Zeitung Heute : Der Wecker weckt den Toaster auf

BERND MATTHIES

So kann es natürlich nicht weitergehen.Das Internet ist die schnellste Verbindung nach nebenan oder rund um die Welt, und dran hängen nur schwerfällige, mit Programmen und Speicherplatz bis obenhin gefüllte Computergiganten - so, als wäre es üblich, zur Ruderregatta mit dem Flugzeugträger zu kommen.Das wissen auch die Gurus der Branche, und deshalb räumt selbst Bill Gates, dessen Leute noch jede Festplatte gefüllt haben, inzwischen ein, daß man im Haus der Zukunft womöglich nicht für jede Funktion einen PC braucht.Alle, die von Computer und Internet gegenwärtig vor allem deshalb die Finger lassen, weil sie im Leben nicht mit den kapriziösen Programmen zurechtkämen, werden es mit Interesse hören.Und fragen, wie es denn nun weitergeht?

Im Prinzip so, wie es ein anderer Branchengigant, die Firma Hewlett-Packard, dieser Tage in einer gigantischen Zeitungsanzeige ausgemalt hat.Im Auto unterwegs auf der Autobahn: Ein Motorlager läuft unrund.Der Kontrollsensor nimmt die Information auf, bevor der Fahrer etwas merkt, gibt ihm einen Warnhinweis, funkt eine Anfrage an die nächste Werkstatt, deren Computer nachschaut, ob das Teil vorhanden ist.Falls nicht, geht der Ruf an die Zentrale, die einen Boten schickt und gleichzeitig prüft, ob möglicherweise ein Konstruktionsfehler...Das läßt sich leicht weiterspinnen: Der Zentralcomputer diagnostiziert einen solchen Fehler, holt einen vorbereiteten Rückruf aus dem Speicher und schickt ihn per e-mail an die Terminals im Armaturenbrett aller betreffenden Autos, unabhängig davon, wie oft sie inzwischen weiterverkauft worden sind.Draußen in der Werkstatt stellt sich indessen heraus, daß trotz des obligatorischen Sieben-Tage-24-Stunden-Betriebs das Motorlager erst morgen eintrifft - also greift der festsitzende Fahrer zum Handy und blättert im Menü die aktuellen Angebote der Hotels aus der Umgebung durch, entscheidet sich für das günstigste, klickt das Hotel an, und fünf Minuten später hupt der Hotelfahrer vor der Werkstatt.

Schöne neue Welt.So kommt es garantiert, aber wie wird es technisch umgesetzt? Seit Anfang dieses Jahres haben sich in das Konzert der Zukunftsmusik erstaunlich gegenwartsbezogene Töne gemischt, weil der US-Konzern Sun Microsystems, als Schöpfer der Programmiersprache Java in Internet bereits allgegenwärtig, einen Geist aus der Flasche gelassen hat: "Jini".Das Kunstwort beschwört den "Dschinni" herauf, der seit Disneys "Aladdin" im US-Sprachgebrauch stets zu Diensten ist, und wer sich an "Genius" erinnert fühlt, dem widersprechen die Sun-Leute auch nicht sehr intensiv; Aladdins Öllampe haben sie schon als Logo auf ihre Seite gebracht.

Jini ist die prinzipiell schon heute einsatzfertige Technik, die es erlaubt, alle erdenklichen Elektrogeräte durch Kabel - also faktisch das Internet - miteinander zu verbinden und sie auf der Grundlage der Java-Sprache selbständig in Kontakt treten zu lassen, ohne daß vorher komplizierte Programme ("Treiber") installiert werden müssen.Computer im heutigen Sinn sind dazu nicht mehr nötig, sondern nur noch Verbindungsprozessoren mit einigen Kilobyte Speicherkapazität:"Wir wollen dahin kommen, daß das Netz der Computer ist", sagt Hellmuth Broda, der als "Chief Technologist Europe" mit Sitz in Basel überall zwischen Helsinki und Madrid die Werbetrommel für das Produkt rührt, "der Computer soll nicht auf dem Tisch herumstehen, sondern überall sein, verfügbar wie elektrischer Strom".Alles, was die Geräte für ihre Arbeit brauchen, holen sie sich aus dem Internet und nicht von ihrer eigenen Festplatte.

