Zeitung Heute : Der Weltenwechsler

Im Kino liebte er früher glitzernde Revuen, zu Hause sah er den orthodoxen Geistlichen beim Schächten zu. Beide Kulturen haben ihn geprägt. Jetzt ist Salomon Korn Nachfolger von Michel Friedman als Vize-Präsident des Zentralrats der Juden. Und: Dauerndes Empörtsein liegt ihm nicht.

Constanze Bullion[Frankfurt am main]

Die Hände sind kaum geschüttelt, da fällt ihm schon ein Witz ein, und er sitzt noch nicht auf seinem Stuhl, da schießt ihm schon ein Gedicht durch den Kopf, das auf der Stelle rezitiert werden will. „Gewaltig endet so das Jahr, mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.“ Es ist ein etwas melancholisches Herbstgedicht von Georg Trakl, das von getaner Arbeit und Ruhe und Abschied handelt, und Salomon Korn ärgert sich ein bisschen, dass er es nicht gleich aus dem Stand zusammenbringt.

Doch, wird er irgendwann in diesem langen Gespräch sagen, er hatte eigentlich damit gerechnet, sich langsam aus den Verpflichtungen zurückzuziehen, die in 60 Lebensjahren aufgelaufen sind und die jetzt wieder heftig an ihm zerren. Wie ein „Strudel“ sei das, und manchmal, wenn er es nicht mehr aushält, läuft er einfach hinaus in die Natur. Im Kopf Gedichte, die er vor sich hersagt wie heilende Mantras. Und im Bauch diese Sehnsucht nach einem Leben, das er nie geführt hat.

Reise in die Stunde null

Salomon Korn lebt in Frankfurt am Main, er ist vor wenigen Tagen zum Vize-Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt worden, und wer den Nachfolger von Michel Friedman besuchen will, der findet ihn in einer stillen Straße mit großbürgerlichen Häusern und alten Bäumen, hinterm Schreibtisch einer Immobilienfirma, auf dem sehr akkurate Papierstapel liegen. Vorn an der Schreibtischkante steht eine winzige Spielzeugkamera, die auf Korn gerichtet ist. Könnte man durchschauen, sähe man einen fröhlichen Herrn mit offenem Kragen, der als erstes mal das Zimmer verlässt, um das Gebimmel nicht mehr hören zu müssen.

Eine Tür weiter gibt es dann kein Telefon mehr, aber Raum und Zeit für eine Reise, die in der Stunde null der Bundesrepublik beginnt, mit einem Abstecher übers Mittelalter in die Gegenwart führt und so animiert wirkt wie ein Historienfilm auf großer Leinwand. Salomon Korn erzählt aus seinem Leben, und natürlich passiert, was immer passiert bei solchen Gesprächen. Es geht nicht um den Immobilienmarkt, die Bundesliga oder Stoiber, sondern ums Jüdischsein und dieses Knäuel von Fragen, die man gar nicht zu stellen bräuchte, gäbe es jene viel beschworene Normalität jüdischen Alltags in Deutschland. Es gibt sie aber nicht, was Salomon Korn gelassen zur Kenntnis nimmt. „Nach allem, was geschehen ist, ist es durchaus normal, dass deutsch-jüdische ,Normalität’ noch nicht normal ist“, schreibt er in seinem Buch „Die fragile Grundlage“, das vor wenigen Tagen erschienen ist.

Korn weiß, dass man ihn als Zentralrats-Vize mehr denn je als jüdische Stimme und als Mahner hören will. Er hat sich darauf eingestellt, ein „Seismograph der deutschen Gesellschaft“ zu sein. Zum hauptamtlichen Moralapostel aber, der bei jeder Fremdenfeindlichkeit Betroffenheit äußert, will Korn nicht werden. „Ich werde mich hüten, mich ganz in diese Rolle pressen zu lassen“, sagt er. Und sieht plötzlich etwas besorgt aus.

Ganz einfach dürfte es nicht werden, den engen Kokon zu durchbrechen, in den deutsche Juden gern mit anderen, nicht wirklich integrierten Minderheiten gesperrt werden. Vor Missachtung und Benachteiligung sollen sie warnen, so will es das politisch korrekte Publikum, dabei hat Salomon Korn sich sein Leben lang nicht offen diskriminiert gefühlt. Und wer ihm so zusieht, wie er sich zurücklehnt, die lebhaften Augen zusammenkneift und den Blick auf Weitwinkel stellt, bevor er sich in seine Vita stürzt, der hat den Eindruck: Hier erzählt einer nicht, um zu belehren, sondern aus Lust an der eigenen Geschichte.

