Zeitung Heute : Der wahre Wahnsinn

Es sollte seine größte Show sein: die Berliner WM-Gala. Doch dann stoppte die Fifa André Heller. Hintergründe eines Machtspiels

Peter Becker

Morgen soll sie auf den Markt kommen, Herbert Grönemeyers WM-Hymne. Genau drei Wochen sind es dann noch, bevor der geborene Bochumer Fußballfan am 9. Juni auf einem Luftkissen in die Münchner Arena einschweben wird, um den 60 000 Zuschauern sowie dem Rest der Welt am Fernseher die letzten Minuten vor dem WM-Eröffnungsspiel Deutschland - Costa Rica zu verkürzen. Grönemeyers Song heißt „Zeit, dass sich was dreht“. Diese Titelzeile klingt nach einer eher mürrischen Aufforderung. Jedenfalls noch nicht unbedingt hymnisch. Das wird sich jetzt wohl auch André Heller denken. Der Wiener Sänger, Dichter und weltausgreifende Impresario sitzt gerade in seiner schönen Jahrhundertwendevilla mit botanischem Park im oberitalienischen Gardone und spinnt dort am Gardasee seine neuesten Projekte aus. Vollendet auch eine längere Erzählung mit dem Arbeitstitel „Wie ich lernte, bei mir selber Kind zu sein“.

Hellers vielbeinigstes, vielköpfigstes Kind, oder sagen wir: sein bisher größter Kindergarten ist freilich das von der Bundesregierung mit über 30 Millionen Euro geförderte Kunst- und Kulturprogramm zu dieser Fußball-WM. Er hat als künstlerischer Leiter 48 Projekte mitersonnen und auf den Weg durch viele deutsche und internationale Städte gebracht, Ausstellungen, Tanztheater, Filme, den reisenden Fußball-Kulturglobus, Literaturnächte, ein Fußballoratorium. Die 20-minütige Münchner Eröffnungsfeier mit Grönemeyer und Garnierung wird dann nur ein Abglanz sein.

„Man wird in München allenfalls noch ein paar Schnipsel der für Berlin geplanten Eröffnungsfeier sehen“, sagt Heller mit einer Mischung aus Ärger und Wehmut. Eigentlich gehe da ja gar nichts mehr, weil das Deutschland-Spiel am 9. Juni bereits um 18 Uhr beginnt: „Und da haben wir für eine Inszenierung nur das tödlich langweilige Tageslicht.“ Ihm fehlt: die Nacht von Berlin. Und nicht nur für Heller war die unvermutete Absage der am 7. Juni 2006 geplanten Fifa-Eröffnungsgala im Berliner Olympiastadion ein Hammer. Es dunkelt, als uns Heller durch seinen Park am Hügelhang führt, vorbei an Pflanzen aller Kontinente und den Skulpturen unter anderem von Keith Haring und Roy Lichtenstein („ein paar Freundschaftsgaben“). Auf einem Steg im Abenddunst könnte der schlanke, weißlockige Endfünfziger im schwarzen Mantel aus einem Bild von Caspar David Friedrich getreten sein: wie er in die Hände klatscht, und unten im Teich schwimmen ihm seine „heiligen japanischen Fische“ zu, gleich einem Schwarm goldroter Karpfen.

Hellers Magie, die einst in einer Berliner Nacht fast 700 000 Menschen vor dem Reichstag vereinte, die weltweit den Zauberzirkus, die barocke Feuerwerkskunst oder die chinesische Artistik wiederbelebte, sie hat nur ein Mal versagt. Doch bevor wir versuchen, dieses unverhoffte Scheitern zu ergründen, ein Blick voraus in die Vergangenheit. Auf das, was wir am 7. Juni ab 22 Uhr im Berliner Olympiastadion erlebt hätten, wenn es den jähen, in seinen näheren Umständen bis heute verschleierten Absagebeschluss der Fifa nicht gegeben hätte.

