Zeitung Heute : Der Westfalen-Faktor

Wenn es brannte, dann haben sie ihn geholt. Das war schon immer so. Und weil das Feuer jetzt besonders heiß ist, muss er sogar SPD-Chef werden. Niemals, sagt Franz Müntefering, habe er an diesen Posten gedacht. Wahrscheinlich vertrauen ihm die Parteigenossen gerade deshalb.

Robert Birnbaum

Es gibt an diesem Freitag in Berlin den Moment, da wird Franz Müntefering beinahe rot. „Parteivorsitzender zu sein ist für mich etwas, was ich nie gedacht habe“, sagt er, und dann guckt er für einen Moment nach unten. Nein, das hat Franz Müntefering wirklich nie gedacht. Dabei haben es alle immer schon gesagt, seit Wochen, seit Monaten, manche seit Jahren: Dass er, der Franz, der heimliche Vorsitzende ist. Dass der Gerhard das einfach nicht rüberbringt, diesen Spagat zwischen der alten SPD und der neuen. Und dass ausgerechnet dieser Mann mit dem grauen Schlips zum grauen Anzug das hinkriegt. Irgendwie glauben dem die kleinen Leute der Partei, dass trotzdem richtig ist, was sie dem Kanzler verübeln. Diesem Mann, der so aussieht wie er spricht – knapp, kantig und nur nötigenfalls. Diesem Mann, der einmal das Urbild des Betonsozis war. Doch in diesem „war“ steckt das ganze Geheimnis des Franz Müntefering.

Da lacht keiner

Übrigens ist es ja nicht das erste Mal, dass das Amt ihm zu Füßen gelegt worden ist. Damals im März 1999 saß Müntefering im Hotel „Elephant“ am Markt in Weimar, als ihn die Nachricht von Oskar Lafontaines Nacht-und-Nebel-Flucht aus allen Ämtern erreichte. Er sprang ins Auto und raste nach Bonn. Wie viele Telefonate er auf dieser Fahrt geführt hat, wird sich nie mehr genau ermitteln lassen. Aber es soll die halbe SPD gewesen sein, so weit sie Rang und Namen hatte, die ihn bedrängt hat: Franz, jetzt musst du einspringen. Bloß nicht der Schröder! „Der Schröder“ ist der Partei immer schon etwas unheimlich gewesen und fremd, trotz Juso-Karriere und Herkunft aus kleinen Verhältnissen. Aber Müntefering hat abgewinkt. Auch später, immer wieder. „Jeder muss wissen, wo seine Grenzen sind“, hat er dann gesagt und daran erinnert, dass er das bei Helmut Schmidt genau studiert hat: Kanzler und Parteivorsitz gehören in eine Hand.

Zählt jetzt alles nicht mehr. Jetzt, wo die SPD in den Umfragen in den Keller gegangen ist wie noch nie. Wo die Basis rebelliert, weil sie nichts mehr versteht von dem, was da aus Berlin kommt, und weil sie es ihren Wählern noch weniger erklären kann. Als sie am Montag im Parteirat den Generalsekretär ausgelacht haben, haben sie ja nicht nur den unglückseligen Olaf Scholz gemeint. Es war das Gelächter der Verzweiflung über die da oben allesamt. Bis auf den Franz. Über den lacht keiner.

Das ist nicht immer so gewesen. Da, wo er herkommt, Sundern in Westfalen, haben viele in den 60ern gelacht über einen, der sich ein SPD-Parteibuch zulegt. Bestenfalls. Die anderen haben den Kopf geschüttelt und manche die Fäuste gegen ihn. Sundern ist eine Kleinstadt mit handwerklicher Industrie und 18 katholischen Kirchen. Der politische Normalfall im Sauerland ist Friedrich Merz, also CDU. Oder um die Sache noch ein bisschen anschaulicher zu machen: Kurt Biedenkopf hat in jenen Gegenden östlich von Dortmund regelmäßig jede Wahl verloren. Nicht nur, weil die Roten an Rhein und Ruhr so stark waren. Sondern auch, weil ihn die eigenen Schwarzen nicht gewählt haben. Ein Geschiedener – niemals!

Da also hat der Franz in sich den Zorn aufgehäuft, mit dem er bis heute das Wort „Konservative“ ausstößt. Die Abneigung beruht sehr auf Gegenseitigkeit. Dass es Münteferings Wahlkampf war, der Helmut Kohl die Regierung kostete, tragen sie ihm in der Union nach. Aber das nur am Rande. Seine Karriere war mustergültig sozialdemokratisch für jene Zeit: Volksschule, Lehre als Industriekaufmann, vom Juso über den Gemeinderat zum mächtigen Bezirkschef, dann Bundestag, Arbeitsminister in Düsseldorf, Bundesgeschäftsführer, Verkehrsminister, Generalsekretär, zuletzt Fraktionschef. Einer, der sich nie selbst gedrängt hat, der immer gerufen wurde, wenn es brannte.

