Zeitung Heute : Der Wille zur Tracht

Wie leben Deutsche in der Fremde? Parallelwelt Teil vier: Germany in den USA – Bier, Bratwurst und Schuhplattling, bis es kracht

Malte Lehming[Milwaukee]

Hereinspaziert! Über dem „Bavarian Inn“ liegt ein strahlend blauer Märzhimmel. Es ist Nachmittag. Große Autos rollen heran. Trachtenmenschen steigen aus. Sie tragen Lederhose, Dirndl, auf dem Hut eine große Feder. Auf dem Parkplatz übt ein kleiner Junge den Schuhplattler. „Hey, good job“, lobt ihn sein Vater. Dann geht’s hinein in das riesige bayerische Vereinslokal in Glendale im US-Bundesstaat Wisconsin. Der kleine Ort liegt etwas nördlich von Milwaukee, der deutschesten Stadt Amerikas. Hier feiert an diesem Sonntag der bayerische Gebirgstrachtenverein „D’Lustig’n Wendlstoana“ sein 78. Stiftungsfest.

Über den Tresen ist „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ ins Holz graviert. Das Bier fließt reichlich. Der Saal füllt sich. Am Ende sind es rund 500 Gäste. Sie sitzen an Tischen, auf Stühlen oder Holzbänken. Zum Eröffnungsmarsch ist die Stimmung bereits gestiegen. Es wird geschunkelt, gejuchzt und gejodelt. Die Sprachen mischen sich. Die Jüngeren reden englisch, die Älteren deutsch. Das Grußwort spricht eine lokale Schönheitskönigin, in beiden Sprachen.

Am Rande des dunkel getäfelten Raumes sitzt Emil Schuster, auch er in voller Montur, in der rechten Hand den Bierbecher. Die Eltern des 68-Jährigen waren 1929 aus Bayern eingereist. Er selbst ist in Wisconsin geboren, in Sheboygan. Sein Vater, erzählt er stolz, hat die „Sheboygan Werdenfelser“ gegründet. Das ist einer jener Dutzenden von deutschen Trachtenvereinen, die es in dieser Gegend gibt. Aber was heißt hier deutsch? „Preußen und Norddeutsche werden wir nie verstehen“, sagt Schuster apodiktisch in seiner amerikanischen Heimatsprache. In erster Linie fühlt man hier bayerisch.

Zwei Tische neben Schuster sitzt Wilma Giese. Das Haar schneeweiß, um den Hals ein großes Herz. Giese ist, in den deutschen Kreisen rund um Milwaukee, eine Instanz. Sie stammt aus Köln, wanderte 1950 in die USA ein. „Mein Mann stammte aus Pommern, in die alte Heimat konnte er nach dem Krieg nicht zurück, aber er hatte Verwandte in den USA. Ein Vetter hat für uns gebürgt. So begann alles.“ Inzwischen ist Wilma Giese 82 Jahre alt und sitzt für die Pflege des Deutschtums in fast allen wichtigen Gremien. 1984 bekam sie dafür das Bundesverdienstkreuz, acht Jahre später wurde es ihrem Sohn Heiner verliehen. Der arbeitet als Rechtsanwalt in Milwaukee und ist Präsident des deutschen Sprach- und Schulvereins.

Wilma Giese hat den Text ihrer Ansprache dabei. Den Zeigefinger wie zur Lehrstunde erhoben, trägt sie eine Passage vor. „Ob uns die See, ob uns die Länder scheiden und jedes Volk sich für sich selbst regiert, so sind wir eines Stammes doch und Blutes, und eine Heimat ist’s, aus der wir zogen.“ Sie freut sich über die Formulierung. Solche Sätze will ihr Publikum hören. Die Deutschen sind ja stets zerstritten, aufgesplittert in Regionalfraktionen. Was hat der bayerische Bauer mit dem friesischen Fischer gemein? Sie beargwöhnen sich, im Ausland oft mehr noch als daheim. Darunter leiden sie. Allein die Sprache ist ihr kleinster gemeinsame Nenner. Ihre Kulturen trennen sie.

Was machen die rund drei Dutzend deutschen Vereine, die es in Wisconsin gibt? Ist es etwas anderes als Folklore? „Oh ja“, sagt Wilma Giese. Plötzlich wird sie ernst und wechselt ins Englische. Tracht sei mehr als Kleidung. In ihr drücke sich eine besondere Beziehung zwischen dem Körper eines Menschen und seiner Seele aus. Die Tracht stehe für Werte und Moral.

Der Trachtenverein „D’Lustig’n Wendlstoana“ wurde im Januar 1927 gegründet. Er ist nach dem Berg Wendelstein benannt. Ziel ist es, in den USA die Tradition des Schuhplattler-Tanzens zu fördern, auf Englisch „Schuhplattling“, als Verb „to schuhplattl“. Sein Motto heißt „Lusti san’ma“, auf Englisch „Jolly are we“. Als Kostüm hat man sich für die Miesbacher Tracht entschieden. Das Stiftungsfest wird in jedem Frühjahr gefeiert. Was ist Schuhplattling? Um sich anderen Amerikanern verständlich zu machen, wurde es als „Bavarian Aerobics“ definiert. Das trifft die Sache recht genau.

