Zeitung Heute : Der Zocker, der Schlaumeier und der Sensible

-

Herr Schreckenberg, zusammen mit dem WirtschaftsNobelpreisträger und Spieltheoretiker Reinhard Selten haben Sie Autofahrer-Typen unterschieden. Wieso wollen Sie die kennen?

Weil man versuchen muss, das Verhalten der Fahrer vorherzusehen, wenn man Systeme entwickeln möchte, Staus zu verhindern.

Welche Staufahrertypen gibt es also?

Viele fahren extra genau an den Ort des Staus. Sie folgen der Strategie: Bestimmt hat die Meldung so viele andere Fahrer abgeschreckt, dass die Strecke leer sein wird, wenn ich dort ankomme. Das wäre der Zocker-Typ. Dann gibt es noch die Fahrer, die alles ignorieren, weil sie sich für cleverer halten als jedes Stau-Infosystem. Und den Sensiblen, der sofort zusammenschreckt, wenn ein Stau zu erwarten ist und die Route ändert.

Und welcher Typ gewinnt im Stau?

Verkehr hat grundsätzlich die besondere Eigenschaft, dass die Minderheit gewinnt. Im Verkehr ist die Minderheit alleine auf einer Strecke und damit am schnellsten. Man muss also zusehen, dass man zur Minderheit gehört. Viele Fahrer versuchen deshalb dann zu fahren, wenn sie denken, dass möglichst wenige andere es tun.

Das ist doch schlau.

Es ist eine zweischneidige Sache: Der ADAC empfiehlt zum Beispiel, bei Ferienbeginn möglichst nicht am Wochenendbeginn zu starten. Oft ist gerade dann gar nichts los, aber fünf Stunden später, da fahren sie alle. Es gibt keine Kooperation zwischen den Verkehrsteilnehmern, das ist ein Hauptproblem. Deshalb haben wir mal an eine Art Internet-Börse gedacht, bei der man seine Routenplanung bekannt gibt und dann mitgeteilt bekommt, was auf der Strecke zu erwarten ist. Das wäre ähnlich wie eine TED-Umfrage im Fernsehen.

Stimmt der Vorwurf der Umweltverbände, dass mehr Straßen mehr Verkehr erzeugen?

Natürlich erzeugt man mit besseren Möglichkeiten mehr Verkehr. Die Menschen verhalten sich nun mal so. Wir haben in Deutschland eine besondere Beziehung zu Autos. Sie werden immer schöner, sind technisch besser ausgerüstet: mit DVD-Spieler, Navigationssystem und allem Schnickschnack. Das Auto wird zur Verlängerung des Wohnzimmers. Da nutze ich doch jede Gelegenheit zum Fahren.Fragen: Walter Schmidt

Michael Schreckenberg, 47, lehrt an der Uni Duisburg-Essen die „Physik von Transport und Verkehr“. Er ist der bekannteste Stauforscher Deutschlands

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar