Zeitung Heute : Der Westend-Boy

2001 hat er sich böse im Ton vergriffen. Das schien das politische Ende von Ingo Schmitt zu sein. Jetzt wird er Berliner CDU-Chef

Werner van Bebber

Ingo Schmitt redet, als rede er nicht gern. Ganz gleich, ob er in kleinem Kreis spricht oder vor 100 Parteifreunden oder im Wahlkampf: Der designierte neue Landeschef der Berliner CDU sprudelt seine Sätze nicht hervor, er lässt sie langsam und manchmal widerstrebend los. Er sitzt in seiner Anwaltskanzlei im Berliner Westend, sieht zu, wie der Regen die mächtige Kastanie vor dem Fenster labt, und sagt Sätze wie: Es sei jetzt wichtig, dass seine Parteifreunde „ein Stück weit das Gemeinschaftsgefühl“ erlebten. Gemeinschaftsgefühl, ein Stück weit – Ingo Schmitt weiß, was seine Parteifreunde brauchen: Zuwendung, vor allem aber eine kräftige Hand. In knapp zwei Wochen will er der mächtigste Mann der Berliner CDU werden. Man redet von einer schönen Dreiviertelmehrheit.

Dabei ist Ingo Schmitt keiner, der auf den ersten Blick oder den ersten Eindruck überzeugt. Der 47 Jahre alte Anwalt und Europaabgeordnete, groß und nicht mehr ganz schlank, wirkte lange Zeit wie gemacht für die zweite Reihe der Machtmenschen, deren Profil nicht so genau zu erkennen ist. Immerhin acht Jahre war er Staatssekretär in der Verkehrs- und in der Bauverwaltung, technokratisch, unauffällig, einigermaßen wichtig. Da saßen andere in seinem Alter als Senatoren im Senat. Als Generalsekretär der Berliner CDU scheiterte Schmitt 2001. Das Redeproblem, gewissermaßen: Schmitt nannte den SPD-Senator Klaus Böger eine „Politnutte“, weil Böger, lange eine Stütze der großen Koalition, sich für ein Bündnis mit den Grünen und die Tolerierung durch die PDS ausgesprochen hatte.

Es waren harte Zeiten für die Berliner CDU, als Schmitt sich derart im Ton vergriff. Damals zerfiel die Betonriege um Eberhard Diepgen, die der Union so lange die Macht gesichert und erhalten hatte. Auf den Langstrecken-Landeschef Diepgen folgte Christoph Stölzl. Das war das Modell „freischwebender Landesvorsitz“. Stölzl wollte geistig führen, doch die Partei mochte ihm nicht folgen. Dann kam der Bürgermeister des Bezirks Mitte, Joachim Zeller – das Modell „Einer muss es tun“: Zeller bekam eine denkbar knappe Mehrheit. Als er dennoch auf die Idee kam, sich auch die Spitzenkandidatur bei der Wahl 2006 zuzutrauen, zweifelten die Ersten halblaut an Zellers Wiederwahl. Ingo Schmitt war der Erste unter den Wichtigen in der Berliner CDU – den Kreisvorsitzenden –, die Zeller in die Schranken wiesen: Im vergangenen Sommer schrieb Schmitt als Kreischef von Charlottenburg-Wilmersdorf, der wichtigsten Untergliederung der Berliner CDU, die Partei brauche 2006 einen Spitzenkandidaten von außen.

Nun sitzt Schmitt auf einem der beiden schwarzen Ledersofas in seinem Büro, raucht und sagt, dass er „in den nächsten sechs Monaten“ schweigen werde, wenn er nach Namen gefragt wird. Die Berliner CDU mag in vieler Hinsicht von der Bundes-CDU weit entfernt sein – im Umgang mit der K-Frage sind sich alle einig: Nur schweigend kommt man weiter. Öffentlich schweigen kann Schmitt vielleicht besser als reden.

Als die Kreischefs vor ein paar Wochen die Demontage Joachim Zellers vollzogen, war Schmitt der Einzige, der sich nicht äußerte. Damals sagte jeder etwas zu den Fähigkeiten des bärtigen Bürgermeisters aus dem Osten, der sich in der Bibel wahrscheinlich besser auskennt als die meisten der West-Berliner CDU-Bezirkspolitiker. Die Parteifreunde aus den kleinen, noch immer mageren Ost-Kreisverbänden erinnerten an Zellers Meriten: Er habe den Führungsstreit, der die Berliner Partei vor zwei Jahren geteilt hat, mit Ruhe und Sachlichkeit beigelegt.

Die starken West-Männer und die wenigen einflussreichen West-Frauen aber redeten Zellers Fähigkeiten herunter. Ein neuer Konsens entstand, während die Berliner CDU-Mitglieder sich auf Kreisparteitagen trafen und die zweite Reihe der Führung neu aufstellten.