Wien, 1. Bezirk. Wir sind nun im hofseitigen Flügel des Hellerschen Barockpalais. Im zweiten Stock residieren die acht Mitarbeiter der von Heller rechtlich unabhängigen, aber mit der Logistik und praktischen Realisierung all seiner größeren Projekte betrauten Firma Artevent. Ihr Geschäftsführer ist Robert Hofferer, ein kluger, präziser Kaufmann und Kulturmanager um die 40. Ein Stock tiefer, in der Beletage, lebt und arbeitet André Heller. Wenn er nicht am Gardasee oder auf Reisen ist. Hier gibt es keinen Computer, nur einen riesigen Schreibtisch und an den hohen Wänden des Salons und des offenen Arbeits- und Musikzimmers sehr viel Kunst. Ein kleiner Kopf von Bacon, ein großer, wunderbarer Basquiat, dort ein Baselitz, da ein Heller-Porträt von Warhol, auf Simsen und Tischen eine gewisse Dichte von afrikanischen Masken oder fernöstlicher Plastik, und auf dem Flügel neben einem Picasso-Foto das Bild der amerikanischen Sopranistin Jessye Norman, mit der Heller mehrfach zusammengearbeitet hat: „Du hebst mich liebend über mich, / mein guter Geist, mein bessres Ich.“ Das ist ihre Widmung, aus einem Lied von Robert Schumann.

Jessye Norman, die „schwarze Callas“, wäre einer der Stars der mit 25 Millionen Euro budgetierten Berliner WM-Gala gewesen. Jetzt bringt Robert Hofferer aus seinem Büro einen Laptop und demonstriert mit Heller, was die beiden vor Monaten immer wieder der Fifa gezeigt haben, auch deren begeistertem Präsidenten Joseph („Sepp“) Blatter. „Seid ruhig mutig und ein bisschen verrückt!“, habe der sie noch angefeuert. Teils in Computeranimationen, teils auf Videos von Proben sieht man als Auftakt der geplanten Schau einen vom Dach des Berliner Olympiastadions fallenden Vorhang aus Millionen roten Blüten, und das gesamte Fußballfeld bedeckt ein 7000 Quadratmeter großer LED-Bildschirm, auf dem bis zu 25 000 Bilder entstehen können: Während der chinesische Wunderpianist Lang Lang real im Stadion spielt, wogt auf dem virtuellen Spielfeld ein grünes Meer, man erlebt die Geburt des Rasens und des Fußballs aus dem Geist der Musik, es gibt fliegende, schwimmende Kontinente, zur Choreographie des Belgiers Philippe Decouflé schweben alle noch lebenden Fußballweltmeister auf heliumgefüllten Luftkissen ein, Tänzer und Spieler erscheinen in fabelhaften Lichtkostümen: eine technologisch-künstlerische Revolution im offenen Raum.

Unterlegt wird das auf dem riesigen LED-Feld durch ein virtuelles Theater der deutschen Mythen, einen flutenden Bildertanz vom Alten Fritz bis zur jungen Marlene, von Chaplins Großem Diktator mit der Fußballweltkugel, hier im Steinrund von Berlin 1936, bis zu Einstein, Heino und Loriot. Das ist Deutschland.

Wäre es gewesen. Auch für die erhofften anderthalb Milliarden Fernsehzuschauer in aller Welt: der wahre Wahnsinn. Am Ende hätte über dem Marathontor in einem durchsichtigen Fußball-Globus der Weltpokal im Himmel über Berlin geschwebt. „In einem Licht“, sagt Heller, „das es noch niemals gab!“ Ein Leuchten vielleicht, von dem Steven Spielbergs „Begegnung der dritten Art“ erzählt.

Im dämmrigen Palais des Erben einer jüdisch-österreichischen Süßwarendynastie schwimmen Rosenblätter in großen Porzellanschalen, und es riecht wie im Haus am Gardasee ein wenig nach Moschus oder Räucherstäbchen. In solch leichtschwerer Luft bleibt Heller doch ein graziöser, schlagfertiger Denker. Wir schauen auf eine mächtige Skulptur auf seinem Schreibtisch. Ein Mann ohne Arme. Heller sieht den Blick auf den Torso und rühmt sofort dessen Schönheit. Wie er auch sein WM-Kulturprogramm preist: „48 Projekte haben wir in 110 Ländern gezeigt, die werden am Ende wohl zweieinhalb Millionen Zuschauer gesehen haben. Die 64 WM-Spiele in den deutschen Stadien werden live etwa drei Millionen erleben. Auch nicht viel mehr!“

Trotzdem ist Hellers Werk durch die Gala-Absage zum Torso geworden. Aber er möchte nicht als Opferlamm der Fifa dastehen. Dazu ist er zu stolz, zu erfolgreich, selbst als manchmal einsamer, empfindsamer Wolf. Heller ärgert nur die Arroganz der Macht.

