt. Normalerweise, sagt sie, ist es ein guter Job. Kein Stress, viel Routine. Dass schon fünf Kollegen getötet wurden… „naja“, sagt Hadar. Fatalismus gehört wohl dazu. Auch Türsteher können letztlich nicht verhindern, wenn sich jemand in die Luft sprengen will. „Das Beste, was sie erreichen können“, sagt Jack Halperin, „ist, dass der Attentäter die Bombe draußen zündet“. Da, wo seine Angestellten stehen.

Du kannst nicht immer Angst haben, sagt Hadar. Das macht der Kopf nicht mit.

Zwei Tage lang wurde Hadar eingewiesen. Sie hat den flüchtigen Griff gelernt, mit dem man Taschen durchwühlt und von unten das Gewicht prüft, hat gelernt, dass weite Mäntel grundsätzlich verdächtig sind und wie der Metalldetektor zu führen ist: zuerst die Hüfte, dann die Beine hinunter. Plastiksprengstoff findet auch der Detektor nicht, aber die Waffen immerhin. Jeder Vierte, der die Schleuse der Mall in Afula passiert, trägt eine, sagt Hadar. Wer eine Lizenz hatte, den ließ sie rein. Als würden Menschen mit Lizenz zum Schießen nicht schießen.

„Und sie bringen dir bei, was zu tun ist, wenn einer dich wegschubsen will“, sagt Hadar. Sie sitzt auf dem Sofa im Haus ihrer Eltern im Kibbuz „Kfar Baruch“. Ein bescheidenes Spitzdachhäuschen mit geborstenen Gartenwegen aus Beton, draußen riecht es nach Kühen. Und was tut sie dann? „Ich schreie die Person an und dränge sie in die Ecke.“ Hadar schweigt. Dann lacht sie verlegen. In der Stille nach dem Satz kommt es ihr plötzlich auch albern vor, dass ein Mensch, der beschlossen hat, sich von Sprengstoff zerreißen zu lassen, mit Geschrei zu beeindrucken wäre. Eine Waffe hätte Hadar erst nach vier Dienstwochen bekommen. Ihr kommt das nicht komisch vor, ein Studentenjob mit Waffe.

Die rechte Hand hält Hadar verkrümmt. Es ist wie ein stummer kleiner Ringkampf zwischen ihr und dem Besuch. Der Besuch verrenkt unauffällig den Kopf, nur Millimeter, damit er sieht, was Hadar da verbirgt. Und Hadar, genauso unauffällig, dreht die Hand schützend vor den Bauch. Sie ist verbrannt, die Hand. Mitten auf dem glatten Handrücken eines jungen Mädchens leuchtet Narbengewebe, grauenvoll runzlig. „Es ist okay“, sagt Hadar abwehrend. Es sei die einzige sichtbare Verletzung, wenn sie angezogen ist. Außer dem Humpeln. Und der Schwerfälligkeit, wenn sie vom Sofa wieder aufstehen will. Hadars Beine waren zerfetzt, damals. Im Krankenhaus hatte es sogar kurz so ausgesehen, als müssten sie amputiert werden. „Es ist okay.“

„Es ist okay“ ist Teil dieser Geschichte. Hadar sagt es noch oft. Sie weiß, was Journalisten hören wollen. Und verweigert sich. Zu viele Fragen. Fragen, die die Narben wieder aufreißen; an der Kruste zu pulen, macht nur bei kleinen Wunden Spaß. Mitte des Jahres ist Hadar in einer Fernsehshow zur „Israelin des Jahres“ gewählt worden – ein Riesenrummel. Die Heldin, die einer Selbstmordattentäterin den Weg verstellt hat. Die ihr Leben riskiert hat für 600 Fremde. Deren Schwester, und da wird das Erinnern noch schmerzhafter, vor acht Jahren schwer verletzt wurde, als sie an einer Bushaltestelle wartete, neben einem Attentäter. Deren Freunde Omer und Meital bei Anschlägen starben. „Es ist okay“, sagt Hadar stur. Es ist israelischer Alltag. Mehr als 790 Israelis sind in drei Jahren bei Anschlägen ums Leben gekommen. Und doch ist es zu privat, um davon zu erzählen.