Die Sache funktioniert, jedenfalls im Prinzip.Chris Clauss, in der Genfer Europa-Zentrale von Sun als Projektmanager zuständig für Jini, stöpselt ein paar Dinge zusammen: Eine kleine TV-Kamera, einen handelsüblichen, nicht mehr taufrischen Farbdrucker, dazu ein Schaltkästchen, das auf einem Kühlschank steht.Wenn der jeweilige Stecker drin ist, dauert es ein paar Sekunden, bis das Gerät erst im jeweiligen Netz nach der zentralen Schnittstelle, dem "lookup service" sucht, und dann umgehend Kontakt mit den anderen Geräten herstellt.Dann zeigt der Monitor die Geräte als betriebsfertig an.Dazu muß kein System heruntergefahren und wieder neu geladen werden - die Bestandteile des Netzes treten miteinander unaufgefordert in Verbindung und melden sich zum Dienst.Sekunden später wirft der Drucker das von der Kamera aufgenommene Bild des Reporters aus, und der Kühlschrank teilt ihm auf einem beliebigen Monitor seinen kompletten Inhalt mit.Prinzipiell heißt das, daß jetzt automatisch eine Meldung an den nächsten Supermarkt gehen könnte: Sahnejoghurt ist alle! Kommt der Bote, übermittelt die Kamera vor der Tür dessen Bild an den abwesenden Hausbesitzer, der nun entscheidet, ob er den Türöffner betätigt und den Mann vom Supermarkt den Kühlschrank einräumen läßt.Wenige Minuten später meldet das System: Joghurt wieder da! Alles wird gut!

Die Bestandteile dieser futuristischen Szenerie sind sämtlich vorhanden, vom Scanner, der den Joghurt identifiziert, bis zum Mobiltelefon, das künftig eine Schlüsselfunktion einnimmt.Es könnte die Fernbedienung für den Fernseher und die sechskanalige Surround-Anlage ersetzen und über seinen Bildschirm alle im Gesamtnetz verfügbaren Informationen liefern, beispielsweise, ob die Kinder sich mit der ebenfalls per Jini eingefügten elektrischen Zahnbürste lange genug die Zähne geputzt haben.Langschläfer könnten einen Weckruf programmieren und damit auch gleich sicherstellen, daß exakt 17 Minuten später der Toast mittelbraun geröstet ist und der Tee vier Minuten gezogen hat.Für die Umsetzung dieser Visionen müßte prinzipiell nur das haus- oder betriebsinterne Kabelnetz erweitert und mit der nötigen Zahl von Anschlüssen versehen werden - eine ähnliche Ausgangslage wie beim Strom, der vor 50 Jahren auch nur über eine Steckdose pro Zimmer angeboten wurde.Ach ja: Einfach wählen und telefonieren können wir mit dem Handy vermutlich weiterhin, sofern es das dann noch gibt.Einer noch weiteren Verkleinerung steht vermutlich die kosntante Größe des Menschen entgegen.

Wollen wir das alles wirklich haben? "Solche Fragen stellen nur die typisch deutschen akademischen Bedenkenträger", sagt Broda aufstöhnend, "in Deutschland sieht man immer erst die Gefahren, in Amerika immer erst die Möglichkeiten".Die Frage ist offenbar ohnehin längst überholt, weil sich in den letzten Monaten 36 einschlägig tätige Unternehmen eine Jini-Lizenz besorgt haben und die Sache ungefragt auf den Markt bringen werden; alles weitere regelt sich dann erfahrungsgemäß von selbst.Nokia beispielsweise arbeitet an der Verknüpfung von Mobiltelefon und Zahlungssystemen via Jini.Kein Geld zum Bezahlen des Taxis? Das Telefon-Display verbindet mit der Taxigesellschaft, die Zahlung wird elektronisch autorisiert, der Drucker im Taxi spuckt die Quittung aus.Epson und Kodak entwickeln ein System, das es erlauben wird, eine einfache digitale Amateurkamera mit einem in irgendwo in der Stadt aufgestellten Kiosk zu verbinden und wenig später fertige Bilder zu entnehmen.Siemens erprobt die Technik in Geschirrspülgeräten, Xerox in Druckern..Die Ausstattung mit den notwendigen Prozessoren kostet ein paar Mark, häufig reicht es nach Angaben der Experten, einfach einen Adapter auf den bestehenden Datenausgang aufzusetzen; der Drucker im Genfer Informationszentrum wurde dem System auf diese Weise gefügig gemacht."Wir haben den Steckerfirmen schon vor einiger Zeit gesagt, daß da ein neuer Markt auf sie zukommt", betont Broda.Die ersten Firmen haben auf den Tip bereits reagiert.

