Zeitung Heute : Der Zweifel des Wanderpredigers

Er ist der Mutmacher, Spezialist fürs Seelenleben der SPD. Doch plötzlich zeigt Franz Müntefering Schwächen. Hat er etwa resigniert?

Stephan Haselberger

51 Tage können endlos lang sein oder verdammt kurz. Von diesem Freitag an gerechnet, bleiben Franz Müntefering 51 Tage für einen Kampf gegen Zweifel und Angst. Es ist die Angst der SPD vor dem Ende ihrer 39-jährigen Herrschaft in Nordrhein-Westfalen bei der Landtagswahl am 22. Mai. Und es ist der Zweifel am Erfolg der Agenda-Politik, der sich zurückgeschlichen hat in die Reihen der Genossen, weil die Reformen nicht zum schnellen Erfolg, sondern zu steigenden Arbeitslosenzahlen und sinkenden Umfragewerten geführt haben.

Um diesen Zustand ins Gegenteil zu verkehren, um aus Zweiflern und Verängstigten mutige Überzeugungstäter im Wahlkampf und entschlossene Wähler am Wahltag zu machen, sind 51 Tage entsetzlich wenig Zeit – vor allem, wenn man bedenkt, dass an NRW die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder und die Regierungsfähigkeit der SPD hängt. Man könnte auch sagen, alles hängt an Müntefering. Er ist Spezialist für getrübte Gefühlslagen, das Seelenleben der SPD ist sein Geschäft. Wenn er die Fühlung verliert, ist auch NRW verloren. Es gibt Leute in der SPD, die genau das befürchten.

Keiner, so heißt es, verstehe die Ängste und Sehnsüchte dieser großen, alten, sentimentalen Partei so gut wie der 65-jährige Sauerländer, der vor etwas mehr als einem Jahr den Parteivorsitz übernommen hat und bei seinen Touren durchs Land Sätze wie diesen in den Gästebüchern hinterlässt: „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht!“ Umgekehrt bringt die SPD keinem aus der Führungsetage, Gerhard Schröder schon gar nicht, ein derartiges Vertrauen entgegen wie ihm. Das ist sein Kapital, er hat es über Jahrzehnte hinweg mit Bedacht angesammelt, es hat ihm letztlich die Führung der SPD eingebracht. Und noch immer erzielt dieser Schatz ein gewaltige Rendite.

Mögen ihn viele außerhalb der sozialdemokratischen Welt für einen knöchernen Apparatschik halten, für eine undurchdringliche, sphinxhafte Gestalt, für einen kalten Parteisoldaten – in der SPD wird er geliebt. Bis heute schlägt „Münte“ an der Basis eine Verehrung entgegen, die ans Irrationale grenzt: Die Heilserwartungen der Genossen an den Vorsitzenden tragen fast schon religiöse Züge. Wer soll die Partei aufrichten, wenn nicht er – der heilige Franz aus Sundern im Sauerland?

In Löhne in Westfalen wartet die örtliche SPD-Mitgliedschaft am frühen Dienstagabend dieser Woche auf seine Ankunft. Der Kreisverband Herford hat zur Kundgebung („Jetzt durchstarten und gewinnen“) in eine triste Halle geladen. Lindgrüner Linoleumboden, roh verputzte Wände wie in italienischen Restaurants der 70er Jahre. Auf den braunen Plastikstühlen hat die alternde Gesellschaft Platz genommen. 90 Prozent der Besucher sind über 60, sie können sich noch gut an die Zeit erinnern, in der das SPD-Programm in der Verteilung von Zuwächsen bestand statt in der Zumutung von Einschnitten. Jetzt sitzen sie da und warten, dass Müntefering sie „nochmal motiviert, damit wir ans Laufen kommen“, wie die Landtagsabgeordnete Dorothee Danner sagt.

Der Vorsitzende entsteigt dem Dienst-Audi, er schüttelt viele Hände, er verschlingt unter den wohlwollenden Blicken des Publikums eine Bratwurst – er ist einer von ihnen geblieben. Mit kleinen Schritten läuft er in den Saal, vom Band röhrt Tina Turner „Simply the best“. Gleich wird er eine einstündige Rede halten, und danach werden einzelne Genossen zu ihm kommen wie Kirchgänger, die sich beim Pfarrer für die Predigt bedanken: „Das war ganz wichtig, das hilft mir erst mal weiter.“ So war es am Dienstag dieser Woche in Löhne, Westfalen, und so wird Müntefering weitermachen bis zum 22. Mai.

Vielleicht erklärt sich der Kult in der SPD um Müntefering damit, dass er als Person ein Mindestmaß an Gewissheit und Verlässlichkeit verkörpert in einer Zeit, in der man als Sozialdemokrat nicht mehr so recht weiß, auf wen man sich verlassen und an was man eigentlich glauben soll. Steigende Unternehmensgewinne und Jobabbau, Steuersenkungen und Kürzung der Sozialleistungen in Namen der SPD – die Welt ist kompliziert geworden, unsicher und unverständlich. Aber so lange Müntefering redet, herrscht Ordnung im sozialdemokratischen Gefühlshaushalt.

