Zeitung Heute : Der weltweite Golfboom zieht Wasserknappheit nach sich - und nicht nur das

Christel Burghoff

Golf muß einmal ein sehr umweltfreundliches Spiel gewesen sein. Einst in Schottland wurde es auf grasbedeckten, küstennahen Sanddünen gespielt. Die Sandgruben hatte der Wind geblasen, und das Gras wurde von Schafen kurzgehalten. Die ersten Löcher - sagt die Historie - waren Kaninchenlöcher, die Clubs waren die Behausungen von Schäfern. Und weil es in Schottland viel regnet, brauchte das Grün nicht künstlich bewässert zu werden.

Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Nur das Ökoimage hat sich das Golfspiel bewahrt. Es gilt als "grüner" Sport, der die Landschaft aufwertet, indem er sie verschönert. Wirtschaftlich wird er als saubere Alternative zu umweltbelastender Industrie und Landwirtschaft gehandelt. "Ein geradezu sensationeller Sport, der die Menschen in einer Form an die Natur heranführt, die es sonst nicht gibt," begeistert sich Wolf Michael Iwand, der Umweltbeauftragte des Tourismuskonzern TUI.

Umweltschützer gehen jedoch auf Abstand. Sie kritisieren die Neigung der Golfer, sich in geschützter Restnatur einzurichten. Claus Mayr vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) weiß, daß Golffreunde sich gern die "Filetstücke" aus der Landschaft herauspicken. "Golf ist auf schöne, abwechslungsreiche Natur als Kulisse angewiesen," erklärt Christine Garbe vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), "aber eine Bedeutung als Lebensraum für störungsempfindliche Tierarten beziehungsweise seltene Pflanzen haben Golfplätze grundsätzlich nicht". Dünger und Pestizide, die die Flächen unkraut- und pilzfrei halten sollen, werden bemängelt. Vor allem aber der immense Wasserverbrauch. Und außerdem, so Christine Garbe, muß man auch die "soziale Seite" bedenken: "Golf hat einen mäßigen Arbeitsplatzeffekt und bringt als gemeinnütziger Träger wenig Steuereinnahmen."

Weil die Ökobilanz der Anlagen selten zufriedenstellt, haben BUND, Umweltbundesamt und verschiedene Planungsbüros inzwischen Leitfäden und Ratgeber für Gemeinden erstellt, die sie zu umfassenden Kosten-Nutzen-Analysen bei Neuplanungen befähigen sollen. Als Träger der Bauleitplanungen sollen sie umweltverträgliche Anlagen gewährleisten. Umweltverbände streben verbindliche Umweltverträglichkeitsprüfungen an und haben Richtlinien für den "ökologischen Golfplatz" entwickelt.

Seit 1907 in Deutschland der erste Golfclub eröffnet wurde, wuchs die Zahl der Plätze auf mittlerweile 585 an. Innerhalb der letzten 10 Jahre hat sie sich mehr als verdoppelt. Im deutschen Golf Verband (DGV) sind derzeit rund 320 000 Mitglieder organisiert. Die "Life-Time-Sportart par excellence" (Wolfgang Scheuer, DGV-Präsident) verzeichnet enorme Zuwachsraten - jährlich zwischen 7,5 und 15 Prozent. Bislang spielt hierzulande erst jeder 258. Bürger. Falls es zu "kanadischen Verhältnissen" kommen sollte - jeder 6. Kanadier spielt Golf - dann müßte aus Deutschland wohl ein flächendeckender Rasen werden. Denn Golf braucht Platz. 30 Hektar müssen es, mindestens 70 Hektar sollten es sein. Es darf aber auch - wie in Bad Griesbach in Ostbayern - ein "Golfodrom" sein samt vier 18-Loch-Meisterschaftsplätzen, die in etwa der Fläche von 670 Fußballfeldern entsprechen. Golfer verlangen heutzutage zur perfekten Natur auch perfekte Infrastruktur. Das heißt: wenn noch Thermalbad und Beauty-Farm, Tennis, Squash, Reiten, Hotel und/oder Luxuseigentum um einen Platz gruppiert sind, steigert das seine Attraktivität.

