Zeitung Heute : Der WHO und Al Qaida trotzen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ich bin von Natur aus autoritätsgläubig, daher hat es mich schwer getroffen, als die Hebamme im Rückbildungskurs sagte: Babys sollten sechs Monate lang voll gestillt werden, da seien sich WHO, Unicef und der Deutsche Hebammenbund einig. Oje! Zu diesem Zeitpunkt, neun Wochen nach der Geburt, hatte der Kindsvater gerade damit begonnen, das Baby hin und wieder mit Pulvermilch zu täuschen, wenn ich einmal für ein paar Stunden jener Leibeigenschaft entrinnen wollte, die das Stillen mit sich bringt. Wir träumten von Haferbrei und einem pappsatten, durchschlafenden Kind. Falsch!, sagte die Hebamme, die auch einen Kurs „Einführung von Beikost“ anbietet, fremde Stoffe sollte das Kind erst nach sechs Monaten bekommen! Ich schämte mich und hielt noch ein paar Wochen durch.

Dann war ich reif fürs Elixia, eines jener neu eröffneten Fitness- und Wellnesszentren, großzügig, lichtdurchflutet, hochmodern und teuer. Ich eilte zu den Großeltern, stellte die Autoschale samt Baby aufs Sofa, da – peng! – schoss mir eine böse Hexe ins Kreuz. Ächzend und wehklagend schleppte ich mich zum Wellness-Tempel. Dort lief gerade ein Kurs in Qi-Tone, eine sehr sanfte Gymnastik, bei der man meistens auf einem Bein steht. Als wir alle, die Arme in der Luft, auf dem linken Bein balancierten, ertönte die Durchsage, dass wir „aufgrund einer technischen Störung“ über die ausgeschilderten Fluchtwege das Gebäude verlassen sollten. Mir war sofort klar: Hinter der angeblichen Störung konnte nur Al Qaida stecken, bündelt sich doch im Elixia die Dekadenz der westlichen Welt. Aufgeregt hüpften wir los, auch aus Sauna und Schwimmbad strömten die Halbnackten zum Ausgang, um dort zu erfahren, dass die Durchsage selbst eine technische Störung gewesen sei. Danach trug ich meine Rückenschmerzen ins Schwimmbad, in den Massageraum und in die Bio-Sauna, immer mit Blick auf die Uhr, denn die nächste Stillmahlzeit stand an.

Zurück in der großelterlichen Wohnung bot sich mir ein erschreckendes Bild: Am Küchentisch saß die Großmutter, auf dem Schoß mein wehrloses Baby und in ihrer Hand: ein Löffel mit Bananenbrei! WHO, Unicef, der Deutsche Hebammenbund! „Das darfst du nicht!“, hauchte ich entsetzt. „Das sind fremde Stoffe! Vor der Einführung der Beikost ist ein Kurs zu belegen!“ Die Großmutter behauptete, das Kind habe sich tief dankbar, ja beseelt gezeigt, es habe gar versucht, sich den Löffel höchstselbst in den Mund zu stopfen. Bedarf es eines weiteren Beweises für den Starrsinn der älteren Generation gegenüber anerkannten internationalen Organisationen?

Seit jene kriminelle Banane den Weg in den Mund unseres Babys fand, sind alle Dämme gebrochen. Das Kleine futtert Bananen, Grieß- und Karottenbrei in sich hinein, und meine Träume werden immer schamloser. Einer geht so: Irgendwann in ferner Zukunft, wenn der Rücken nicht mehr wehtut, das Baby komplett abgestillt ist und durchschläft, werde ich einen ganzen Tag im Elixia verbringen, ich werde Al Qaida und der WHO trotzen, der Großmutter erlauben, Steak zu füttern, und auf einem Beine selig werden.

Elixia, Prager Platz, Tel. 85406800, www.elixia.de , Tageskarte 19 Euro, Kinderbetreuung möglich.

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