Die Briefkästen im „Bavarian Inn“ erlauben Rückschlüsse auf ein reges Vereinsleben. Der „Rheinische Verein Grün-Weiß Milwaukee“ sitzt hier, die „United German Societies“, der „Gesangverein Bavaria“, der „Vergnügungsclub“ und der „Bavarian Soccer Club Milwaukee“. Die Fußballer scheinen jedes andere Team in Amerika mühelos zu schlagen, jedenfalls heimsen sie Unmengen an Pokalen ein. Ihr Trainingsplatz liegt direkt neben dem „Bavarian Inn“. Und was macht der „Vergnügungsclub“? Dort werden deutsche Spiele gespielt – Schafkopf, Skat, Doppelkopf.

Ganz Amerika ist deutsch, doch Milwaukee ganz besonders. Knapp ein Viertel der US-Amerikaner stammt laut Volkszählung von Deutschen ab. Platz zwei belegen die Iren (16 Prozent), Platz drei die Engländer (13 Prozent), Platz vier die Afro-Amerikaner (zehn Prozent). Milwaukee indes, das einst „Deutsch-Athen“ genannt wurde, übertrifft in seiner Deutschheit alle anderen Regionen. Rund die Hälfte seiner Bewohner gibt an, zumindest zum Teil deutsche Vorfahren zu haben. Knapp darunter liegen Cincinnati (44 Prozent) und St. Louis (41 Prozent). Als Bill Clinton hier im Mai 1996 Helmut Kohl zum Gipfel empfing, sagte er, in Milwaukee könne der Kanzler „überall prima Bratwurst essen“.

Das berühmteste deutsche Restaurant ist das „Mader’s“. Auf dem Parkplatz weht die deutsche Fahne, über der Tür präsentiert, in Stein gehauen, ein beleibter Koch die „Deutsche Küche“. Wer ist hier nicht alles eingekehrt! Robert de Niro, Audrey Hepburn, Tony Curtis, John Wayne, Janet Leigh, Laurel& Hardy. Die Bildergalerie imponiert. Am 2.April 1976 aß Präsident Gerald Ford hier. Auch dessen Dankschreiben hängt unter Glas an der Wand. Und wäre es nach Clinton gegangen, hätten er und Kohl damals ebenfalls hier gespiesen. Alles war vorbereitet. Doch der eigenwillige Kanzler fand das unpassend. Wenn er in die USA reise, wolle er amerikanisch essen, soll er gebrummt haben. In letzter Minute wurden die Pläne geändert. Clinton und Kohl gingen zu „Miss Katie’s“, einem besseren Imbiss.

Auf dem Speiseplan von „Mader’s“ stehen „Sauerkraut Balls“, „Kasseler Rippen“, „Rheinischer Sauerbraten“ und der „Bavarian Platter“. Der rote Backsteinbau liegt in der „Old World Third Street“. Gegenüber ist die Wurstfabrik „Usinger“. Drinnen im Restaurant stapeln sich Ritterrüstungen und Bierkrüge. Die „Jägerstube“ und die „Romantische Rheinstube“ sind mit schwerem Teppich ausgelegt. Deutsches Essen, schweres Essen: Unter diesem Vorurteil leiden die deutschen Köche. In den USA ist die Übergewichtigkeit ein großes Thema.

Wer sich mit Deutschen unterhält, die längere Zeit in den USA gelebt haben, bemerkt etwas Seltsames: Sie können kein Deutsch mehr. In ihre Sätze fließen englische Vokabeln ein, auch Grammatik und Wortstellung ändern sich. Das geht manchmal rasend schnell. Andere Völker wie Italiener, Spanier oder Griechen sollen relativ resistent gegen diesen Prozess der Sprachassimilierung sein. Ein Grieche lernt zwar ebenso leicht Englisch wie ein Deutscher, aber er verlernt seine Muttersprache nicht so rasch. Das gibt zu denken.

Die ersten Deutschen, die nach Milwaukee kamen, waren lutheranische Preußen. Das war 1839. Wenig später strömten sie von überall her, aus Bayern, Schwaben, Pommern, dem Rheinland. Die Inaugurationsrede des ersten Bürgermeisters wurde 1846 jeweils zur Hälfte auf Englisch und Deutsch gedruckt. Deutsche Schulen, Zeitungen, Turnvereine und Theatergruppen wurden gegründet. Emil Wallber aus Berlin wurde 1884 zum ersten in Deutschland geborenen Bürgermeister der Stadt gewählt. Die Deutschen brachten Bier, Wurst, Sauberkeit, Fleiß, Gemütlichkeit, Kultur. Der letzte Indianerstamm rund um Milwaukee war 1835 ausgerottet worden. Nur 16 Jahre später führte ein deutscher Musikverein Haydns Schöpfung auf.

