Zeitung Heute : Der Zauberer ist nackt

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Von Markus Feldenkirchen

Am Tag der Katastrophe soll der Kanzlerwahlkampf ruhen, und deshalb ist dessen Manager gerade sehr beschäftigt. Es ist nicht leicht, eine ganze Maschine anzuhalten, die auf vollen Touren läuft, aber das muss nach dem Massaker von Erfurt sein. Am nächsten Tag soll der Kanzler eigentlich tausend Sozialdemokraten in Duisburg neuen Wahlkampf-Mut einspritzen. Eine von Matthias Machnigs Großveranstaltungen, mit Kameras, Zuversichts-Optik, Aufschwung-Rhetorik und allem Pipapo – alles genau geplant. Dann aber reicht man Machnig die Meldung über Erfurt in sein Kampa-Büro, und zwei Stunden sowie entscheidende Telefonate später ist Duisburg abgesagt. „Vieles ist voraussehbar“, sagt Machnig nach dem letzten Telefonat, „aber so etwas nicht.“ Er muss dann auch wieder los zu einer dieser unzähligen Podiumsdiskussionen, bei der er den Leuten erklären soll, wie moderner Wahlkampf geführt wird.

Aus Machnigs Mund ist das mit der „Voraussehbarkeit“ weit mehr als eine Binsenweisheit. Für ihn ist das eine bittere Erkenntnis, fast so, als würde ein Bischof plötzlich am lieben Gott zweifeln. Für Machnig, der wie kein Zweiter an die Machbarkeit der Dinge glaubt und daran, dass sich so gut wie alles planen lässt, auch der Erfolg, wenn man nur geschickt an den Stellschrauben dreht, für ihn also ist dies ein ganz bemerkenswerter Satz. Der fiel vor gut zwei Wochen.

Inzwischen müsste Machnigs Glaube an die Planbarkeit des Erfolgs noch tiefer erschüttert sein. Zu viel läuft im Wahlkampf der SPD gerade völlig anders, als es der große Organisator Machnig, 42, vorhergesagt hat. Und deshalb werden die 131 Tage bis zum 22. September für Machnig wohl die schwersten seines Lebens.

Verglichen mit der jetzigen Situation war der 98er Wahlkampf, immerhin die Beendigung der Ära Kohl, ein heiteres Eierlaufen. Etwa zehn Prozent liegt die SPD in den Umfragen hinter der Union, die Basis will noch nicht so recht kämpfen, und Stoiber will nicht rechts sein. Und Machnig ist an allem schuld. Manche glauben, dass gerade die Entzauberung des Wahlkampf-Genies Machnig stattfinde. Es sind die alten Kritiker, die sich nicht aus ihren Verstecken getraut haben, solange es der SPD ganz gut ging, die in der Krise aber mutiger werden. Krise also im Hause Machnig, in der SPD-Wahlkampfzentrale ns Kampa, die von Beobachtern im SPD-Jubeljahr 1998 noch als Zauberwerkstatt mystifiziert wurde, zumindest aber als professionelle Wahlgewinnzentrale. Jetzt kreisen über der Kampa in Berlin-Mitte die Geier - es sind Journalisten und Parteifreunde.

Es gibt Anzeichen, dass der sonst so professionelle Kampa-Chef selbst die Nerven verliert. Man denkt an den Eklat neulich, als Machnig sich bei einer Journalistentagung in Hamburg erst mit Stoibers PR-Berater Michael Spreng, dann mit den 300 Journalisten anlegte und schließlich beleidigt aus dem Saal stürmte. Er mag Gründe für seine Empörung gehabt haben, schließlich hatte er alles getan, um die Kanzlerveranstaltung in Duisburg am Tag nach Erfurt machniggeschwind zu stoppen, während das Stoiber-Team über die „Bild“-Zeitung weiter Wahlkampf as usual machte und sich dafür nicht entschuldigen wollte. Dennoch: Seinen eigenen Ansprüchen an Professionalität und seiner Lieblingstugend „Kommunikationskompetenz“ wurde Machnig nicht gerecht.

Das System Kiss

Entzauberung? Wenn Matthias Machnig der große Kommunikator, Planer und Meinungslenker ist, für den ihn viele halten, dann hat er zumindest bei der Vermittlung der eigenen Person eher versagt. Sonst stünden in den Porträts über ihn nicht immer die gleichen Adjektivschlangen, die Machnig mit einem verächtlichen „alles Quatsch“ kommentiert, die ihn aber trotzdem erregen. Dass er kalt sei, ruppig, oft aggressiv. Nein, so will sich niemand beschrieben sehen, und als wolle er belegen, dass er verkannt wird, springt Machnig plötzlich auf und fischt ein Buch aus dem Regal: „Die Geschichte des Jazz“, ein Geschenk seiner Mitarbeiter. Er liebe Jazz, sagt Machnig, weil es eine sehr von Herzen kommende Musik sei.

