Zeitung Heute : "Der weiße Gott der Meere": Igrendwo dort draußen bläst er

Xenia Hansen

Legendär sind Wale ohnehin. Aber legendärer noch als die echten Riesentiere, die man beim Whalewatching sehen kann, ist jener eine weiße, Wal, der Melvilles Seiten durchpflügt und aus dem Meer eine Metapher macht. "Moby Dick" ist für viele das Buch der Bücher in der Literatur. Obgleich es dick ist wie ein Pottwal selbst, wiewohl auch muttersprachliche Leser zugeben, dass sie auf nahezu jeder Seite ein Wort nachschlagen müssen, da Melvilles Sprache so üppig ist, gilt "Moby Dick" als fesselnder Klassiker, eine Welt für sich, ein ganzer Kosmos von Mensch und Natur und Obsession.

Ähnlich muss es dem britischen Abenteuerautor Tim Severin gegangen sein, der sich aufmachte, die reale Welt Moby Dicks hinter dem Symbolischen zu suchen. Ein prekäres Unterfangen, das von der Hypothese ausgeht, es gebe hinter Literatur eine Ebene des "Realen" zu entdecken. Tim Severin ist jedoch nicht nur ein ehemaliger Oxford-Student, er war auch mit einem Bambusfloß auf dem Pazifik unterwegs und segelte mit einer nachgebauten Galeere im Kielwasser von Jason und Odysseus. Ein gebildeter Abenteurer also. Severin glaubt daran, dass es den wütenden, weißen Wal, der 1822 die "Essex" zum Havarieren brachte, tatsächlich gegeben haben muss. Er machte sich auf eine Suche um den halben Globus, sammelte Geschichten von alten Walfängern und deren Vätern und Vorvätern, ließ nicht locker, ehe er eine heiße Spur zu dem mythischen Meeressäuger fand.

Der Ort seines Fundglücks heißt Lamalera, indonesische Insel, wo Männer noch heute den Pottwal jagen, mit Handharpunen. "Ich hatte jetzt", schreibt er dann aufatmend, "von Sichtungen des weißen Wals, die einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert abdeckte. Patrus, Marinus, Rufinus, der einbeinige Bernardus, Paulus, sie waren dem weißen Wal begegnet, und ihre Berichte stimmten auffällig überein. Es war für mich keine Frage mehr, dass sich irgendwo dort draußen in den Gewässern um Lamalera ein weißer Pottwal befand." Wie die Meisten angelsächsischen Sachbuchautoren schreibt Severin mit literarischem Schwung und Anspruch. Den Anspruch löst er ein, und bleibt dennoch angenehm nüchtern.

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