Bis zum Ersten Weltkrieg konnten Deutsche in Milwaukee ihr Deutschtum ungehemmt, bisweilen hemmungslos ausleben. Viele unterstützten Kaiser Wilhelm. Doch als die USA 1917 in den Krieg eingriffen, änderte sich das. Bach, Beethoven und Brahms wurden aus den Konzertsälen verbannt. Sauerkraut wurde in „liberty cabbage“, der „Deutsche Club“ in „Wisconsin Club“ umgetauft. Plötzlich war alles Deutsche verpönt. Heute verläuft die „Teutonia Avenue“ mitten durchs Viertel der Schwarzen.

Im ersten Stock des „Milwaukee Public Museums“ wird das „europäische Dorf“ aus der Jahrhundertwende nachgestellt. Deutschen Anwälten, Ärzten und Apothekern kann bei der Arbeit zugesehen werden. Fred Usingers Wurstladen ist zu sehen, eine Brauerei, altes Spielzeug. Die „Szenen der Gemütlichkeit“ zeugen, wie es heißt, von einer „vergangenen, aber sicher nicht vergessenen Zeit“.

30 europäische Kulturen haben einst in Milwaukee nebeneinander existiert. Im deutschen Haus sitzt ein Mann, als lebensgroße Marionette, an der Stirnseite eines schweren Holztisches. Neben ihm, an der Wand, hängt ein Schild: „Der Mensch braucht ein Plätzchen, und wär’s noch so klein, von dem er kann sagen: Sieh hier, das ist mein. Hier leb ich, hier lieb ich, hier ruhe ich aus, hier ist meine Heimat, hier bin ich zu Haus’.“

Nirgendwo sind die Deutschen so deutsch wie im Ausland. In Milwaukee werden das Oktoberfest gefeiert und das „German Fest“. Mehrere hunderttausend Amerikaner nehmen daran teil. Und jeden Sonnabend ab 10 Uhr ist im Lokalradio eine Stunde lang Tim Kretschmann mit der „StimmungStunde“ auf Sendung. Seit 15 Jahren macht er das. Für seine überwiegend älteren Zuhörer spielt er deutsche Schlager und Volksmusik. Außerdem hat er eine große Sammlung von Versionen des Weihnachtsliedes „Stille Nacht“. Im Dezember sind Sehnsucht und Sentimentalitäten meistens am stärksten.

Doch die Deutschen sterben aus, selbst in Milwaukee. Fast alle Traditionsvereine haben Nachwuchssorgen. Deutsches Liedgut, Jodeln, Schuhplattling: All das steht bei US-Teenagern nicht gerade hoch im Kurs. Die letzte große Einwanderungswelle kam in den 50er Jahren. Von denen lebt kaum noch einer.

Terri McCormick ist die Chorleiterin beim Stiftungsfest im „Bavarian Inn“. Sie wurde in Bayern geboren, siedelte 1952 in die USA um, wo sie sich eine „bessere Zukunft“ erhoffte, heiratete einen Iren. Sie sei die einzige „echte Deutsche“ im Chor, sagt sie. Alle anderen Sänger seien in den USA zur Welt gekommen. Ihre Enkelkinder, Melissa und Katie Sterr, laufen zum Tisch. Sie besuchen die deutsche Grundschule in Milwaukee. „Bis zum Schulabschluss haben Eltern noch eine gewisse Kontrolle über ihre Kinder“, sagt McCormick, „danach tauchen die Kinder endgültig in die amerikanische Kultur und Gesellschaft ein.“ Fernsehen, Computer, Gruppendruck – gegen die Macht dieser Prägungen kommen die bayerischen Traditionswächter nicht an.

Doch nicht nur ihnen geht es so. Amerika ist ein Einwanderungsland. Jeder kommt von irgendwo, schleppt Erinnerungen, eine Geschichte, Kultur und Tradition mit sich herum. Am St.-Patrick’s-Day, dem irischen Nationalfeiertag, ziehen Zehntausende von Amerikanern, ganz in grün gekleidet, durch New York. Irische Tanzvereine und irische Landsmannschaften paradieren durch die Straßen. Das Grundgefühl solcher Veranstaltungen ist Freude, gepaart mit Stolz. Fast jeder Amerikaner ist stolz darauf, Amerikaner zu sein. Aber er ist auch stolz auf seine Herkunft.

Es ist Abend geworden im „Bavarian Inn“. Auf dem Holzpodium wird geschuhplattlert, bis es kracht. Mit Wucht klatschen sich die Männer auf ihre Lederhosen. Die Frauen drehen sich derweil rechts herum, bis selbst dem neutralen Beobachter schwindelig wird. Danach spielt eine Truppe von Laien das Leben von König Ludwig II. nach. Später, auf dem Parkplatz, rufen sich die Gäste zu: „Bye, bye, see you next year“. Dann verschwinden sie in die amerikanische Nacht.

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