Die beginnt in seiner Erinnerung in einem Deutschland, das in Trümmern liegt. Salomon Korn ist der älteste Sohn einer orthodoxen polnischen Familie und landet nach dem Krieg in Lagern für „displaced persons“. Andere mochten das entwurzelte Leben als Albtraum empfinden, für ihn, das Kind, war es ein „Paradies“, sagt Korn, „ein riesiger Spielplatz“. Da gab es US-Jeeps, auf denen er herumkletterte. Wanzen, die er aus Matratzen pulte, um sie in einem Wassereimer zu ertränken. Oder zerbombte Häuser, aus denen die Kinder Alteisen und andere Schätze bargen.

Zu den ältesten Bildern im Kopf des Salomon Korn gehört aber auch jene Szene, in der er in den jüdischen Kindergarten von Frankfurt gebracht wird und sich immer wieder davonschleicht, um mit den Kindern auf der Straße zu spielen. Irgendwann fängt ihn dann sein Vater ab und versetzt ihm eine Tracht Prügel. „Die erste“, sagt Korn, für den die Sache eine „traumatische Erinnerung“ bleibt, über die er bis heute nicht mit seinem Vater spricht. Weil er dem alten Herrn das nicht antun will, und vielleicht auch, weil er nicht gern zum Besten gibt, dass zwischen dem „Drinnen“ jüdischer Lebenswelten und dem „Draußen“ der Straße unüberwindbare Barrieren liegen konnten.

Von einer Welt in die andere zu wechseln, ganz unauffällig, das hat Salomon Korn früh perfektioniert. In den Kinos der Wirtschaftswunder-Stadt Frankfurt sah er glitzernde Revuen und wilde Western. Während sich zu Hause Szenen abspielten, die eher ins vorletzte Jahrhundert gepasst hätten. Jeden Freitag erschien da ein jüdischer Geistlicher, um im Keller ein Huhn zu schächten. Korn erzählt, wie der Mann das Messer am Daumennagel prüfte, es zwischen die Zähne klemmte, dem Tier den Hals zurückbog, „und als würde er eine Stradivari streichen, ging das Messer durch das Huhn“. Das war, sagt er, als stünde man dem Tod gegenüber.

Einer wie Korn, aus dem die Bilder nur so herauspurzeln, hätte womöglich lieber Filmemacher werden sollen statt Immobilien zu verwalten. Aber da war wohl dieses Pflichtgefühl, dessen Wurzeln man begreift, wenn man nach dem Erbe fragt, das seine Eltern aus Polen mitbrachten. Vier von sieben Geschwistern der Mutter wurden von den Deutschen ermordet, der Vater verlor fast die gesamte Familie, darunter seinen Vater.

Der war Rabbiner und betrachtete „das Leben als kurzen Korridor, in dem man möglichst sauber bleiben musste“. Traf er ein Mädchen auf der Straße, zog er den Kaftan vors Gesicht. Schlief er mit seiner Frau, legte er ein Tuch dazwischen und ließ sich danach in der Synagoge geißeln. „Wir sind also“, fasst der Enkel zusammen, „innerhalb von zwei Generationen vom Mittelalter in die Neuzeit gekommen.“

Salomon Korn erzählt solche Geschichten mit einem Augenzwinkern, aber er macht kein Hehl daraus, dass er sie nie von sich abstreifen konnte, auch nie abstreifen wollte – und auch nie versucht hat, sich den Pflichten zu entziehen, die ihm die Familie antrug. Als man ihn mit seinem Bruder in ein orthodoxes Schweizer Internat schickte, war er neun, „es war ein Albtraum“. Als er Architektur studiert hatte und einem kreativen Beruf entgegensah, brauchte der Vater einen Erben für die Immobilienfirma. Sohn Salomon übernahm. Nicht mal ungern, versichert er, schließlich konnte er den sinnlichen Freuden eines Lebens in Wohlstand viel abgewinnen.

