Zeitung Heute : Der Welt die Stirn

Zidanes Karriere endete anders als geplant – brutal und unrühmlich. Eine Nation fragt nach dem Warum

Stefan Hermanns

Beim WM-Endspiel verlor Zinedine Zidane die Nerven. Er rammte seinen Kopf in den Oberkörper des Italieners Marco Materazzi. Was war passiert, dass Zidane dermaßen in Rage geriet?


David Trezeguet nahm intuitiv eine Abwehrhaltung ein. Er beugte seinen Oberkörper nach hinten, und je weiter er sich von der Barriere entfernte, desto mehr versuchten die Journalisten mit ihren Mikrofonen und Aufnahmegeräten an ihn heranzurücken. Es schien, als würde eine wilde Meute Trezeguet ihre Säbelspitzen vor die Nase halten. Der Stürmer der französischen Nationalmannschaft, einziger Fehlschütze beim Elfmeterschießen im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft, war gestellt, und er musste erzählen vom vermutlich schlimmsten Moment seiner Karriere. Vielleicht hat er in diesem Moment gewünscht, er hätte die gleiche Strategie gewählt wie sein Kollege Zinedine Zidane. Der Kapitän der Equipe tricolore war um 22.18 Uhr vom Rasen des Olympiastadions verschwunden. Er wurde anschließend nicht mehr gesehen und erteilte auch keine Auskünfte zu seinem Beitrag zum Titelgewinn der Italiener.

Zinedine Zidane wollte selbst bestimmen, wann seine Karriere enden würde; kurz vor Schluss ist ihm die Entscheidung doch noch abgenommen worden, von Horacio Elizondo, einem Schiedsrichter aus Argentinien. Kaum ein Zuschauer im Stadion hatte die entscheidende Szene gesehen, der Schiedsrichter genauso wenig und auch die meisten Spieler nicht. Thierry Henry, Frankreichs Stürmer, war gerade ausgewechselt worden. „Ich war auf dem Weg zur Bank, dann habe ich die Leute schreien hören“, berichtete er nach dem Spiel. „Als ich mich umgedreht habe, sah ich Materazzi auf dem Boden liegen.“ Italiens Torhüter Buffon rannte zum Linienrichter, er deutete ihm mit einer Geste an, dass er ein Blinder sei. Kurz darauf, nach einem Hinweis des vierten Offiziellen, zeigte Schiedsrichter Horacio Elizondo Zidane die Rote Karte.

Den Zuschauern fehlte der Link zwischen Materazzi auf dem Boden und dem Platzverweis. Sie fühlten sich betrogen um das Ende einer großen Karriere und pfiffen fortan bei jeder Ballberührung der Italiener. Doch der Schiedsrichter hatte keine andere Wahl, als dem Kapitän der Franzosen Rot zu zeigen. Zidane und Materazzi waren bei einem Zweikampf aneinander geraten, das Spiel lief weiter, Zidane bewegte sich zurück in die eigene Hälfte, Marco Materazzi rief ihm etwas hinterher, plötzlich drehte sich der Franzose um, ging auf den italienischen Verteidiger zu, ballte seine rechte Faust, und dann rammte er Materazzi mit einem Kopfstoß gegen den Brustkorb zu Boden.

Zinedine Zidane hat der Welt Zeit seiner Karriere viele Rätsel aufgegeben: Wie ist es möglich, einen Ball mit dem Fuß so zärtlich zu streicheln, wie Zizou es getan hat? Was bewegt diesen Menschen, der so still wirkt und in sich gekehrt? Nach diesem Finale bleiben andere Fragen. „Eine unverständliche Aktion. So ein großer Spieler. Warum macht er das?“, fragte Italiens Mittelfeldspieler Francesco Totti, der bei der Europameisterschaft 2004 Rot gesehen hatte, nachdem er seinen dänischen Gegenspieler Christian Poulsen angespuckt hatte. Wie viel Zerstörungswut steckt eigentlich in Zidane, was wütet hinter dieser mönchischen Fassade? Und was hat Materazzi gesagt, dass Zidane sich selbst so sehr vergessen hat?

Niemand war in der Nähe, der den Wortlaut hätte mithören können, trotzdem spekulierte alle Welt über den Inhalt von Materazzis Provokation. In Frankreich wird ein familiärer Hintergrund vermutet. Zidanes Mutter liegt seit kurzem im Krankenhaus; eine andere Theorie besagt, dass Materazzi Zidane als Terrorist bezeichnet habe. Materazzi hat aber zurückgewiesen, Zidane als „dreckigen Terroristen“ beschimpft zu haben.“Ich bin ein Ignorant. Ich weiß nicht mal, was das Wort bedeutet“, sagte er am Montag. Michel Hidalgo, Frankreichs früherer Nationaltrainer, sagte: „Wenn man den Menschen Zidane kennt, weiß man, dass es sehr grausame Worte erfordert, damit er so reagiert.“ Andererseits ist bekannt, dass Zidane leicht zu provozieren ist. Der Platzverweis war seine 14. Rote Karte, die meisten für Tätlichkeiten.

