Zeitung Heute : Der Weg nach oben

Großkonzerne liegen bei vielen Absolventen im Trend. Dabei bietet der Mittelstand oft Vorteile

Jahel Mielke

Ein erfolgreicher Konzern, dessen Name für Qualität und Kontinuität steht, wird wohl auch Arbeitnehmern genau dieses garantieren. Viele Hochschulabsolventen in Deutschland denken, dass ihnen bekannte Firmen mehr Sicherheit und Aufstiegschancen bieten als mittelständische Betriebe.

Eine aktuelle Studie des Trendence-Insituts bestätigt diese Auffassung. Bei Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren stehen die Firmen BMW, Porsche und Siemens an der Spitze der Arbeitgeber-Wunschliste, danach folgen große Beraterfirmen wie KPMG und PricewaterhouseCoopers oder Fahrzeugbauer wie Audi und Daimler-Chrysler.

Doch Wunsch und Wirklichkeit liegen in der Arbeitswelt oft weit auseinander, wie jüngste Beispiele zeigen. Tausende Mitarbeiter so renommierter Konzerne wie Siemens, Bosch und Allianz haben gerade ihren Arbeitsplatz verloren.

Aber der Bewerbungstrend bei den Großen bleibt. „Absolventen wenden sich häufig an Konzerne, weil sie mit großen Namen große Möglichkeiten verbinden“, sagt Sabine Seidler, Pressesprecherin der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn. „Dabei haben mittelständische Unternehmen sehr viel Potenzial und suchen oft händeringend Personal“.

Mehr als 99 Prozent aller Betriebe gehören nach einer ZAV-Studie aus dem Jahre 2004 in Deutschland und europaweit zu den so genannten kleinen und mittleren Unternehmen. Und obwohl es so viele sind, ist es für Absolventen erheblich aufwändiger, dort eine Stelle zu finden, als nach einem geeigneten Großunternehmen zu suchen. „Mittelständische Betriebe sind meistens unbekannt, Konzernnamen kennt aber jeder. Oft haben die kleineren Betriebe schlechtere Netzwerke als die Großen, um Personal zu rekrutieren“, sagt Seidler. Dabei wächst der Bedarf des Mittelstandes an Akademikern. 1997 arbeiteten erst 1,05 Millionen Akademiker in Betrieben mit weniger als 200 Mitarbeitern, vier Jahre später waren es schon 1,14 Millionen. Am häufigsten sind laut ZAV-Studie Akademiker in Betrieben mit 200 und mehr Beschäftigten anzutreffen.13 Prozent aller Mitarbeiter haben dort einen Hochschulabschluss.

Doch wo haben Absolventen wirklich eine bessere Perspektive? „Große Unternehmen machen sich natürlich gut im Lebenslauf“, sagt Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie. Dennoch sei jemand, der von einem Konzern komme, nicht automatisch besser qualifiziert. „Ein Koch kann im Restaurant nebenan genauso gut gelernt haben wie im Hilton. Bei der weiteren Bewerbung hilft aber der Wiedererkennungswert des großen Hauses“, sagt Hesse.

Dass Großkonzerne aber mehr Sicherheit bieten, trifft heutzutage nicht mehr zu. „Dieser Gedanke ist illusorisch. Bei VW kann man genauso leicht seinen Job verlieren wie beim Ingenieurbüro um die Ecke“, sagt Hesse. Der Unterschied sei nur, dass große Firmen nicht ganz so schnell auf Abwärtsentwicklungen am Arbeitsmarkt reagieren könnten, wie kleinere.

In der Studie des ZAV zum Mittelstand wird deutlich, dass Absolventen in kleineren Betrieben mit geringeren Einkommen und schlechteren Karrierechancen rechnen und im Vergleich zu Konzernen weniger Möglichkeiten erwarten, um im Ausland Erfahrungen sammeln zu können. Sie erhofften sich in solchen Betrieben aber, schneller eine generell höhere Verantwortung zu übernehmen .

Der Zugang zu Führungspositionen in kleineren Betrieben sei tatsächlich leichter als in großen Firmen, bestätigt Jürgen Hesse, auch durch flache Hierarchien und offenere Organisationsstrukturen. „Bevor man in einem Konzern in die obere Ebene kommt, muss man sich durch viel Sand wühlen“, sagt Hesse. Dann habe man aber meist größere Verantwortung als in kleineren Betrieben. Wer ins Ausland wolle, könne dies bei Konzernen leichter erreichen.

Dafür findet man in mittelständischen Unternehmen schneller den Einstieg ins Berufsleben. „ Die Chance, in der Großindustrie auf Anhieb Fuß zu fassen, ist nicht besonders hoch“, sagt Gerhard Wolf, Berater für akademische Berufe bei der Bundesagentur für Arbeit in Berlin. Er rät zu umfangreichen Recherchen vor der Auswahl der Arbeitsstelle. „Absolventen sollten sich gut über die Branche informieren, zum Beispiel über die Kammern, damit sie sich nicht nur bei den bekanntesten Unternehmen bewerben“, sagt Wolf. Am wichtigsten bleiben bei der Auswahl aber die Arbeitsinhalte, nicht die Größe des Betriebs. „Im Mittelstand macht man in vielen Fällen interessantere Arbeit, weil man direkter an der Umsetzung beteiligt ist“, sagt Wolf.

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