Die Bezahlung der etwa 100 000 Laienwächter, immerhin vier Prozent der arbeitenden Bevölkerung, ist schlecht angesichts dieses Risikos – weshalb die Regierung darüber nachdenkt, ein Gesetz zu erlassen, das die Arbeitsbedingungen verbessert. Wer ein halbes Jahr gejobbt hat, soll vom Staat 1600 Euro bekommen. Weil er sich freiwillig, ganz privat an die Front gestellt hat. An die letzte Linie vor dem Ziel, wo Attentäter die staatliche Sicherheitssystemen – Geheimdienste, Militär, Polizei – schon ausgetrickst haben.

Und vielleicht kann der Bonus ja sogar die Wirtschaft entlasten: Die Unternehmen – sowieso gebeutelt von zwei Jahren Wirtschaftskrise – knicken allmählich ein unter den Kosten für die Sicherheit. Es zeichne sich schon ein Rückgang der Aufträge ab, sagt Jack Halperin. Nicht, weil sich die Lage beruhigt, sondern weil die Auftraggeber sich die Extraausgaben nicht mehr leisten können. „Und das nach Genf!“, sagt Halperin Er meint die private Friedensinitiative des Israelis Jossi Beilin und des Palästinensers Jassir Rabbo, und es klingt seltsamerweise ein wenig verzweifelt. Doch Sicherheitsleute sind die letzten, die hoffen, wenn von einem neuen Friedensplan die Rede ist. Denn dann ist ihr Risiko immer am größten. Dann steigt die Zahl der Attacken wieder. So wie im Mai in Afula.

Die gehorsame Attentäterin

Es war damals der fünfte Anschlag in 48 Stunden, nachdem der neue palästinensische Ministerpräsident Abbas versprochen hatte, energisch gegen die Terroristen vorzugehen. Ob Hiba Daraghmeh, 19, aus Tubas bei Nablus deshalb beschloss, an diesem Tag nach Afula zu fahren, zu morden und zu sterben, ist nicht bekannt. Sie sei ein „gehorsames Mädchen“ gewesen, sagt Vater Azem später über sein Kind. Hiba habe Englisch studiert. Mittags sei sie aus dem Haus gegangen, wie üblich ein Schleier überm Haar bis tief hinunter auf die Augenbrauen und habe gesagt, sie gehe lernen. Irgendwann auf der Fahrt nach Afula nimmt sie den Schleier ab.

Zu der Zeit freut sich Hadar schon auf den Feierabend. Sie läuft gerade Patrouille und hält nach verdächtigen Autos Ausschau, als ihr Walkie-Talkie knistert. Fünf Leute pro Schicht sichern die Mall, drei an den Toren und zwei als Patrouille. An diesem Tag ist viel zu tun, und Kiril Sharenko, ihr Kollege am rückwärtigen Eingang, fragt, ob mal einer helfen könne. Für Kiril ist es der erste Arbeitstag. Hadar lässt den Dienstschluss Dienstschluss sein und stellt sich neben ihn. Da piept plötzlich Kirils Detektor.

Vor ihm steht ein Mädchen mit gelbem T-Shirt. Hilfesuchend schaut Kiril zu Hadar. Sie solle ihre Tasche öffnen, sagt Hadar zu dem Mädchen. Sagt es noch mal, denn das Mädchen reagiert nicht. Hadar wird aufmerksam. Vor ein paar Tagen hat sie den Test eines Fernsehteams mit versteckter Kamera und Bombenattrappe nicht bestanden. Jetzt will sie’s besser machen. Hadar geht einen Schritt auf das Mädchen zu, will es abdrängen. Da dreht es sich weg. Und zündet.

Kiril stirbt zuerst. Er ist 23.

Die Karte zum Strauß von Premierminister Scharon hat Hadar aufbewahrt, in ihrem Zimmer mit dem Rollstuhl neben dem Bett und dem Poster von den Kindern, die sich küssen. Liebe Hadar, eine schnelle Genesung, wünsche ich dir, steht drauf. Unterschrieben hat der Mann vom Blumenladen.

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