Dabei sagt er im Grunde nichts anderes als Schröder. Senkung der Unternehmensteuer? Muss sein, auch „wenn manche sagen, jetzt ist genug“. Unternehmen „müssen schwarze Zahlen schreiben können, an der Stelle ist Schwarz ausnahmsweise gut“. Überhaupt sind viele Unternehmer „ordentliche Leute“, die es sich „dreimal überlegen bevor sie den Stuhl vor die Tür setzen“. Es gibt da aber auch andere, „die des kleinen Profits wegen die Leute im Stich lassen. Das ist nicht in Ordnung!“ Und auch das muss gesagt sein zur Selbstvergewisserung der verunsicherten Genossen: „Wir haben jetzt genug an Flexibilität am Arbeitsplatz. An der Stelle muss die deutsche Sozialdemokratie stehen!“ Es gehe schließlich „um eine Frage der Würde“, sagt Müntefering. „Wir wollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf gleicher Augenhöhe: keiner Herr und keiner Knecht!“

Es gibt viel Applaus für solche Beschwörungen. Die Frage ist nur, ob sie der Wirklichkeit standhalten, ob sie ausreichen für den Sieg in Nordrhein-Westfalen – und ob der Wanderprediger Müntefering selbst noch an den Erfolg glaubt.

Es sind an dieser Stelle Zweifel tatsächlich berechtigt, und das liegt ausgerechnet an Müntefering selbst. Dem Vorsitzenden ist in den vergangenen Wochen eine Reihe von Trittfehlern unterlaufen. Als Ursache vermuten SPD-Abgeordnete aus NRW, der Chef sei zumindest vorübergehend selbst vom Virus der Ratlosigkeit erfasst worden. Unwidersprochen bleiben auch Meldungen, er habe die Wahl im Stammland der Sozialdemokratie intern bereits aufgegeben.

Tatsache ist, dass Müntefering zum schlechten Erscheinungsbild der SPD selbst beigetragen hat, zum ersten Mal seit der Übernahme des Vorsitzes. Das Angebot der Union zum Jobgipfel wies er brüsk zurück, während Schröder Zustimmung signalisierte, weil Verweigerung die Regierung teuer zu stehen gekommen wäre: Bei über fünf Millionen Arbeitslosen macht sich eine „Politik der ruhigen Hand“ schlecht. Danach war von einer Koalition der Getriebenen die Rede und, auch das ein Novum, von Rissen in der sozialdemokratischen Doppelspitze. Dazu kamen eine Abstimmungsniederlage der Koalition im Bundestag und das Aufbegehren der Fraktion gegen Münteferings Kandidaten für das Amt des Wehrbeauftragten. Das alles hat die nordrhein-westfälischen SPD-Bundestagsabgeordneten in Alarmstimmung versetzt. Es ist kein gutes Zeichen, wenn Müntefering Schwäche zeigt.

Kann sein, dass es sich nur um eine Phase gehandelt hat. Wer ihn in seinem Fraktionsvorsitzenden-Büro besucht, erlebt jedenfalls den gewohnten Müntefering: ruhig und distanziert, jeden Eindruck von Resignation vermeidend. Die Wahl in NRW werde erst in den letzten 14 Tagen entschieden, der Vorsprung von Union und FDP sei durchaus aufzuholen, sagt er. „Natürlich hat es in den letzten Wochen ein paar Ereignisse gegeben, die sehr belastend waren. Aber das vergeht. Es kommt eine neue Zeit. Wir wollen am 22. Mai gewinnen, nicht heute.“

Es kann aber auch sein, dass Müntefering noch immer ratlos ist. Er hätte Gründe dafür. Es sind dieselben, die an der Basis die Skepsis gegenüber der Agenda auferstehen lassen. Müntefering zweifelt nicht an deren Richtigkeit, aber er sieht, dass die SPD in der zeitlichen Lücke zwischen Reformbeschlüssen und ersten Erfolgen verschwinden kann. Anders als seine Partei ist er nicht sentimental. Die Gefahren einer Niederlage hat er längst berechnet. Sie bestehen darin, dass erhebliche Teile der SPD den Machtverlust in ihrem Stammland als Scheitern des Reformkurses begreifen würden. Selbst ihm dürfte es dann schwer fallen, die Partei vor dem Rückfall in die alten Denkmuster zu bewahren. Mit rhetorischen Ausfällen gegen „die totale Ökonomisierung des Denkens und des Handelns bei manchen im Lande und weltweit“, mit denen er im Wahlkampf Stimmung macht, wäre es dann jedenfalls nicht mehr getan. Das System Müntefering, diese Mischung aus „Abholen und Führen“, würde auf eine harte Probe gestellt.

Noch 51 Tage. Müntefering, so viel ist sicher, wird sie nutzen bis zur letzten Minute. Und wenn es schief geht in NRW? Ist Rot-Grün im Bund dann am Ende? „Wir sind gewählt bis 2006“, sagt Müntefering in seinem Büro. Wahrscheinlich würde er die genaue Anzahl der Tage bis zur Bundestagswahl nennen, wenn der Termin denn schon feststünde. So entschlossen wirkt er jetzt. Man ahnt aber: Nach einer Niederlage in NRW würde diese Restlaufzeit quälend lang, selbst für ihn.

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