Trotzdem sagte Raymond Domenech, der französische Nationaltrainer: „Der Spieler des Spiels war nicht Pirlo. Es war Materazzi.“ Man hätte fast wetten können, dass Domenech dem billigen Impuls nachgeben würde, andere für Zidanes Ausraster verantwortlich zu machen. „Es ist schade, dass seine Karriere so geendet hat, weil er eine große WM gespielt hat“, sagte er. „Ich hätte ihn lieber fünf Minuten vor Schluss ausgewechselt, damit er noch einmal den Applaus des Publikums bekommt.“ Sein italienischer Kollege Marcello Lippi, der Zidane fünf Jahre lang bei Juventus Turin trainiert hat, sagte: „So kann er nicht aufhören. Das wäre eine Schande.“

Von Zidanes Karriere werden viele grandiose und melancholische Bilder bleiben. Das letzte ist ein besonders trauriges. Nach der Roten Karte packte Buffon Zidane mit beiden Händen am Nacken und umarmte ihn. Zidane nahm seine Kapitänsbinde vom Arm und ging vom Platz, vorbei am goldenen WM-Pokal. Er riss sich eine Bandage vom rechten Handgelenk, das Fernsehen filmte ihn von hinten beim Abgang hinunter in den Kabinentrakt. Einmal blickte Zidane noch kurz zur Seite. Es sah so aus, als weinte er.

Die Geschichte wäre ohnehin fast zu kitschig gewesen, um wahr zu sein. Bester Spieler des vergangenen Jahrzehnts, Weltmeister 1998, dreimal Weltfußballer des Jahres, Champions-League-Sieger und, und, und, tritt mit dem größten Spiel von der Bühne ab, das es für einen Fußballer geben kann. Zidane, der älteste der alten Recken, hat der französischen Mannschaft nach einem müden WM-Auftakt noch einmal den Weg ins Finale gewiesen: Er hat im Achtelfinale gegen Spanien ein Tor geschossen und eines vorbereitet, gegen Brasilien sein bestes Spiel seit Jahren bestritten und das einzige Tor vorbereitet, gegen Portugal den Elfmeter zum 1:0 verwandelt, genauso wie im Finale gegen Italien.

Am Ende wurde es wirklich das Finale des Zinedine Zidane, so wie es 1998 sein Finale geworden war, als er beim 3:0 gegen Brasilien die ersten beiden Tore köpfte. Doch es wurde anders, als alle erhofft hatten. Einen Moment gab es noch, in dem sich alles zum Guten hätte wenden können. In der 103. Minute sandte Willy Sagnol eine Flanke von der rechten Seite in den italienischen Strafraum, Zidane stand völlig frei, er traf den Ball mit dem Kopf, er traf ihn perfekt, doch Gianluigi Buffon, Italiens Torhüter, rettete. Sieben Minuten später endete Zidanes Karriere. Zehn Minuten vor der Zeit.

Zinedine Zidane tauchte an diesem Abend nicht wieder auf. Zur Übergabe der silbernen Medaillen erschien er nicht , auch in der Mixed-Zone nicht, wo die Journalisten warteten. Von „Tränen, Trauer, Enttäuschung“ berichtete Mittelfeldspieler Patrick Vieira. Jean-Pierre Escalettes, der Präsident des französischen Fußballverbandes, sah Zidane in der Kabine in einer Ecke hocken. Er drückte ihm die Hand, um ihm zu danken für alles, was er für den französischen Fußball getan hatte, aber er wagte es nicht, ihn anzusprechen: „Man sollte ihn einfach in Ruhe lassen. Er ist untröstlich.“ Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac war nach dem Spiel ebenfalls in der Kabine und sprach lange mit Zidane, am Montag beim Empfang der Mannschaft im Élysée-Palast wandte er sich direkt an ihn: „Lieber Zinedine Zidane, Sie sind ein Virtuose, ein Fußballgenie und auch ein Mann mit Herz, Engagement und Überzeugung. Dafür bewundert und liebt Sie Frankreich.“

Die Verklärung hatte zu diesem Zeitpunkt längst eingesetzt. Zwölf Stunden nach dem traurigen Abgang aus dem Berliner Olympiastadion gab der Fußballweltverband Fifa am Montag bekannt, dass Zinedine Zidane zum besten Spieler der Weltmeisterschaft 2006 gewählt worden war.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar