Zeitung Heute : Der Westen

Lutz Haverkamp

Weil das Wetter schlecht ist, bleibt im Frühjahr 1953 der konjunkturelle Aufschwung vor allem in der witterungsabhängigen Bauwirtschaft aus – die Arbeitslosigkeit steigt. Aber die gesamtwirtschaftliche Situation gibt begründeten Anlass zu Hoffnung: Die privaten Investitionen und der Konsum nehmen stark zu, das Preisniveau bleibt stabil und die westeuropäischen Industrieländer machen bei der Anpassung an das konjunkturelle Tempo der Vereinigten Staaten von Amerika große Fortschritte.

Auch im Westen beginnt am 26. Januar die Schnäppchenjagd – und im Vergleich zum Osten lohnt es sich auch. Während ein angelernter Arbeiter der Maschinenindustrie in der DDR mindestens zwölf Prozent seines Monatseinkommens für ein Sporthemd ausgeben muss, kann sein westdeutscher Kollege das gleiche Kleidungsstück für 2,5 Prozent seines Einkommens erwerben.

Im Dezember 1952 kostet in Westdeutschland ein Kilogramm Weizenmehl 0,78 DM; ein Liter Milch 0,89; ein Kilogramm Margarine 1,90; ein Paar Damenstrümpfe kostet 1,80 D-Mark. Die Lebenshaltungskosten haben in Westdeutschland für alle Einkommensgruppen Anfang der 50er Jahre gleichmäßig abgenommen. Bei angenommenen gleichem Lohnsatz und gleicher Lebenshaltung müsste nach Berechnungen des DIW ein ostdeutscher Arbeiter 385 Stunden im Monat arbeiten, um das Niveau seines westdeutschen Kollegen mit 200 Arbeitsstunden zu erreichen.

In Westdeutschland steigen die Preise für Getränke, Mieten, Kohlen und Strom. Diese Steigerungen werden durch erhebliche Preisnachlässe auf Textilien, Bekleidung, Hausrat, Reinigungs- und Körperpflegemittel mehr als wettgemacht und kommen damit allen Einkommensgruppen – aber vor allem den Geringverdienern – zugute. Die Aufwendungen für die Lebenshaltung einer vierköpfigen Familie mit mittlerem Einkommen liegen im Dezember 1952 bei rund 290 Mark – rund 100 Mark weniger als ein Jahr zuvor.

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