Zeitung Heute : „Der Wandel wird verhindert“

Der Tagesspiegel

Lauter Pleiten, sieht so der Aufschwung aus?

Am Ende jeder konjunkturellen Schwächephase ist es meistens so, dass sich die Zahl der Konkurse erhöht. Die aktuellen Pleiten sind also nichts Untypisches. Es ist auch eine Art Bereinigung, die Schwachen fallen aus dem Markt.

Das muss uns keine Angst machen?

Nun, es sollte uns nicht die Hoffnung auf den Aufschwung nehmen. Insofern wäre Panikmache nun wirklich verkehrt.

Was sagen uns diese Pleiten über den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Sie weisen auf ein strukturelles Problem hin. Alle diese Unternehmen sind nicht erst jetzt in die Schlagzeilen geraten. Wir müssen uns also fragen, ob wir uns in Deutschland allzu oft und allzu lange den nötigen Bereinigungen und Strukturänderungen entgegenstellen. Mir scheint, das müssen wir in unserem Land endlich von anderen lernen.

Wie meinen Sie das?

Wir werfen gutes Geld, Geld des Steuerzahlers Unternehmen nach, die nicht wirtschaften können. Wir wenden große Mittel auf, um Unternehmen zu schützen, die auf dem Markt nicht wettbewerbsfähig sind. Andere Länder senken die Steuersätze und überlassen es den Privaten zu entscheiden, wo die produktiven Bereiche sind. Vornehmlich wird dort in modernen Industrien oder den Dienstleistungssektor investiert.

Die Politik ist schuld?

Nicht nur. Aber vor lauter Konsensbegeisterung über die Rettung bestimmter Unternehmen, wird der Wandel verhindert.

Tragen nicht auch die Banken dazu bei?

Ja, wir müssen da auch selbstkritisch sein. Banken räumen oftmals nur sehr ungerne ein, dass sie falsche Finanzierungsentscheidungen getroffen haben und wollen diese falschen Entscheidungen verschleiern, in dem sie neue Kredite vergeben. Wir haben aber in Deutschland ein generelles Problem: Es ist unsere Mentalität, alles beim Alten zu lassen. Das ist doch der Reformstau, von dem alle reden, den aber niemand auflöst.

Was sollen wir tun?

Zunächst, wie gesagt, lernen. Von Unternehmen in anderen Ländern. Wir müssen da hinschauen und es dann besser machen.

Ausgerechnet im Wahljahr?

So ist das in der Demokratie. Wir Bürger könnten es ja beeinflussen. Wir könnten diejenigen Politiker mit der Wahl belohnen, die echte Reformen umsetzen wollen, die sagen, wo wir Einschnitte machen müssen, um zukunftsfähig zu bleiben. Falls es diese Politiker geben sollte.

Uns läuft die Zeit davon?

Wir sind schon sehr weit hinten, wir sind seit fünf Jahren Wachstumsschlusslicht in Europa. Dabei müssten wir Deutschen doch in Europa Motor für Wandel und Fortschritt sein. Stattdessen debattieren wir rückwärts gewandt über Einwanderung, sind nicht bereit zur wirklichen Umstrukturierung der Altersversorgung. Ich wünschte auch, Herr Gerster hätte gestern schon damit anfangen dürfen, das umzusetzen, was er vor hat – und müsste nicht zwei Jahre darauf warten.

Das Interview führte Armin Lehmann.

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