Und jetzt, wo das Feuer sehr heiß geworden ist: SPD-Vorsitzender. Er weiß wie vielleicht kein Zweiter um die Schultern der Riesen, auf denen er stehen soll. Der hat nämlich das Datum im Kopf, an dem alles anfing: 23.Mai 1863, Ferdinand Lassalle gründet den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. „Unterhaken“ müssten sich alle, habe Lassalle damals gesagt. Unterhaken müssten sich jetzt auch wieder alle. Das hat er in den letzten Tagen und Wochen den eigenen Leuten eingebleut, quer durch die Republik – „Aiblingen, Prossingen, Rodenkirchen, Verden an der Aller“, er zählt die Orte seiner Feuerwehreinsätze auf. „Viele sind im Moment abwartend. Aber man kann sie gewinnen.“

Ein bisschen wie der Fraktionschef ist er da aufgetreten, der die Leute daran erinnert, dass Regieren besser ist als Opponieren, dass aber zum Regieren gehört, dass das Wünschbare nicht immer das Machbare ist. Und ein bisschen wie der, der er ist. Der Traditionsrote, der verstanden hat, dass Tradition nicht den Blick verstellen darf auf die Veränderung. „Am schwierigsten ist es mit der Generation meiner Altersklasse“, sagt der 64-Jährige. „Bei uns gibt es einen Irrglauben, dass Wachstum ein Naturgesetz ist.“ Denen muss er jetzt beibringen, „dass wir nicht automatisch an der richtigen Krümmung des Flusses liegen“.

Das sind so seine Sätze, solche, die man ganz gut verstehen kann auch ohne Abitur und Studium. Der kommt ohne „Globalisierung“ aus und derlei Modisches. Ohne die drei anderen, die magischen Worte der sozialdemokratischen Tradition kommt er nicht aus. „Das ist die Sache mit der Freiheit. Das hat zu tun mit der sozialen Gerechtigkeit. Das hat was zu tun mit der Solidarität.“ Aber das übersetzt er dann auch gleich, sicherheitshalber: als den „Grundimpuls, dass Menschen für Menschen da sind“.

Und es sind die Geschichten aus dem Leben des Franz Müntefering, die es für seine Zuhörer glaubhaft werden lassen, dass da nicht nur ein Polit-Funktionär eine neue, oft so verzweifelt schlecht gemachte Politik mit altem Blattgold zu verbrämen sucht. Die Geschichte von seinem Vater zum Beispiel, der ihm mitgegeben hat, dass „nie mehr deutsche Soldatenstiefel auf dem Balkan“ herumlaufen dürften. Und wie es ihm schwer gefallen ist, dem Bosnien-Einsatz zuzustimmen. Wie er aber trotzdem zugestimmt hat, weil es notwendig und richtig war.

Notwendig und richtig – der Parteisoldat und der Überzeugte. Das ist der Spagat. Der, den die Basis nicht schafft. Der, den der Kanzler nicht geschafft hat. Ob das aber nicht schwierig wird mit der Autorität des Gerhard Schröder, dass er sich in Bedrängnis nicht anders zu helfen weiß als mit der Teilung der Macht?

So mächtig wie der Papst

„Für mich ist diese Form der Zusammenarbeit kein Problem“, sagt Müntefering. Wahrscheinlich ist er der Einzige in der ganzen SPD, der so einen Satz sagen kann, ohne dass die anderen dieses „für mich“ gleich als versteckte Böswilligkeit deuten. Oder jenen Satz, aus dem eben doch ein bisschen Skepsis herausklingt über das Experiment, an dem er da teilnimmt: „Das kann eine vernünftige Konstellation sein.“ Es kann. Aber es muss nicht. Franz Müntefering ist jetzt schon ein starker Fraktionschef, und das wird er ja bleiben. Wenn seine Regierung ihn lässt, kann Franz Müntefering ein sehr starker SPD-Chef werden. „Wissen Sie, das ist das schönste Amt neben dem Papst“, hat er am Freitag gesagt. Alle haben gelacht. Aber der Vergleich ist gar nicht so komisch. Viel mehr Macht, als sie der Franz aus Sundern jetzt bald haben wird, hat der Papst hier zu Lande auch nicht.

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