Zeitung Heute : Der Wunderheiler

Korruption, Al Qaida, Terrorismus – all das, was die Atommacht Pakistan zu einem kranken und gefährlichen Land gemacht hat, will er wegfegen – der Prediger Tahir-ul Qadri. Doch die Menschen rätseln vor der Wahl: Wer ist dieser Mann? Wofür steht er? Ein Besuch in seinem Hauptquartier.

Held der Enttäuschten. Der Prediger Tahir-ul Qadri, Anführer der „Volksbewegung Pakistans“, in seinem Hauptquartier in Lahore. Foto: Ingrid Müller
Held der Enttäuschten. Der Prediger Tahir-ul Qadri, Anführer der „Volksbewegung Pakistans“, in seinem Hauptquartier in Lahore....

Männer, Frauen, Kinder, so weit das Auge reicht. Zehntausende blockieren die Magistrale von Pakistans Hauptstadt Islamabad. Ärzte und Arbeiter kampieren auf der nach dem Staatsgründer benannten Jinnah Avenue. 38 Stunden war der Korso der Unzufriedenen dorthin unterwegs. Der Held der Enttäuschten: ein islamischer Prediger. Diese Bilder gingen Mitte Januar übers Fernsehen in die ganze Welt. In vielen westlichen Wohnzimmern hinterließen sie ein Schaudern. Tahir-ul Qadri, gestutzter weißer Bart, dezente Goldrandbrille, stundenlange, kernige Reden – vom kugelsicheren Glascontainer aus verspricht er seinen Anhängern im Atomstaat eine Revolution, die die korrupte politische Elite wegfegen werde, die „Räuber, Diebe und Gangster“, die nichts gegen die ständigen Stromausfälle und die steigenden Preise tun. Er werde ein Wahlsystem durchsetzen, das fähige Menschen an die Macht bringe. Eben noch ein politischer Nobody, jetzt ein Shootingstar. Ihm folgten zwar nicht Millionen, wie er angekündigt hatte, aber die Demonstration reichte, um Unruhe zu verbreiten.

Erst ein paar Wochen zuvor war der gemäßigt auftretende islamische Religionsführer und Jurist Tahir-ul Qadri aus Kanada zurückgekehrt, wenige Monate vor den Wahlen, bei denen zum ersten Mal in der Geschichte Pakistans auf eine zivile Regierung nach einer vollen Legislatur wieder eine gewählte folgen soll. Nun endet die Amtszeit offiziell, dann muss laut Verfassung eine Übergangsregierung übernehmen. Im Mai soll neu gewählt werden. Am morgigen Sonntag will „der Doktor“, wie die Pakistaner Qadri nennen, unter dem Motto „Wahlen oder Revolution“ in Islamabads Schwesterstadt Rawalpindi verkünden, ob seine Volksbewegung Pakistans (PAT) bei den Wahlen antritt.

Doch noch immer rätseln die meisten, wer dieser Tahir-ul Qadri ist. Warum mischt sich der Mann, der mit seiner 1981 gegründeten islamischen Organisation Minhaj-ul-Quran in 90 Ländern tätig ist und sich seiner Ausbildungsprojekte rühmt, dessen Partei bisher aber keine große Rolle spielt, gerade jetzt in die Politik ein? Wer hat ihm geholfen? Das Militär und der mächtige Geheimdienst, ohne deren Wohlwollen das kaum vorstellbar ist? Oder haben die Amerikaner die teure Kampagne bezahlt, vielleicht die Briten?

„Das ist alles eine Lüge“, sagt der Prediger in seinem Hauptquartier im ostpakistanischen Lahore. „Keiner von denen hat irgendeine Verbindung zu mir oder mich finanziert.“ Er führe „einen ehrlichen und rein demokratischen Kampf“. Seit acht Jahren spendeten seine Anhänger ein Prozent ihres Einkommens, Hunderttausende Menschen. „Manche haben ein Haus verkauft oder ihren Schmuck, auch meine Frau und meine beiden Schwiegertöchter. Leute aus Japan, Europa, dem Nahen Osten, da kommen Millionen Rupien zusammen.“ Täglich sprächen Menschen bei ihm vor, die als Kandidaten für ihn antreten wollten.

Wer Tahir-ul Qadri treffen will, muss allerdings genügend Zeit einplanen. Er pocht zwar – anders als so viele andere im Land – auf präzise Termine, vorher aber gilt es, Betonpoller, Schranken und Checks zu passieren, mit denen sein Haus und weite Teile des Viertels gesichert sind. Die Schuhe bleiben vor dem Haus, drinnen empfängt Qadri auf einem Stuhl mit Keilkissen und Fußbänkchen – der Rücken plage den 62-Jährigen, sagt ein Mitarbeiter. Bevor es losgeht, verkabelt das eigene Kamerateam den Chef im Fischgratjacket über dem traditionellen langen Hemd und schwarzer muslimischer Kappe. „Zur Kontrolle“, sagt sein Medienmanager lächelnd, während auch der Sicherheitschef auf einem der Sofas Platz nimmt. „Hätten wir die Wachen nicht, würden die Terroristen morgen mein Haus bombardieren“, sagt Qadri.

