Zeitung Heute : Der Welt die Stirn

Putin droht, den Terror überall zu bekämpfen – das betrifft vor allem Georgien, Syrien und Jordanien

Frank Jansen

Russland kündigt weltweite Präventivschläge gegen Terroristen an. Wer könnte wo betroffen sein?

13. Februar 2004 in Doha, der Hauptstadt des Ölscheichtums Katar. Der tschetschenische Rebellenführer Selimchan Jandarbijew und zwei Leibwächter steigen in einen Wagen, da detonieren zwei Kilo Sprengstoff. Die Explosion tötet den Ex-Präsidenten der russischen Teilrepublik und seine Bodyguards. Kurz darauf nimmt die katarische Polizei drei russische Agenten fest. Einer besitzt einen Diplomatenpass und kommt frei, die anderen müssen büßen. Im Juni verurteilt ein Gericht die Männer des Militärgeheimdienstes GRU zu lebenslanger Haft.

Dieses Ereignis und seine Folgen haben offenbar beim russischen Militär keinen Lerneffekt erzielt. Tage nach Ende des Geiseldramas von Beslan verkündet Generalstabschef Juri Balujewskij, künftig würden „in jeder Region der Welt“ Präventivschläge gegen Terroristen geführt. Die Idee ist nicht neu, wie der Mord in Katar beweist – ob sie unter den gegebenen Umständen glaubhaft ist, ist fraglich.

Anschläge geheimer Killerkommandos gegen Exil-Tschetschenen in Europa sind kaum zu erwarten. Hier hätte ein Verbrechen nach dem Muster von Katar einen Aufschrei in Politik und Medien zur Folge. Russland würde seine Beziehungen zu den Nachbarn schädigen. Außerdem gibt es wenige tschetschenische Terrorverdächtige in Europa.

Die Drohung des russischen Generals muss eher jene Länder beunruhigen, in denen es eine tschetschenische Diaspora gibt. Das betrifft Georgien, Syrien und Jordanien. Außerdem kämpfen Tschetschenen in Afghanistan und Pakistan an der Seite von Taliban und Al Qaida. Es ist aber unwahrscheinlich, dass der russische Geheimdienst am Hindukusch mehr ausrichten kann als US-Spezialkräfte und pakistanische Truppen, die Osama bin Laden jagen.

Welche Methoden wenden russische Agenten mit der Lizenz zum Töten an? Die Bombe in Katar war ein kurzfristig effektives, aber inakzeptables Instrument. Sein Einsatz ähnelt fatal dem brutalen Vorgehen der Terroristen. Autobomben mit Autobomben zu vergelten schwächt noch mehr als der Mord selbst das Ansehen der russischen Sicherheitskräfte. Putins Spezialisten sind auch zu anderen Aktionen fähig. Im April 2002 vergiftete der Inlandsgeheimdienst FSB, angeblich mit einem präparierten Brief, in Tschetschenien den Jordanier Chattab. Der Islamist führte eine Truppe ausländischer Kämpfer und war mit Schamil Bassajew verbündet, dem mutmaßlichen Anstifter des Geiseldramas von Beslan.

Könnte Russland High-Tech einsetzen wie die USA? Ende 2002 hatte eine unbemannte amerikanische Drohne über Jemen eine Rakete abgefeuert, die den Al-Qaida-Anführer Ali al Harithi tötete. Deutsche Sicherheitsexperten haben allerdings Zweifel, dass Russland über eine ähnliche Waffe verfügt.

Russische Präventivschläge hätten vermutlich auch nicht die Auswirkungen wie die Tötung von Hamas-Anführern durch Israel. Diese Leitfiguren sind für die Hamas schwer zu ersetzen, da die Organisation nicht zum weltweiten, zehntausende Kämpfer zählenden Dschihad- Netz zählt. Anders die tschetschenische Guerilla, die eigene Verluste halbwegs mit ausländischen Islamisten ausgleichen kann.

Gegen russische Präventivschläge im Ausland gibt es noch ein gewichtiges Argument: Sie würden gegen das Völkerrecht verstoßen. UN-Generalsekretär Kofi Annan hat Russland ermahnt, die Grundsätze des Rechts nicht zu untergraben.

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