Aber man kann anrufen, wen man will, niemand kommt auf die Idee zu sagen, dass Matthias Machnig ein netter Kerl sei, nicht mal im Nebensatz. „Was ich kriegen kann, ist Respekt“, sagt Machnig. Mehr sei nun mal nicht drin. „Ich bin einer, der weiß, was er will, einer, der führt und sich schwer tut mit Mittelmäßigkeit.“

Zu Machnigs Stärken zählt, dass niemand von seinen Stärken so restlos überzeugt ist wie er selbst. Tatsächlich ist der studierte Soziologe die sozialdemokratische Karriereleiter so schnell hochgehüpft, dass gar keine Zeit blieb, ein wenig von diesem oft beschriebenen Stallgeruch zu erhaschen: erst Mitarbeiter im Bundestag, dann in Nordrhein-Westfalen rechte Hand von Landesminister Müntefering, später Staatssekretär im Verkehrsministerium unter Bundesminister Müntefering, schließlich SPD-Bundesgeschäftsführer und Kampa-Chef unter Generalsekretär Müntefering. „Ich habe administrative, politische und kommunikative Erfahrung“, sagt Machnig, und dass er keinen anderen kenne, der all dies vorweisen könne. Falls man das nicht glaube, könne man ja da oder dort anrufen, sich nach ihm erkundigen. Machnig verspricht, es werde Tränen der Begeisterung geben. Solche Recherchetipps gibt Machnig oft und gern. Auch ein Porträt lässt sich organisieren.

Auch wenn Machnig durch sein Reich über die fünf Etagen seiner Kampa schreitet, Hände in den Hosentaschen, schreitet es mit, dieses Gefühl, dass sich fast alles bewerkstelligen lässt. Er geht vorbei an einem Raum, der eigentlich zum Kaffeetrinken und Rauchen da ist, der in Machnig-Deutsch aber „Kommunikationspunkt“ heißt. Vorbei an den Abteilungen „Konkurrenzbeobachtung“ und „Pressebeobachtung“, an der Wahlkampfzentrale Ost, vorbei an vielen der 120 jungen Mitarbeiter, die unter seiner Regie planen, organisieren und das Kampa-Informationssystem „KISS“ mit neuesn Daten über die Lage in den Wahlkreisen füttern. Zahlen, immer wieder Zahlen, Werte aus Umfragen, Analysen. Vor lauter Beschäftigung mit der hinter Zahlen versteckten Bevölkerung habe Machnig das Gespür für die wahre Stimmung im Lande verloren, fürchten Neider wie Kritiker. Sie glauben, dass in der Kampa zwar viele Konzepte verfasst werden, aber keine wirkliche Idee. „Wo ist denn die klare Aussage? Bisher kennen wir von Machnig nur abstrakte Begriffe“, klagt einer aus dem Parteivorstand. Machnig muss eingestehen, dass der SPD bis jetzt ein zündendes Thema fehlt. Die Suche nach der großen Idee.

Sucht man rund um Machnigs vier Meter breitem Schreibtisch nach einem Drehbuch für den Wahlkampf, stößt man nur auf Berge von Akten, verpackt in bunte Kartonordner. Mehrmals in der Stunde wird ein neuer Berg hereingetragen, andere Berge werden abgeholt. Aus der Schrankwand blitzen die Werke der berühmten Wahlkampfstrategen aus Amerika und England heraus. Davor ein Buch mit Aufsätzen von Willy Brandt und ein Foto von Machnigs Tochter. Die Idee für den Wahlkampf? „Haben wir in der Hinterhand“, verspricht Machnig, aber in der SPD glauben nur wenige an Wunder. Auch weil sie andererseits glauben, längst seien Machnig die Maßstäbe durcheinandergepurzelt. Er habe zu viel von Dick Morris gelesen, heißt es, Bill Clintons Wahlkampf-Chef. Machnig denke, in Deutschland herrschten bereits amerikanische Verhältnisse. Die Leute, die das sagen, sitzen in den Unterbezirken der SPD und in der Bundestagsfraktion, im Willy-Brandt-Haus, in Vorstand und Präsidium. Sie reden mit einer Mischung aus Spott und Verbitterung, wie Rentner, deren geliebte Eckkneipe in eine Yuppie-Bar verwandelt wurde, die ein Stück Heimat verloren haben.

