Zeitung Heute : Der Wundersack von Erlangen

Eine Sandabfüllmaschine hätte bei der Flut helfen können

Nana Brink

Anfangs war die Studentin Iris Stuppi nicht ganz sicher, ob sich ihre Betreuer am Lehrstuhl für Konstruktionstechnik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen einen dummen Scherz erlauben. Als die Studentin für Maschinenbau die Aufgabenstellung für eine Konstruktionsübung aus dem Internet lud, stand auf der Website des Instituts in dicken Lettern: „Entwicklung und Konstruktion einer portablen Füllmaschine für Sandsäcke“. Es war April, und die Elbe ruhte noch friedlich in ihrem Bett. „Ich wollte das gar nicht glauben“, erzählt Stuppi heute und lacht. Aber die Übung war durchaus ernst gemeint. Nur ein paar Wochen hatten sie und ihre Kommilitonen Zeit, sich über das „automatische Befüllen von Säcken mit 9 bis 10 Kilo trockenem Sand“ Gedanken zu machen.

Alexander Koch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl, ist seit elf Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Technischen Hilfswerk und ärgert sich jedes Jahr aufs Neue über die öde Sandschipperei. Zur Überschwemmungszeit werden in den gefährdeten Gebieten längs der Donau und des Rheins hunderttausende Säcke per Handarbeit gefüllt. Allein die Stadt Köln hält 250 000 leere Sandsäcke auf Vorrat. Während der großen Flut wurden 10 Millionen Sandsäcke verbaut.

Doch vor dem Stapeln kommt das Füllen. „Stumpfsinnige Arbeit, die mächtig aufs Kreuz geht“, sagt Alexander Koch. „Und nach ein paar Stunden kannst du das restliche Wochenende vergessen.“ Etwa fünfzig Säcke schafft der trainierte Helfer pro Stunde. Auch Kochs Kumpel vom THW-Ortsverband Fürth hatten genug vom Muskelkater und zeigten sich begeistert von der Idee einer Füllmaschine. Schnell war klar, was sie können muss: den Sand von einem aufgeschütteten Hügel über ein Band in die Säcke befördern, die Säcke automatisch verschließen und ablegen. Keine hundertprozentig neue Idee: Die Sandsackfüllmaschine „Power Sandking 800“ beispielsweise, die dem THW im Main-Kinzig-Kreis gehört, produziert bis zu 2000 volle Säcke in der Stunde. Allerdings ist sie schwer zu verladen, und genau da sollten die Erlanger Studenten mit der Arbeit anfangen. Die neue Maschine muss sich in Einzelteile zerlegen lassen, so lautete die Vorgabe für die Bachwuchs-Ingeniere. „Wenn die Maschine nicht auf einen LKW passt, können wir sie nicht an die Einsatzorte transportieren“, erklärt Koch.

Professor Harald Mehrkamm, Chef des Lehrstuhls für Konstruktionstechnik, war schnell überzeugt von dem Vorhaben und setzte die Übung sogar als Prüfungsthema an: „Das sieht simpel aus, ist aber nicht so einfach zu lösen.“ Das fand Iris Stuppi auch, als sie zusammen mit acht Kommilitonen am Computer über den Plänen brütete. „Wir mussten uns etwas vollkommen Neues einfallen lassen.“ Damit die Konstruktionsübung nicht zur technischen Spielerei verkam, legte Alexander Koch die Messlatte ziemlich hoch. Die Abfüllanlage sollte bis zu 500 Säcke pro Stunde füllen, also die Arbeit von zehn durchtrainierten THW-Helfern erledigen. Die Studenten mussten die Preise für sämtliche Einzelteile im Internet recherchieren, Koch schätzt die Materialkosten auf rund 50 000 Euro.

Bislang existiert die „Erlanger Sandsackfüllmaschine“ nur zwischen zwei Aktendeckeln. „Aber die Konzepte sind super“, lobt Alexander Koch, „meine Studenten sind mir nicht ins Kreuz gefallen.“ Die „Sandsackfüllmaschine“ – eine Wundermaschine, finden die THWler: Zusammenlegbar wie ein Klappstuhl, passt die Konstruktion auf ein mittelgroßes THW-Fahrzeug. Mit modernster Fördertechnik wird der Sand in einen Trichter gefüllt und dann portionsweise abgepackt.

Spätestens Ende August, als Iris Stuppi die Auswirkungen der Flut miterlebte, fand sie die Idee, über die sie noch Monate zuvor geschmunzelt hatte, gar nicht mehr so komisch: „Die hätten unsere Anlage wirklich gebraucht!“ Aber warum gibt es die Erlanger Wundermaschine noch nicht? Weder die Uni Erlangen noch das THW haben Geld für die Produktion. Immerhin haben einige Firmen schon Interesse bekundet. „Die Flut hat gezeigt, dass wir die Maschine brauchen“, meint Alexander Koch. „Ich hab’ keine Lust mehr auf Kreuzschmerzen.“

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