Zeitung Heute : Der zweite Dialog auf Erfolgskurs

Der Tagesspiegel

Von Uwe Schlicht

Youlia Rowodina hat eigentlich alles richtig gemacht. Sie hat erst in St. Petersburg an der Akademie für den öffentlichen Dienst Verwaltungswissenschaften und Personalmanagement studiert, dazu intensiv Deutsch gelernt und ein Praktikum bei der Vertretung der Firma Siemens absolviert. Danach wurde sie nach Deutschland weitergereicht zu einem dreimonatigen Praktikum in Hamburg. Nach ihrer Rückkehr bewarb sie sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst um ein Stipendium. Sie bekam es im Mai vergangenen Jahres für ein Studium der Betriebswirtschaft in Passau und dort ist sie völlig frei, sich die Lehrangebote auszusuchen, die sie für ein modernes westliches Management benötigt. Die heute 24-Jährige ist fest entschlossen, nach ihrer Rückkehr möglichst bei einer deutschen Firma in Russland zu arbeiten. Sie bevorzugt deutsche Firmen, weil sie sich dort besser betreut sieht.

Beim zweiten Petersburger Dialog in Weimar gehörte Youlia Rowodina zu den Vorzeigejugendlichen. Weil die besondere Betonung der Veranstaltung auf der Zivilgesellschaft lag, war auch Organisatoren des Jugendaustausches Gelegenheit gegeben worden, ihre Programme an Infoständen vorzustellen, und Jugendliche aus beiden Staaten wurden, wenn auch eher symbolisch durch gemeinsames Musizieren, einbezogen.

Youlia Rowodina ist deswegen eine Vorzeigestudentin, weil sie alles kann: Russisch und Deutsch, sie hat Initiative bewiesen, sich bei deutschen Firmen beworben, den Sprung in das andere Land gewagt und eine zukunftsträchtige Ausbildung absolviert. Aber jenseits der Showseite der Vorzeigestudenten gibt es Probleme: Jugendliche kann man nicht zum Lernen der deutschen oder russischen Sprache zwingen, genauso wenig wie man von oben anordnen kann, mehr Jugendliche sollen an Schulpartnerschaftten teilnehmen, im jeweiligen Partnerland wenigstens ein Semester studieren oder ein einmonatiges Praktikum absolvieren.

Und doch geht es nicht ohne Zielvorgaben von oben. Denn Austauschprogramme, Schulpartnerschaften und Städtefreundschaften kosten Geld. Gewaltige Hindernisse sind für Jugendliche immer noch die Visaformalitäten, während man ohne Probleme zum Jugendaustausch nach England oder Frankreich fahren kann. Und bei den Studienprogrammen geht es um das leidige Problem der Anerkennung der Studienleistungen – jedenfalls solange weder in Russland noch in Deutschland die meisten Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt sind und sich den Regelungen international vergleichbarer Kreditpunkte unterwerfen. Außerdem tut sich die Kultusministerkonferenz schwer bei der Aufnahme russischer Universitäten in die Liste derjenigen Hochschulen, deren Titel in Deutschland anerkannt werden.

Die Zahlen sind alarmierend: In Deutschland lernen zwar sechs Millionen Jugendliche Englisch, 1,6 Millionen Französisch, aber von den einst über 300 000 Schülern, die noch nach der Wende Russisch als erste Fremdsprache bis zu Ende paukten, sind nur noch 170 000 übrig geblieben. Auch in Russland verdrängt Englisch immer mehr die deutsche Sprache bei der Fremdsprachenwahl der Jugendlichen, obwohl es in Russland noch vier Millionen Jugendliche gibt, die Deutsch lernen.

Es wird noch schlimmer: In Deutschland steht bis 2005 die große Umstellung des Sprachenunterrichts in den Schulen bevor: Vorverlegung des Einstiegs in die erste Fremdsprache auf die dritte Grundschulklasse, Beginn der zweiten Fremdsprache in der fünften Klasse und der dritten Sprache an den Gymnasien in der siebten Klasse. Das Ziel lautet: Auch für die zweite Fremdsprache bis zum Abitur sollen jene sechs Jahre zur Verfügung stehen, die für ein gründliches Lernen als notwendig erachtet werden.

Wie sich die deutschen Schüler und Eltern entscheiden, lässt sich schon vorhersagen: Im Zweifel für Englisch und gegen Russisch. Denn bei der Vorverlegung des Fremdsprachenstarts auf die dritten Klassen lassen sich die Kultusminister von den Wünschen der Eltern leiten. Der Frühstart in Russisch ist nach einem Überblick der Kultusministerkonferenz gerade noch in drei von 16 Ländern vorgesehen und bekommt so exotischen Charakter wie der Frühstart in Niederländisch, Tschechisch oder Dänisch in den deutschen Grenzregionen. Der Petersburger Dialog appellierte daher an die Kultusministerkonferenz, bei der anstehenden Neuordnung des Fremdsprachenunterrichts Sorge zu tragen, dass der Russischunterricht angemessen berücksichtigt wird.