Als Lizenzgeber und Partner hat der Weltfußballverband jene Macht nicht nur gegenüber dem deutschen WM-Organisationskomitee, den WM-Städten, den Stadionbetreibern oder gegenüber möglichen und unmöglichen Konkurrenten der offiziellen Fifa-Sponsoren demonstriert. Es gibt freilich auch bisher unbekannte Einflussnahmen im WM-Kulturprogramm. Beispielsweise bei der viel gelobten, aufwändig produzierten Zeitschrift „Anstoß“. Herausgegeben von André Heller und Artevent, redaktionell betreut von Jochen Hieber, im Hauptberuf Leiter des Literaturressorts der „Frankfurter Allgemeinen“, ist der „Anstoß“ mit prominenten Beiträgen von Salman Rushdie bis Loriot zum publizistischen Aushängeschild des WM-Kulturprogramms geworden. Nachdem aber in der ersten „Anstoß“-Nummer zu Beginn einer Kunst-Fotoserie über Deutschlands zwölf WM-Stadien die Arena auf Schalke noch naturgetreu mit vorhandener Bandenwerbung abgebildet wurde, habe es „Stress mit der Fifa“ gegeben. Sagt Robert Hofferer von Artevent. Hofferer: „Wir wollten die weitere Zusammenarbeit vor allem bei der Berliner Gala nicht gefährden.“

Als dann der zweite „Anstoß“ in Druck gehen sollte, lobte ein Fifa-Mitarbeiter, dem der Entwurf vorab zugeschickt wurde, ein „sehr schönes Exemplar mit interessanten Titeln“. In seinem dem Tagesspiegel vorliegenden Schreiben vom 19. April 2005 verlangte der Fifa-Mann allerdings „einige ,Anpassungen‘“. So sollte ein Bild des österreichischen Künstlers Gerhard Haderer entfernt und in dem aus der deutschen Staatskasse finanzierten Magazin auf eine bezahlte Anzeige verzichtet werden, weil sie von keinem der offiziellen Fifa-Sponsoren stammte. Zu einem bebilderten Gespräch zwischen Roger Willemsen und dem Ex-Nationalspieler Marco Bode hieß es: „Da die Schuhe von adidas die einzig wahren Schuhe sind, bitte das Label bei den Schuhen von Willemsen entfernen.“

Roger Willemsen, der davon nichts erfuhr, sagt uns jetzt, dass er „nie Logi“ an den Füßen trage. Und tatsächlich gab es so tief unter der Gürtellinie eine Verwechslung: Gemeint waren Marco Bodes Schuhe, deren Logo ohne sein Wissen wegretuschiert wurde. Es ist diese Macht über die Bilder, die auch André Heller grämt. Denn von den Proben und Entwürfen der abgesagten Gala könne er nicht einmal die vorhandenen Skizzen oder Fotos, geschweige denn die tollen Szenen aus dem Laptop publizieren.

Ursprünglich hatten der damalige Kanzler Gerhard Schröder und sein Innenminister Otto Schily das große Eröffnungsfest beim Rotwein in Hellers italienischem Haus verabredet. Als die Fifa das Projekt dann von der Bundesregierung übernahm, mit dem Ehrgeiz, bei der WM die Auftaktfeiern der Olympischen Spiele in den Schatten zu stellen, da glaubte sich Heller noch sicher: „Es war ja für die Fifa die Riesenchance, zusammen mit der weltweiten Fernsehübertragung auch eine neue, einzigartige Trademark für diese und alle künftigen Weltmeisterschaften zu kreieren.“ Trotzdem kam die Absage: Nur wenige Wochen, nachdem die Fifa das Unternehmen am 30. November 2005 in Berlin vor der Weltpresse zusammen mit Heller, OK-Präsident Franz Beckenbauer, Regisseur Decouflé und den Musikern und Komponisten Peter Gabriel und Brian Eno vorgestellt hatte.