Rambo-Management

Schon Machnigs Vision von der modernen Netzwerkpartei, die fernab des Ortsvereins neue Gruppen an sich binden müsse, wenn auch nur lose, klang für viele Genossen wie eine Kampfansage an die gute alte Partei. Als die SPD-Parteizentrale noch in Bonn stand, hieß sie Erich-Ollenhauser-Haus und glich der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit. Eine große Behörde voller Parteibeamter, die ihre Bleistifte lieber 17 Mal spitzten als damit eine Idee aufs Papier zu bringen. Dann, Ende 1999, kam der Bundesgeschäftsführer Machnig, schickte Mitarbeiter auf Qualifizierungs-Seminare und führte im Herzen der Sozialdemokratie das Leistungsprinzip ein. Das Misstrauen gegen Machnigs westfälische Truppe wuchs so schnell, dass andere Abteilungen die Anweisung gaben, keine Unterlagen auf dem Kopierer liegen zu lassen, damit sie nicht in Machnigs Hände gelangen konnten. Das Wort vom Rambo-Management machte die Runde. Dabei, sagt der damalige Juso-Chef Benjamin Mikfeld, sei das Problem vielleicht gar nicht Machnigs direkte Art, sondern die große „Hinterfotzigkeit“ in der Partei. Weil sonst so viel hinter dem Rücken anderer gemacht werde, falle Machnig mit seiner Ich-sage-was-ich- denke-Haltung eben stärker auf. „Es gibt immer Heckenschützen“, sagt Machnig. „Das ist Teil meines Lebens.“ Es klingt nicht so, als würde ihn das weiter stören.

Ärgerlich nur, wenn die Heckenschützen sogar im Kanzleramt sitzen. Denn eigentlich soll Machnig ja gerade wieder eine Wahlkampf-Welt bauen, in der der Kanzler sich wohlfühlen soll. „Die Kampagne muss auf Gerhard Schröder passen“, sagt Machnig. „Er muss sich da aufgehoben fühlen.“

Dabei ist das persönliche Verhältnis der beiden gar nicht so wohlig. Sicher habe es im 98er Wahlkampf an der einen oder anderen Stelle „geknirscht“, gibt Machnig zu. Aber das Zusammenspiel sei jetzt besser, und als Beleg hat er auch da wieder ein paar Gesprächspartner auf Lager, die das bestätigen könnten. Und dann lehnt er sich zurück im Stuhl, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und sagt: „Ach, schauen Sie doch einfach in den ,Spiegel’, Nummer 17, Seite 61.“ Die Zahl hat er sich gemerkt. Dort sieht man ihn neben dem Kanzler und Müntefering bei einem seiner Lieblingskongresse zur „Neuen Mitte“. Das Foto war geplant, kein Schnappschuss, und es soll belegen: Würde der Kanzler nicht zu mir stehen, würde er sich kaum auf ein arrangiertes Foto mit mir einlassen.

Andererseits ist das Foto schon ein paar Wochen alt. Und Schröder hat Machnig nach dem Eklat in Hamburg nicht gerade liebevoll behandelt. „Man kann das so machen“, hat der Kanzler den Vorfall im Vorstand der Partei kommentiert. Wer Schröder kennt, übersetzt diese Aussage mit: „So kann man es wirklich nicht machen. Im Übrigen gibt es auch Gesprächspartner, die Machnig nicht selbst empfiehlt. Und die sprechen von der „neuen Eiszeit“ zwischen einem ungeduldigen Schröder und der Kampa. Gestern hat der Kanzler allerdings seinem Manager im Parteipräsidium demonstrativ den Rücken gestärkt. Er lobte die gute Zusammenarbeit; dass es interne Kritik an der Wahlkampfstrategie gebe, könne er sich „gar nicht vorstellen“. Eine allzu offizielle Erklärung?

Eine kleine Auszeit

Am Ende eines dieser sehr langen Machnig-Tage sitzt Matthias Machnig um kurz vor elf vor Gnocchi und Weißwein in einem Edel-Italiener am Gendarmenmarkt. Noch immer rufen führende Sozialdemokraten bei ihm an, wollen dies und das wissen. Machnig notiert sich Telefonnummern auf der Serviette, die er gleich weitertelefoniert. Dann schaut er seinem Handy tief ins Display, sagt, dass man ihn langsam mal gern haben könne, und drückt den roten Knopf. „Jetzt mache ich Schluss.“ Der Wahlkampf ruht bis am nächsten Morgen um sieben.

So entspannt sieht man ihn selten, etwa, wenn er auf einem dieser Podien sitzt, wenn ihm die Gesprächspartner mal wieder zu mittelmäßig, zu langweilig, keine Herausforderung sind. Dann schaltet er einfach für ein paar Minuten ab, lässt den Blick über die Zuschauer hinweg ins Nirgendwo oder in bessere Zeiten schweifen, formt seine Lippen wie der küssende Elefant von Wum & Wendelin, einer Loriot-Figur aus der Wim-Toelke-Sendung „Der große Preis“.

In solchen Momenten hat er nichts von der Schroffheit und Härte, die ihm nachgesagt werden. In diesen Momenten gönnt er sich mal eine Auszeit vom hemdsärmeligen Macher-Habitus, dieser stets nach vorne gebeugten Angriffspose. Solche Momente kommen einfach, planen kann man sie nicht.

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