Auch der Studentenaustausch ist bisher eine problematische Angelegenheit: 7000 russische Studenten sind zur Ausbildung nach Deutschland gekommen, aber nur 1500 Deutsche sind an russische Universitäten gegangen. Die Empfehlung des Petersburger Dialogs lautet: innerhalb von fünf Jahren eine Verdoppelung auf 15 000 russische Studenten in Deutschland und 5000 Deutsche in Russland zu erreichen. Und nach der Studienzeit sollen deutsch-russische Graduiertenkollegs der gemeinsamen Doktorandenausbildung dienen.

Die Sprachenoffensive wird mit einer Schülerolympiade im Mai in Moskau und Berlin beginnen, bei der die Besten ihre Deutsch- und Russischkenntnisse unter Beweis stellen. Staatspräsident Putin und Bundeskanzler Schröder haben die Schirmherrschaft übernommen.

Bei den Städtepartnerschaften sieht es auch nicht rosig aus: Deutsche Städte haben zwar Partnerschaften mit italienischen, französischen und englischen Städten zuhauf, in Russland aber suchen zur Zeit 31 Städte vergeblich nach Partnern in Deutschland – darunter befinden sich so bedeutende Städte wie Nowosibirsk oder Tomsk. Städtepartnerschaften machen nur dann Sinn, wenn sie mit einem intensiven Jugendaustausch verbunden werden. Im Jahr 2001 beteiligten sich zum Beispiel nur 120 deutsche Schulen am Austauch mit Russland. Auch hier ist eine Verdoppelung empfohlen worden. Funktionieren wird der Jugend- und Schüleraustausch aber erst dann, wenn russische und deutsche Familien für die Unterbringung der Partnerschüler sorgen und die hohen Flugkosten gesenkt werden können.

Neuland für die Russen

Mit der Zivilgesellschaft betreten die Russen Neuland. Bürgerinitiativen sind in der alten Bundesrepublik spätestens seit der Studentenbewegung verbreitet. Nach dem ersten Petersburger Dialog fand immerhin in Moskau im November 2001 ein Treffen von 5000 Angehörigen von Bürgerinitiativen und Organisationen der Zivilgesellschaft statt. Staatspräsident Wladimir Putin betonte auf diesem Treffen, dass Russland die Zivilgesellschaft nicht von oben einrichten könne, obwohl das Land eine intellektuelle Mobilisierung dringend benötige. Ohne die Beratung durch die Zivilgesellschaft könnte Russland in eine Sackgasse geraten.

Die Zivilgesellschaft wird entdeckt

In Russland soll es inzwischen 350 000 solcher Organisationen geben, von denen aber nur 70 000 voll arbeitsfähig sind – das gab Peter Boenisch, der deutsche Koordinator des Petersburger Dialogs, bekannt. Auf dem Folgetreffen im April nächsten Jahres soll die Zivilgesellschaft daher eine bedeutendere Rolle spielen als bei dem gerade beendeten Dialog in Weimar. Für Michail Gorbatschow, den russischen Koordinator, darf der Petersburger Dialog kein Treffen sein, bei dem Deutsche und Russen einmal im Jahr zuammenkommen, miteinander reden und anschließend auf dem Newaprospekt spazierengehen. Vielmehr bedarf es der intensiven Nachbereitung durch Arbeitsaufträge: Eine Arbeitsgruppe soll sich Fragen der Visaerleichterung widmen, eine andere wird sich dem leidigen Thema der Anerkennung russischer Hochschulen, Titel und Abschlüsse in Deutschland widmen. Auch „Runde Tische“ dienen der Vorbereitung des dritten Petersburger Dialogs im April nächsten Jahres. Und das Internet wird für Diskussionsanregungen und Informationen entsprechend genutzt. Eine der geplanten Konferenzen soll allein der Begegnung von Jugendlichen aus Deutschland und Russland dienen.

Gorbatschow, der in Weimar die Komplimente Putins und den Beifall der Deutschen sichtlich genoss, ist zuversichtlich, dass es ähnlich wie bei den deutsch-britischen Königswinter Gesprächen gelingen wird, die Kontakte in die Zivilgesellschaften beider Länder zu vertiefen. Die Menschen in Russland und Deutschland dächten voller Hochachtung übereinander. Gorbatschow appellierte an die Deutschen, den schwierigen Übergang vom Totalitarismus in der Sowjetunion zur Demokratie mit Geduld zu beobachten. Von einem Scheitern des St. Petersburger Dialogs könne keine Rede. „Vielmehr schafft gerade der offene Gedankenaustausch die Basis für Vertrauen. Wir gehen Schritt für Schritt weiter auf dem gemeinsamen Weg.“ Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ist der St. Petersburger Dialog ein Beleg für das besondere Verhältnis zu Deutschland: „Wir machen das nicht mit allen Staaten in der Welt.“

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