Der Konsens, genährt mit Buletten, Kaffee und preiswertem Pils, herbeigeredet unter Rauchschwaden vor den Kreisparteitagssälen auf den Gängen von Rathäusern an Freitagabenden und Sonnabendvormittagen, umfasste zwei Punkte: Erstens wird Joachim Zeller zum Risiko, wenn er von der Idee nicht lässt, er könne gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit konkurrieren. Zweitens muss das bösartige Dauergerede übereinander aufhören. Wer in die Partei hineinhorchte, vernahm eine neue Entschlossenheit. Zeller war schon im März schwer angeschlagen, als er es nicht schaffte, die Berliner Südwest-CDU zu bremsen, die mit fatal fehlgeleiteten Gedenküberlegungen zum 8.Mai die ganze Partei in Verruf brachte.

Das zeigte sich ausgerechnet bei der Wiederwahl von Ingo Schmitt als Kreischef. Da kamen an einem Freitagabend die Delegierten im Charlottenburger Rathaus zusammen, um den gegenkandidatenlosen Ingo Schmitt im Amt zu bestätigen. Da stand er vor seinen Leuten, wie stets bei öffentlichen Auftritten mit Anzug und Krawatte, unauffällig wie ein Sparkassenangestellter, und redete über die Fähigkeiten von Joachim Zeller. Ältere Herren, wie Schmitt im Jackett, ältere Damen mit beigefarbenen Schuhen, junge Männer mit gegelten Haaren und junge Frauen im Kostüm bekamen vorgeführt, wie man jemanden herunterredet: Die Partei, sagte Schmitt, sei in einer „äußerst schwierigen, um nicht zu sagen: schlechten Phase“. Doch dürfe man nicht allen Unmut auf Zeller und seinen Noch-Generalsekretär Gerhard Lawrentz abladen.

Jeder verstand, wer hier versagt hat. Wer daraufhin von machtbewussten Parteileuten wissen wollte, ob dies nur die Begrenzung von Zellers Ambitionen sei oder eher die Dekonstruktion eines Landesvorsitzenden, der hörte: Demontage. Auf einigen Veranstaltungen dieser Art konnte man sehen, hören und spüren, dass Politik eine sehr harte und kalte Sache sein kann – wenn einer so heruntergeredet wird, dass sich nur noch die Frage stellt, wann derjenige selbst das begreift.

Schmitt versichert heute glaubhaft, er habe sich nicht danach gedrängt, Zellers Job zu übernehmen. Aber schon vor acht Wochen dürften einschlägige „Angebote“, wie er sagt, an ihn herangetragen worden sein. Der neue Vormann der Südwest-CDU, der Rechtsanwalt Michael Braun etwa, setzt auf den Kollegen und dessen politische Sekundärtugenden. Auch CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer erwartet, dass die Suche nach dem Anti-Wowereit mit Schmitt gelingen kann. Und die in der CDU, die mit Begriffen wie Bildungsbürgertum noch etwas anfangen können, halten Schmitt immerhin für verlässlich und ehrlich.

Die so reden, sagen, ohne es auszusprechen, noch etwas anderes. Sie sagen: Wenn wir uns nicht sehr zusammennehmen, dann können wir die Wahl 2006 vergessen. Sie reden noch lange nicht von den Ideen, die man eben auch haben müsste, um bei den Berlinern etwas Ansehen zu gewinnen. Sie sehen in Schmitt den Handlungsreisenden in Sachen Spitzenkandidatur, den Mann, den man schicken kann, um Personalgespräche zu führen – und den Typen, der sich nicht zu schade ist, auch mal ein bisschen heftig oder grob zu werden, wenn sie in der zweiten Reihe wieder anfangen, sich gegenseitig und die Partei insgesamt schlecht zu machen. Ingo Schmitt steht führungstechnisch für das Modell „Berliner Hauswart“. Er soll Ordnung halten.

Immerhin, der Mann, der angeblich außer der Partei und der Politik keine Interessen hat – die Hälfte der Regalbretter in seinem Büro steht leer –, bekommt Komplimente ohne Namensnennung: Auch bei offener Gegnerschaft halte er sich an Zusagen. Schmitt sagt, er sei für das Amt unter der Bedingung bereit, dass man „offen und ehrlich“ miteinander umgehe.

Ehrlich ist er allerdings: Er sei „wegen der Ostverträge“ in die CDU eingetreten, sagt er in fast jungenhafter Offenheit – wegen jener Regelungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR also, die damals den Kalten Krieg zwischen den beiden deutschen Staaten beendeten und nur auf ganz harte, die Zone verachtende West-Berliner wie ein großer Fehler wirkten. Eine falsche Sicht, sagt er heute, ohne zu zögern. Ingo Schmitt in seiner Berliner Biederkeit – er wirkt auf die, die jetzt die Berliner CDU führen, wie der perfekte Personalberater. Denn anders als Zeller weiß Schmitt, dass er nicht Spitzenkandidat werden will. Mag sein, dass der stetige Blick auf die nassen Blätter der Kastanie melancholische Anwandlungen fördert, mag sein, dass es die notorische Berliner Nüchternheit ist, die Schmitt sagen lässt, die Partei brauche ein „Spitzenteam, das in einer anderen Liga spielt“. Also nicht in der Kreisverbandsliga. Anfallsweise kann er, trotz erkältungsbedingter Halsschmerzen, die sich den Marlboros widersetzen, lyrisch werden: „Man sollte nicht nach den Sternen greifen – außer den europäischen.“

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