Nie würde er zugeben, dass er Träume aufgegeben hat für die strikte Loyalität, die ihn mit seiner Familie verbindet, ihn zum Chef der jüdischen Gemeinde Frankfurt werden ließ und jetzt zum Zentralratsvize. Dabei wollte er den Job nie haben, hatte schon 1999 dankend die Nachfolge von Ignatz Bubis abgelehnt. Diesmal aber, so sagt er, hätte er es „als Fahnenflucht empfunden“, den Zentralrat im Stich zu lassen.

Dass er sein neues Amt in aller Stille versehen wird, steht nicht zu erwarten. Denn Salomon Korn ist nicht nur ein gehorsamer Sohn, sondern auch ein sperriger Intellektueller. Immer wieder mischt er sich in gesellschaftliche Kontroversen ein, schreibt gern und viel in großen Feuilletons und tritt dabei auch mal jüdischen Freunden öffentlich auf die Zehen.

So legte er sich mit Lea Rosh wegen einer Kampagne fürs Holocaust-Mahnmal an und blieb in der Walser-Bubis-Debatte solidarisch, aber gelassen. Als die Republik nach einer rechtsextremen Anschlagsserie den „Aufstand der Anständigen“ ausrief, fragte Korn etwas unterkühlt, wen man denn zu den Anständigen zu rechnen gedenke. Und als ein Reporter fragte, ob es nicht von finsterem Antisemitismus zeuge, dass die hessische CDU ihre Schwarzgelder frei erfundenen jüdischen Erben zuschrieb, da zuckte er ungerührt die Schultern. Unprofessionell sei sowas, nun ja. Empören sollten sich andere.

Korn will nicht werden, was er einen „Funktionsjuden“ nennt, also einer, „der für die deutsche Mehrheitsgesellschaft die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holt“. Dass man Juden nur zu bestimmten moralischen Themen befrage, um sich selbst um eine Stellungnahme zu drücken, „das entfremdet die Mehrheit von der Minderheit“. Wie Korn verhindern will, dass man auch ihm in Zukunft die immer gleichen Fragen stellt, weiß er allerdings selbst nicht so genau.

Jedes Wort wiegt schwer

Es wird sich auch der Zentralrat verändern müssen, will er nicht erstarren, sagt Korn. „Es nervt mich, dass Repräsentanten des Zentralrats meinen, immer ihre Meinung zu Israel kundgeben zu müssen.“ Natürlich liege ihm Israel am Herzen, aber uneingeschränkte Solidarität gebe es da nicht mehr. Nahost, das ist für ihn „ein tragischer Konflikt, weil beide Seiten im Recht sind“ und unter ihren Regierungen leiden. Ohne vom Siedlungsbau abzurücken, werde Israel keinen Frieden finden und solange die Autonomiebehörde korrupt sei, würden sich die Palästinenser radikalisieren. Natürlich weiß er, dass solche Sätze nicht überall gut ankommen.

Das Eis ist dünn, auf dem sich der neue Zentralrats-Vize bewegt. Jedes Wort wiegt jetzt schwerer und jede Bewegung kann gefährliche Risse verursachen. Dass die Freiheit kleiner wird, hat Korn zur Kenntnis genommen. Dass auch die Angst wachsen könnte, die Sorge um die Sicherheit seiner Familie und das bisschen Anonymität, das er braucht wie die Luft zum Atmen, mag er dagegen nicht zu nah an sich heranlassen.

Im Übrigen hat Korn beschlossen, weiter zu leben wie bisher. Er wird sein Büro vielleicht gegen ein größeres eintauschen, die Papierstapel abarbeiten, die auf dem Schreibtisch wachsen und zusehen, dass er freitags pünktlich zu Hause ist. Eine große Familie wartet da auf ihn, um die Kerzen anzuzünden und den Segen zu sprechen. „Ich bin einer der glücklichsten Menschen“, sagt Korn, und wenn man ihn fragt, wie er das meint, erzählt er sehr Liebenswertes von seiner Frau, mit der er seit 40 Jahren verheiratet ist.

Er weiß, dass sie ihn in ein paar Jahren vermutlich fragen werden, ob er Chef im Zentralrat werden will. Er weiß auch, was er antworten wird. „Ich habe einmal Nein gesagt, und dabei bleibt es.“ Aber vielleicht denkt er ja noch einmal gründlich darüber nach.

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