Seit er 2010 in einer Fatwa gegen den Terror Selbstmordattentäter als unislamisch gebrandmarkt und sich Taliban wie Al Qaida zu Feinden gemacht hatte, war er nicht mehr im Land gewesen. Aber „Pakistan ist eine Bedrohung für unser eigenes Land, die Nachbarn und das Ausland geworden“, das sei der Grund, warum „ich nun diese Bewegung gestartet“ habe. Er habe ihnen die ganze Legislatur Zeit gelassen, doch „die so genannte gewählte Regierung war fünf Jahre nicht in der Lage, die Terroristen auszumerzen, das Parlament war nicht in der Lage, Gesetze gegen den Terror zu beschließen“.

Das müsse sich ändern. Dafür brauche es andere Politiker, die Steuern zahlten, die ein Programm für Bildung, Gesundheit, Sozialsystem und Sicherheit hätten. „In Pakistan bestimmen die drei M: money, might, manipulation (Geld, Macht, Manipulation)“, wettert er. Um das zu ändern, müsse das Wahlsystem geändert werden. Aber die großen Parteien seien daran nicht interessiert – einige arbeiteten doch mit verbotenen militanten Parteien zusammen, sagt er und lässt ein kompromittierendes Foto mit einem Politiker der Muslimliga holen. Qadri macht eine lange Rechnung über die Kooperation mit Unterstützern der Terroristen auf. Eine Allianz mit diesen Leuten in den Wahlkreisen bringe Stimmen für „50 bis 60 Sitze“ im Parlament, im Gegenzug erhielten die Extremisten „für fünf Jahre Unterschlupf, finanzielle Unterstützung und Jobs für ihre Leute“, gern bei der Polizei. Wie er selbst das alles ändern und seine Politik finanzieren will, lässt er offen. Lieber redet er über die Waisenhäuser, Schulen und Colleges seiner Organisation.

Qadri setzt alles daran, das Bild eines vernünftigen Mannes zu vermitteln, eines Geistlichen, der eine Form des Islam vertritt, mit der auch der Westen leben kann. Nicht von ungefähr stehen neben ihm eine Weltkugel und ein leuchtendes Bild der Moschee von Mashhad in Iran. Seht her, der Sunnite, der eng mit den Schiiten verbunden ist. Eine mächtige Botschaft in einer Zeit, in der religiöse Eiferer Menschen aufhetzen, Anschläge auf die schiitische Minderheit das Land erschüttern. Verständigung statt Verhärtung zwischen Gläubigen tut Not in Pakistan. Erst vergangenes Wochenende brandschatzte ein Mob von 3000 Menschen in einem christlichen Viertel von Lahore. Wieder einmal missbrauchte offenbar ein muslimischer Geschäftsmann das Blasphemiegesetz für seine Interessen. Das unter Diktator Zia-ul Haq eingeführte Gesetz stellt Angriffe auf den Propheten unter Strafe, in jüngster Zeit wurden damit allerdings öfter zweifelhafte Prozesse angestrengt. Viele Pakistaner würden das Gesetz gern ändern, wer das offen sagt, lebt aber gefährlich. Ein Gouverneur wurde bereits erschossen.

Kritiker werfen Qadri vor, auch er spiele falsch. Der für seinen Mut der offenen Worte mehrfach international ausgezeichnete Analyst Najam Sethi hält nicht viel von ihm. „Eine Revolution wird es in Pakistan nicht geben, es gibt keine Einigkeit.“ Der 64-jährige Journalist saß unter verschiedenen Machthabern in Haft, kennt die Akteure wie kaum ein anderer. Er hält die politische Gemengelage für undurchschaubar. Es sei derzeit unmöglich vorauszusagen, ob es überhaupt Wahlen geben wird. Sethi lebt und arbeitet wegen Drohungen von Taliban, Al Qaida und Geheimdienst in einer, wenn auch recht komfortablen Festung hinter hohen Mauern, sein Land verlassen will er aber nicht. Selbst wenn Qadri anderes behaupte, „er will keine Wahlen, er will sie nur verzögern“, ist Sethi überzeugt. „Denn er wird nie Wahlen gewinnen.“

Auch der Abgeordnete Sardar Ayaz Sadiq glaubt, Qadri habe keine ernsthaften Ambitionen. Er wolle allenfalls die Lage testen, sagt der Mann mit grauem Bart und grünem Pullunder: „Qadri ist völlig widersprüchlich.“ Das sei beim Blasphemiegesetz so, und er verkünde in Pakistan andere Ansichten als im Ausland. Außerdem, sagt er noch, bevor er geht, habe ein Mitglied seines Wahlkreises Qadri mit Ex-Diktator Pervez Musharraf und dem mächtigen früheren Geheimdienstchef General Ahmad Pasha gesehen.