Der Trend zu luxuriösen Großanlagen bringt viele südliche Urlaubsländer in Bedrängnis, deren Wassersituation durch den Ausbau des Massentourismus ohnehin stark angespannt ist. Seit Jahren machen Schlagzeilen wie "Ekliges Tröpfeln aus Wasserhähnen" oder "Süßwasser für Touristen - Salz für die Bauern" die Runde. Auf Mallorca hat sich der Grundwasserspiegel alarmierend gesenkt. 15 Golfplätze hat diese Insel derzeit. Weitere 25 Plätze sind seit Jahren im Gespräch. Sie werden vermutlich Illusion bleiben, denn zur Bewässerung wird mangels Brauchwasser auch Trinkwasser benötigt. Aber dies ist erst recht knapp und wird zum Teil per Tankschiff aus dem Ebrodelta auf die Baleareninsel befördert.

Ein Golfplatz auf Mallorca saugt am Tag bis zu zwei Millionen Liter Wasser. Fachleute haben errechnet, daß die Golfplätze Spaniens pro Jahr etwa so viel Wasser verbrauchen wie die Haushalte der drei Millionen-Metropole Madrid. Sie konzentrieren sich ausgerechnet im heißen und trockenen Süden: Mit über 60 Plätzen wurde die Costa del Sol zu Europas größtem zusammenhängenden Golfzentrum ausgebaut. Wo Urlauber Golf Spielen können, schwärmen Touristiker vom "Qualitätstourismus". Multis wie TUI, Neckermann oder DER überholen jetzt Spezialanbieter für Golfreisen und stimulieren mit besonderen Angeboten das Golffieber.

Golf ist nicht bloß Sport und Urlaubsvergnügen. Golf ist auch eine touristische Modernisierungsstrategie, die auch das nordafrikanische Tunesien Mitte der 80er Jahre eingeschlagen hat. Um vom Image einer Billig-Reise-Destination wie seinerzeit Mallorca wegzukommen, wurden auf Djerba sogar Sanddünen begrünt. Alle Nächte hindurch fließt Wasser, um zwischen Palmen ein Golferparadies herbeizuzaubern. Selbst in der Oase Tozeur soll ein Golfplatz entstehen. Die Verantwortlichen machen Unmögliches möglich. Noch. In 20 Jahren, so schätzen Fachleute von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), werde es in Tunesien riesige Probleme mit der Wasserversorgung geben. Denn längst werden in den Oasenregionen die fossilen Wasserschichten angebohrt. Immer häufiger verdorren Palmen, ihre Wurzeln erreichen kein Grundwasser mehr.

Umweltprobleme sind den Verantwortlichen im Golfgeschäft durchaus nicht unbekannt. Und natürlich tun sie etwas: "Gemeinsam mit unparteiischen Fachleuten wurden Konzepte und Strategien entwickelt, die einen Golfsport im Einklang mit der Natur möglich machen", sagt DGV-Präsident Wolfgang Scheuer. Innerhalb des Deutschen Golfverbandes berate ein Ausschuß "Umwelt- und Platzpflege" die Mitgliedsvereine. Schon in naher Zukunft werde es in Deutschland keinen Platz mehr ohne einen "geprüften Greenkeeper" geben. Der Golfsport soll familiengerechter und die Biotoppflege ernster genommen werden. Immer mehr Zäune sollen verschwinden. "Wenn sich örtliche Naturschutzgruppen gegen den Neubau eines Platzes aussprechen, sind die Argumente leider in der Regel ideologischer Natur und ganz selten sachlich begründet", behauptet der Präsident.

In der Tat ist den Golfern schwer beizukommen, denn Golfplatzplanung ist meist die Angelegenheit von privaten Investoren. Kapitalgesellschaften planen, bauen und stellen den Golfplatz komplett fertig. Ein Golfclub (in der Regel gemeinnützig) kauft oder pachtet zumeist ein fertiges Produkt. Golfer selbst bezeichnen sich gern als "süchtig", ihrer Obsession hoffnungslos, aber glücklich verfallen. Und als "völkerverbindend-kommunikativ", denn sie reisen dem weißen Bällchen auf dem ganzen Globus hinterher. Sie sind ein vielversprechendes touristisches Potential: Über die Hälfte dieser "Süchtigen" verreist dreimal und öfter im Jahr. Und sie sind "Vielflieger". Spanien, Portugal, Südafrika, Florida, Dubai, Australien - nicht bloß auf dem Golfplatz liebt der Golfer die Weite. Am schönsten soll es sein, wo es ganz weit weg ist. In Neuseeland beispielsweise, ein Land, in dem angeblich "nicht einmal Grüne auf die Idee kommen, Golfer als Umweltsünder zu verleumden" (FAZ).