Es kann nicht ausbleiben, daß an dieser Stelle die Rede auf die allgegenwärtige Dienstleistungs-Debatte kommt.Aus der Geh-los-und-hol- wird die Bestell-und-bring-Gesellschaft, die auf eine enorme Umstrukturierung des Arbeitsmarktes hinausläuft.Gewinner werden die weltumspannenden Lieferdienste sein, Verlierer all jene, die hinter der Registrierkasse auf Kundschaft warten.Sun-Chef Scott McNealy, einer der vehementesten Kritiker von Bill Gates, nennt sein Ziel ganz deutlich: "Ich möchte nie wieder in ein Ladengeschäft".Er schwört auf das per Internet-Bestellung gelieferte Fleisch ("viel schöner, als wenn ich es selbst aussuche"), und er möchte allenfalls bei der Suche nach einem neuen Golfschläger die virtuelle Sphäre verlassen und die Sache selbst in die Hand nehmen.Dem Ladenbesitzer hilft das am Ende auch nicht mehr.Nealy: "Gut möglich, daß ich dann nicht in diesem Geschäft, sondern im Internet kaufe."

Und zwar, weil es dort wahrscheinlich billiger ist.Die Vernetzung von Anbietern und Nachfragern, wie man sie sich bei Sun per Jini vorstellt, führt direkt in die Idee des "pervasive market", des vollkommen transparenten Marktes, in dem Angebote aus der ganzen Welt zum Vergleich bereitstehen.Fallen währungspolitische und zollrechtliche Schranken, kommt es am Ende nur noch darauf an, daß die Lieferkosten den erzielbaren Preisvorteil nicht zunichtemachen.

Die Transparenz des Marktes geht zwangsläufig auch in die Gegenrichtung: Schon heute erlebt das jeder, der einmal bei "amazon" ein Buch oder bei "cdnow" eine CD bestellt hat.Der Computer des Internethändlers baut sich ein Kundenprofil zusammen und schickt später unaufgefordert maßgeschneiderte Angebote."Sie haben zuletzt Prokofieff bestellt? Dann könnte Sie die eben erschienene Neuaufnahme von Strawinskys "Sacre" interessieren.Zum Probehören klicken sie hier, zur Bestellung klicken sie hier." Die aufrechte deutsche Hier-keine-Reklame-einwerfen-Mentalität tut sich freilich schwer mit derlei offensivem Marketing, und auch die Bedenken der Datenschützer werden der neuen Shopping-Welt noch allerlei Hindernisse in den Weg legen.Auf dem Weg zum gläsernen Kunden? Möglicherweise ist diese Art der Transparenz sogar eine vernünftige Alternative zur heutigen Breitbandwerbung mit ihren Materialschlachten und Streuverlusten.

Es sind gerade die möglichen Einsparungen auf beiden Seiten, die die Sun-Leute optimistisch in die Zukunft blicken lassen.So könnten trotz stagnierenden Einkommens Mittel frei werden, die für die Umrüstung auf Jini oder ähnliche Konzepte nötig sind.Dennoch ist kaum abzusehen, wie lange die Komplettvernetzung benötigt, um sich durchzusetzen.Nicht alle potentiellen Kunden fühlen sich mit den neuen Perspektiven schon so gut vertraut wie Hellmuth Broda, der aus seiner Brieftasche ein ganzes Bündel von "smart cards" herauszieht, eine davon ausgerüstet mit einem Vier-Megabyte-Computer.Sun ist symbolisch schon wieder einen Schritt voraus.Alles, was die Mitarbeiter brauchen, um sich in ihrem Firmennetz anzumelden und dabei ein Bündel von Informationen auszutauschen, steckt in einem dicken Ehering, der ein kleiner Computer ist.Eine kleine Steckbuchse am Arbeitsplatz stiftet den Bund fürs Leben.

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