Viele nehmen Qadri übel, dass er mit der gleichen Verve auch das Gegenteil dessen vertritt, was er eben gesagt hat. Im Januar inszenierte er eine Einigung mit der Regierung, die gefeierten Zugeständnisse waren marginal. Beobachter kritisieren, seine Show habe Veränderungen am Wahlrecht, die schon auf dem Weg waren, verhindert. Statt Inhalten stehe Qadri selbst im Mittelpunkt.

Zum Beispiel dessen doppelte Staatsbürgerschaft. Weil er auch einen kanadischen Pass hat, kann er selbst nicht antreten. Pakistaner dürfen zwar zwei Nationalitäten haben, dann aber nicht Abgeordnete werden. „Ich werde die Bewegung führen“, verkündet Qadri selbstbewusst, ohne zu sagen, was das bedeutet. Parteichef ist offiziell ein Mann namens Raheeq Abassi. Qadri denkt nicht daran, den kanadischen Pass abzugeben: „Das ist kein Verbrechen. Warum sollte ich, wenn ich nicht an der Wahl teilnehme?“

Derweil basteln seine Mitarbeiter am Image des guten Menschen. „Alles war friedlich, vier Tage lang, das hat es noch nie gegeben“, schwärmen sie vom Januar-Event. Fotograf Mahmood Qazi, ein kompakter Mann in Jeans und Fleecepulli, sichtet in einem Büro Bilder für die nächste Kampagne. Ein paar Räume weiter richten sie gerade eine große Medienzentrale ein. Neun Bildschirme flackern in einer Ecke, auf sieben laufen nationale Sender, ein junger Mann schreibt mit. Sie verfolgen die Nachrichten genau, wollen auf alles sofort reagieren können. Der Presseverantwortliche darf erst gegen 22 Uhr Feierabend machen, wenn die Zeitungen andrucken. „Hier kommen große LCD-Bildschirme hin“, sagt Medienmanager Raza Khan. Das Image ist wichtig. Das des Liberalen, der nichts mit eifernden Mullahs gemein hat.

Am Scharia-College von Qadris Minhaj-ul-Quran ist Schluss für heute, ein paar Jungs stehen auf dem Hof, nach türkischem Vorbild tragen sie rote Käppis. Syed Booali ist 17 und schüchtern. „Ich habe Kurse in islamischem Recht, Englisch, Urdu und Wirtschaft“, erzählt er. Soll heißen: Hier gehen geistliche und weltliche Ausbildung Hand in Hand. Aus der Unterkunft schräg über den Hof recken junge Männer neugierig die Hälse.

Vor der leuchtend türkis-grünen Moschee (auch sie hat ein türkisches Pendant) eilen zwei verschleierte Frauen über den marmornen Hof. Raza Khan strahlt: „Wir haben einen eigenen Frauenflügel.“ Einen eigenen Flügel? „Das ist für uns liberal“, sagt Khan, während er zurückbleibt. Worte bedeuten in westlichen Ohren manchmal etwas anderes als im muslimischen Kontext. Hat nicht Tahir-ul Qadri gerade gesagt, Frauen hätten die gleichen Rechte wie Männer, sie könnten sich in allen Bereichen gleichberechtigt beteiligen? Und sie seien auch nach dem Koran ordentlich angezogen, wenn sie kein Kopftuch tragen, keine müsse deshalb Nachteile fürchten.

Gleichberechtigt heißt hier aber nicht gemeinsam. Männer dürfen nicht in den Frauenbereich, auch wenn es nur Arbeitsräume sind. Drinnen schmiegen sich eng an eng kleine Büros, in jedem hängt ein Bild des Meisters – alle Frauen tragen ein fest ums Haar gezurrtes Tuch, manche sind komplett verschleiert, nur für die Augen bleibt ein Schlitz. „Bis ich vor drei Jahren herkam, habe ich auch keine Abyia getragen“, sagt die IT-Studentin Shakira Chaudhry und zupft am wadenlangen schwarzen Gewand. „Aber jetzt gehört das einfach dazu. Wir denken, als Muslime müssen wir das tun, nicht weil uns jemand dazu zwingt.“ Dann startet die 27-Jährige eine Eloge auf Qadri, es klingt wie bei einer Sekte: „Er ist der Einzige, der die wahre Botschaft des Islam verkündet, die Botschaft der Frauenrechte. Frauen dürfen lernen, Frauen dürfen sich bewegen, wir haben Führungsqualitäten.“ In Qadris engem Beraterstab tauchen allerdings nur Männer auf.

Trotz all der Widersprüche – Qadris Anziehungskraft scheint ungebrochen zu sein. Auf den Onlineseiten der Zeitungen läuft sein Name immer wieder unter den „Top Topics. Für den Werbemanager Muhammad Ali aus Lahore ist die Erklärung klar: Die Menschen kommen, weil sie sich inständig Veränderung wünschen, das habe auch Ex-Cricketstar Imran Khan mit seiner Partei geschafft. „Sie haben Leute aus ihren Häusern geholt, die nie zuvor gewählt haben.“ Er sei wie viele andere Pakistaner „besorgt über unser Land und uns selbst“. Und dann fügt Ali hinzu: „Wir sind eine Nation auf der Suche nach einem Führer.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar