Zeitung Heute : Der Weg allen Fleisches Eklig darf einem nichts sein: ein Kontrollgang

Susanne Herrmann

Bernd Barton geht durch die Hintertür des Fleischerei- und Feinkostgeschäfts. Der 61-jährige Lebensmittelkontrolleur sieht sich genau um. „Was ist denn mit dem Leberkäs da?“ Barton deutet auf mehrere Laibe Leberkäse, die in Metallbehältern vor dem Kühlraum stehen. „Die werden gleich verarbeitet“, versichert die Verkäuferin. „Und was ist mit der Mülltonne daneben? Wo ist denn der Deckel? Baut hier nicht solche Stillleben auf!“, schimpft Barton. Eilig verschließt die Verkäuferin die Tonne und schiebt sie in eine andere Ecke. Im Keller findet Barton noch ein altes Sieb, an dem das Emaille abspringt. „Das müssen Sie wegwerfen“, ordnet er an. „Jetzt sofort?“, fragt die Angestellte. „Ja, gleich!“ Barton klingt streng.

Seit 28 Jahren sucht er in Berlin nach verdorbener Nahrung, verbotenen Zusatzstoffen in Lebensmitteln und hygienischen Mängeln. Dafür geht er meist unangemeldet in Restaurant und Cafés, Supermärkte, Fleischereien und Imbissbuden. Gefunden hat er schon viel, von Kleinigkeiten wie Motten im Supermarkt bis hin zu verdorbenem Fleisch und Hackfleisch, das mit Wasser und Semmelmehl gestreckt wurde. Eklig ist ihm nichts mehr.

Für das Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt Charlottenburg-Wilmersdorf kontrolliert er das Gebiet von der Uhlandstraße bis zur Nürnberger Straße, mit rund 700 Betrieben hat Barton viel zu tun. Im Durchschnitt sieben Betriebe schafft er pro Tag. Barton kontrolliert nie alle Betriebe in einem Straßenabschnitt hintereinander. „Da würde sofort die Buschtrommel geschlagen, alle wüssten innerhalb kürzester Zeit Bescheid.“

Manchmal verschweigen Inhaber oder Geschäftsführer bewusst Lager- und Kühlräume. Einmal habe er bei einem Betrieb einen Raum erst bei der dritten Besichtigung zu sehen bekommen, sagt Barton. In dem Raum standen Tiefkühltruhen, voll mit Frühlingsrollen in Zeitungspapier. Das ist verboten, weil die Druckerschwärze an die Lebensmittel gelangt. Barton hat die Frühlingsrollen in einen Plastikkorb gepackt und zum Lebensmittelaufsichtsamt getragen. „Das war im Sommer, verdammt heiß, und ich wollte die Dinger nicht ins Auto packen. In der Hitze schmolz natürlich alles, und an mir lief das Fett nur so herunter.“ Die triefenden Frühlingsrollen gingen ins Amt, es kam zur Anzeige. „Am besten lässt es sich kontrollieren, wenn der Chef nicht da ist“, sagt Barton schmunzelnd, „wenn der unwissende Angestellte alles aufschließt.“

In der Mensa der Technischen Universität ist der Chefkoch Michael Koglin diesmal ausnahmsweise schon informiert – weil die Presse mitkommt. In den Töpfen warten Kartoffelbrei, Reis und Gemüse auf hungrige Studenten. Barton beäugt einen riesigen Mixstab, mit dem der Kartoffelbrei angerührt wurde. Den Lebensmittelkontrolleur stört das verdreckte Motorgehäuse: „Das müsst ihr vernünftig reinigen.“ Jeder Kühlraum wird einzeln geprüft. Beim Blick auf die Mindesthaltbarkeitsdaten fällt ihm ein Karton Butter auf. „Die ist nur bis zum 8. November haltbar.“ Dem Chefkoch ist das sichtlich unangenehm und er packt die Butter sofort aus dem Kühlraum zum Müll.

Barton weiß, dass es Hartnäckigkeit und Erfahrung braucht, um Mängel zu finden. Bei den ersten drei großen Fleischskandalen im Jahr 2005 stammten die Hinweise von Mitarbeitern der Betriebe und dem Zoll. Im jüngsten Gelsenkirchener Fleischskandal waren es allerdings Lebensmittelkontrolleure, die das verdorbene Fleisch entdeckt haben. Die Vorfälle sind für Barton eine Bestätigung: „Da sieht man doch die Berechtigung für unsere Arbeit.“ Solche Skandale gebe es immer wieder, „diesmal wird es zwar ganz schön in den Medien gepuscht, aber in fünf Jahren gibt es den nächsten.“ Das kann Barton dann gelassen nehmen, im nächsten Sommer geht er in Rente.

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