Zeitung Heute : Der Zug zur Alleinsamkeit hat auch Berlin erreicht

HEIK AFHELDT

Schon Kaiser Augustus wollte es wissen - und Gerhard Schröder auch: Wieviele Menschenkinder in ihren Reichen leben, damals, heute und morgen. So zählen die Zensoren sorgfältig alles, was uns ausmacht: Geschlecht, Alter, Größe der Familien und die Geburten bei Frauen verschiedenen Alters, Niederkunft und Herkunft. Und sie erfassen auch jeden, der über Grenzen ab- und zuwandert. Nichts bleibt den Volkszählern verborgen, weil alle brav ihre genauen Personendaten in die Computer liefern müssen. Anders als bei den Nomadenvölkern der Wüste. Dort werden noch des Nachts die Zelte aus der Luft fotografiert, mit Infrarotkameras, und über die ausgestrahlte Wärme die Zahl der "Einlieger" geschätzt. Und dann wird mit den Zählergebnissen nach allen Regeln der Bevölkerungsstatistik gerechnet, analysiert und prognostiziert. Wir lesen: In Deutschland lebten 1998 fast 82 Millionen Menschen, in Berlin 3,5 Millionen, Deutsche und Ausländer. Frauen haben in der Stadt mit rund 120 000 Köpfen eine deutliche Mehrheit.

Das ist heute. Aber wie sieht es in 20 Jahren aus? Während die Weltbevölkerung bis dahin um 1,8 Milliarden Menschen weiter kräftig gewachsen sein wird, werden es in Deutschland im Jahr 2020 immer noch etwa 82 Millionen sein. Geboren wird offenbar "draussen vor der Tür". Aber in Deutschland bleibt deshalb nicht alles beim alten. Im Gegenteil. Hinter dem Bild der Stagnation spielen sich dramatische Änderungen ab. Deutschland wird eine wahre "Altenrepublik" und ein Land der Singles. Statt um 70 000 über 95jährige werden wir uns dann um über 210 000 kümmern dürfen. Im Jahre 2020 wird es in Deutschland gar fünf Millionen mehr Menschen im Rentenalter von über 65 geben. Alleine in Berlin beleben dann 730 000 "Rentner" die Stadt, 260 000 mehr als heute. Und alle Alten in Deutschland dürfen künftig mit einem deutlich längeren "Restleben" rechnen - im Durchschnitt. Als Alten-Altersgruppe werden sie zahlenmäßig diejenige der jungen bis 19Jährigen sogar überrunden.

Mit den vielen Alten wächst auch die Zahl der Einpersonenhaushalte, vulgo der Singles, kräftig weiter. Schon heute sind es in der Republik 35 Prozent aller Haushalte und in der Single-Hochburg Berlin sogar

46 Prozent. Klar, Alte bleiben oft alleine zurück. Aber das ist nicht der einzige und nicht einmal der wichtigste Grund. Die Statistik kennt die Ursachen: Immer mehr Menschen leben freiwillig alleine. Sie heiraten deutlich später als früher, sie lassen sich schneller und häufiger scheiden, oder sie ziehen von Anfang das Leben als Single vor. Im Jahre 1955 konnten die Standesämter in beiden Teilen Deutschlands noch 817 000 Eheschließungen beurkunden, 1995 nur noch magere 430 000. Und mit der Heiratsunlust in deutschen Landen wird auch der Babyboom der Nachkriegszeit zu einem verblaßten Traum: 700 000 Lebendgeborene 1995 statt 1,1 Millionen vierzig Jahre vorher. Was für jeden Einzelnen von uns aussieht wie ein großes Stück persönlichen Fortschritts, wie ein erfreulicher Gewinn an Lebensqualität - mehr und gesündere Lebensjahre, mehr Unabhängigkeit von Familienzwängen, spätere und weniger "Mutterfreuden" - für die Gesellschaft und die Volkswirtschaft tut sich damit ein Abgrund von Problemen auf. Der Generationenvertrag, auf dem die Sozialversicherung beruht, hält nicht mehr, die Beschäftigen "vergreisen" in einer Phase kräftigen internationalen Wettbewerbs, in der Dynamik und Innovation besonders gefordert sind, die Kapitalbildung geht zurück, weil alte Menschen weniger sparen und der Bedarf nach medizinischen und Pflegeleistungen explodiert.

Ist das alles unvermeidlich? Stimmen diese Prognosen oder geht es wieder so wie mit der Wettervorhersage vom letzten Wochenende? Leider, mag man sagen, stehen die Voraussagen der Demographen auf besonders soliden Fundamenten. Alle, die im scheinbar fernen Jahr 2020 als über 20Jährige leben werden, sind ja heute schon geboren. Das sind fast 85 Prozent aller 82 Millionen Bewohner Deutschlands. Und auch der Jahrgang 1999/00 ist schon in Planung oder auf Kiel gelegt. Alle Rentner, die auf ihre Ansprüche pochen und die meisten Studenten, die im Jahr 2020 in die Hörsäle drängen, sind heute schon da. Und selbst die Zahl der bis dahin noch neugeborenen Kinder ist nicht gänzlich unbestimmt. Ihre Mütter leben ja jetzt schon unter uns. Wir kennen also die Anzahl der "Gebärfähigen". Nur die "Gebärwilligkeit" ist noch eine Unbekannte. Aber die ändert sich nicht von heute auf morgen dramatisch. Der Trend zu späteren Geburten, zu weniger Kindern und zu mehr ledigen Müttern hat schon eine längere Geschichte. Heute sind schon viele Mütter unverheiratet, immer mehr von ihnen - aktuell 2,3 Millionen - bewußt alleinerziehend. Ob das den Kindern gut tut und ob diese selber später einmal wieder mehr Lust zu den heute als altmodisch geltenden "Komplettfamlien" haben werden und in fünfzig Jahren die Bevölkerungswissenschaftler mit einem Trendbruch überraschen, das weiß nicht einmal Jörg Kachelmann - das steht in den Sternen.

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