Es war am Mittag des 12. Januar 2006, als Heller und Hofferer mit DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt sowie Beckenbauers Vertrautem und OK-Kulturkonsulent Fedor Radmann über den verschneiten Zürichberg zur ländlichen „Chäsalp“ fuhren. Die „Chäsalp“ ist ein hübsch umgebauter ehemaliger Stall – und Sepp Blatters Lieblingslokal, zehn Autominuten von der alten Züricher Fifa-Zentrale und dem für 240 Millionen Franken (170 Millionen Euro) erbauten neuen Headquarter des Weltfußballverbandes.

Das Heller-Team hat, wie bei allen Fifa-Terminen zuvor, den Laptop mit frischen Gala-Proben mitgebracht. Doch kurz vor dem Kaffee eröffnet Fifa-Generalsekretär Urs Linsi den ahnungslosen Österreichern und Deutschen die Absage. Chef Blatter fehlt, doch Fifa-Jurist Heinz Tännler hat bereits den zweiseitigen Auflösungsvertrag vorbereitet, zur Unterschrift. Er soll die Fifa rund 9,5 Millionen Euro kosten. Noch am selben Nachmittag muss Heller nach Paris, wo ihn Peter Gabriel, der gerade seine Gala-Musik zu Ende komponiert hat, und das Team um Philippe Decouflé für einen Probedurchlauf erwarten. „Denen die Botschaft zu bringen, war das Schmerzlichste“, sagt Heller.

Nicht am Konzept, nicht am geringen, im Januar noch gar nicht richtig gestarteten Kartenvorverkauf habe es gelegen. Fifa-Kommunikationsdirektor Markus Siegler, ein smarter, vielsprachiger Mann, der die Gala-Vorstellung in Berlin und die WM-Endrundenauslosung in Leipzig moderiert hat und in der „Chäsalp“ dabei war, sagt uns: „Das Risiko mit dem nach der Gala auf dem Spielfeld neu auszulegenden Rasen war zu hoch.“ Sechs Tage später, am 13. Juni, spielt dort der fünfmalige Weltmeister Brasilien sein Eröffnungsspiel gegen Kroatien, beide Teams wollen am Vortag bereits auf dem neuen Rasen trainieren. Aber das hat man monatelang vorher gewusst, auch dass es im Juni mal sechs Tage regnen kann und der Rollrasen dann nicht so leicht anwächst. Außerdem gab es angeblich entwarnende Rasen-Expertisen.

Die Entscheidung, die Gala abzusagen, ist bei der Fifa laut Siegler um die Jahreswende 2005/06 gereift. Was also ist zwischen der strahlenden Ankündigung am 30. November und Silvester geschehen? Es gibt Gerüchte über ein Treffen zwischen Joseph Blatter und der Spitze des mächtigen brasilianischen Fußballverbands. Ein hoher Funktionär des DFB, der nicht genannt sein will, spricht dagegen von „vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Brasilianern“, weil Blatter „der Ziehsohn seines brasilianischen Vorgängers Joao Havelange“ sei und die Stimmen der Südamerikaner für seine Wiederwahl als Fifa-Präsident 2007 brauche.

Fedor Radmann, der mit allen Wassern des Weltsports gewaschene Intimus von Franz Beckenbauer, hält die Gala-Absage wie Beckenbauer für eine „Blamage“. Und die angebliche Brasilien-Connection auf gut Bayerisch für einen „Schmarrn“. Denn: „Das braucht der Sepp gar nicht. Der wird 2007 sowieso wiedergewählt! Ich glaube, da hat bei der Fifa irgendjemand wegen der Rasensache mal ein besorgtes Papier geschrieben, das wandert dann mit ein paar Kommentaren am Rand irgendwann hoch zum Präsidium. Und plötzlich sind alle alarmiert, weil es halt ein Restrisiko gibt.“

Fifa-Sprecher Siegler sagt: „Ich kann nicht bestätigen, dass es ein Treffen mit den Brasilianern gab.“ Und fügt hinzu: „Ich weiß es nicht.“ Er bestreitet alle Verdächtigungen, verneint eine „Schlüsselszene“. Siegler gibt zu, „wir haben bei der Gala-Planung in unserer eigenen Faszination einen Riesenfehler gemacht“. Aber: „Ein Ende mit Schrecken ist besser gewesen als ein Schrecken ohne Ende.“ Dabei hätte es ein schönerer Anfang sein sollen.

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