Es sind vor allem japanische Investoren, die den Golfmarkt angeheizt haben. Angefangen von Haiwaii und der US-amerikanischen Westküste bis nach Australien und Südost-Asien finanziere der "Yen" neue Plätze, recherchierte das "Asia-Magazin". Japan selbst ist vielen japanischen Golfern zu teuer geworden. Sie weichen aus. Durch Kapitaleinlagen in ihre heimischen Ressorts finanzierten sie sich in gewisser Weise ihre ausländischen Refugien, denn die Golfplatzpromotoren investierten und spekulierten ihrerseits mit dem Geld im Ausland. So wundert es nicht, daß sich die Situation im asiatischen Raum ziemlich zugespitzt hat: Auf 400 Prozent schätzten Insider schon vor der asiatischen Wirtschaftskrise die bereits entstandenen Überkapazitäten an Golfplätzen. Jetzt verwaisen mehr und mehr Anlagen. Aber auch der Protest dagegen ist heftig.

"In Asien tobt der Golfkrieg", sagt die in Bangkok lebende Tourismusexpertin Anita Pleumarom. Wo hierzulande noch ordnungsgemäß verhandelt wird, da wehren sich in allen asiatischen Ländern die Betroffenen. Denn die Investoren kämpfen mit harten Bandagen bei der Landnahme.

Natürlich richten sich die Proteste immer auch gegen Fremdbestimmung durch internationale Investoren und die jeweiligen politischen und ökonomischen Eliten. Ökologische Argumente dienten als "eine Art legitimer Kanal, der eine Kritik ermöglicht, die sonst nur schwer vorzubringen wäre", meinen Entwicklungshelfer. Bali bietet ein Beispiel: Der Plan, einen Golfplatz in der Nähe eines bekannten Tempels anzulegen, aktivierte nicht bloß Umweltschützer, sondern auch religiöse Gruppen. Es entstand ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen die dominante Position der Zentralregierung bei der wirtschaftlichen Planung Balis.

Wo - wie auf Goa - die Brunnen für touristische Großanlagen ausgeschöpft werden, da müssen Bäuerinnen, die traditionell hart arbeiten, noch härter arbeiten. Sie müssen zu entfernteren Wasserstellen laufen. Und wo das Brunnenwasser durch Nitrate, Pestizide, Herbizide und viele andere Chemikalien verschmutzt ist, da werden die Anwohner von neuartigen Krankheiten geplagt. An die Stelle traditioneller Bewirtschaftsweisen tritt vielerorts Luxustourismus. Er ist Teil eines Modernisierungschubes großen Stils, der sogenannte unterentwickelte Regionen in den globalen Wettbewerb einbindet. Und zweifelhaften Segen bringt. Wenige macht er reich, viele finden neue Lebens- und Arbeitsformen, die Armen aber macht er immer ärmer. Die kleinbäuerliche Bevölkerung, die den Luxuseinrichtungen weichen muß, verelendet. Ehemalige Bäuerinnen, die kein Land mehr haben, können sich bestenfalls als Caddies verdingen.

Den Golfsport heutzutage charakterisiert das "Asia-Magazin" als eine "milliardenschwere, multinationale Industrie, an der Entwicklungsplaner, Hotelketten, Reiseveranstalter, Fluglinien und nicht zuletzt die Designer von Plätzen und die Hersteller von Golfausrüstungen beteiligt sind". Das luxuriöse Freizeitvergnügen ist gewissermaßen ein Vor-Ökokrisen-Sport, expansiv und wachstumsselig, als gäbe es noch die Welt der unbegrenzten Ressourcen. Nur dort, wo der Golfer auftritt, ist alles schön grün.

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