Zeitung Heute : Des einen Freud, des anderen Leid

Die Suche nach einem Schlüssel für die gerechte Verteilung von Emissionsrechten gestaltet sich noch schwierig

-

Die Idee ist bestechend einfach: Vom Jahr 2005 an bekommt jeder Industriebetrieb ein Zertifikat ausgestellt, das die Treibhausgase belegt, die das Unternehmen ausstößt. Werden die Anlagen modernisiert, dann geben sie weniger Kohlendioxid und andere Gase an die Umgebung ab, die das Weltklima aufheizen. Die eingesparten Werte können als Emissionsrechte an andere Unternehmen verkauft werden, die noch nicht modernisiert haben. Bringt es den Unternehmen aber bares Geld, weniger Treibhausgase zu produzieren, sorgt der Markt für ein rasches Sinken der Emissionen.

Allerdings ist der Weg von der Theorie bis zur Praxis meist schwierig, bestätigt Felix Christian Matthes vom Berliner Büro des ÖkoInstituts. Der Wissenschaftler soll gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und dem Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe die wissenschaftlichen Grundlagen für die erste Verteilung dieser Emissionsrechte legen. 2004 soll dann die Europäische Union prüfen, ob die Vorschläge mit dem Wettbewerbsrecht vereinbar sind. Danach können die Behörden vom Jahr 2005 an die ersten Emissionsrechte für Treibhausgase ausgeben.

Allerdings bleibt noch eine Klippe: Man kann den Unternehmen nicht einfach Zertifikate für ihre derzeitigen Emissionen geben. Das wäre nämlich ein Nachteil für die vorbildlichen Firmen, die schon vor einigen Jahren ihren Energieverbrauch gedrosselt und vermehrt erneuerbare Energiequellen eingesetzt haben. Während diese Vorreiter nur sehr wenige „Treibhausgas-Aktien“ verkaufen könnten, würden die Nachzügler den großen Reibach machen: Von ihren hohen Emissionswerten kommen sie mit relativ geringem Aufwand herunter und können anschließend die frei werdenden Emissionsrechte für gutes Geld verkaufen.

Suche nach dem idealen Basisjahr

Um solche Ungerechtigkeiten zu vermeiden, könnte man zum Beispiel einfach das Jahr 1990 als Startjahr nehmen: Jedes Unternehmen würde dann Zertifikate für die damaligen Emissionen bekommen. Vorher wurde die Klimaerwärmung in der Öffentlichkeit und in Wirtschaftskreisen praktisch nicht diskutiert und floss daher auch kaum in die Entscheidungen der Unternehmen ein. Das „ideale“ Basisjahr 1990 scheidet allerdings aus einem einfachen Grund aus: Es fehlen die Daten. Also wird wohl ein Jahr der jüngeren Vergangenheit zur Basis genommen werden müssen.

Wie aber soll ein „Gerechtigkeitsfaktor“ aussehen, der alle bis dahin erfolgten Sparmaßnahmen in punkto Treibhausgas-Emissionen berücksichtigt? Eine Einzelfallprüfung wäre zwar möglich, aber mit viel Aufwand verknüpft. Als Alternative bietet sich das so genannte „Benchmarking“ an, das man mit dem Begriff „Orientierungsmarke“ ins Deutsche übersetzen könnte: Damit rechnet man gemeinsam aus, welche Emissionen bei den Unternehmen in einer Branche zurzeit im Durchschnitt üblich sind.

Das ergäbe zum Beispiel Zahlen, wie viel Kohlendioxid bei der Produktion von einer Tonne Papier im Durchschnitt in die Luft geblasen wird. Unabhängig von der tatsächlichen Menge an Treibhausgasen bekommt jede Papierfabrik genau die Emissionswerte zugeteilt, die bei der jeweiligen Produktionsmenge „branchenüblich“ wären. Dieses „über einen Kamm scheren“ ist gerechter, als es auf den ersten Blick aussieht. Wer nämlich in den letzten Jahren kräftig investiert hat, daher viel Energie spart und tatsächlich nur die Hälfte der Durchschnittswerte frei setzt, hat dann die zweite Hälfte „seiner“ Emissionsrechte übrig. Verkauft er sie meistbietend, kann er einen Teil der Investitionskosten wieder hereinholen und stellt fest, dass sich Energiesparen doppelt lohnt.

Erneut klingt das Rezept einfach und wieder liegen die Schwierigkeiten im Detail. So ist es gar nicht einfach, die jeweiligen Durchschnittswerte zu ermitteln, weil zum Beispiel „Papier nicht gleich Papier“ ist. Wer Hochglanzpapier herstellt wird sicher höhere Kohlendioxidwerte haben als der Produzent von Zeitungspapier.

Aber auch wenn diese Hürden überwunden sind, lauern noch eine Reihe von Fallstricken: So müssen in relativ kurzer Zeit Wege gefunden werden, die Emissionen aus oft sehr unterschiedlichen Anlagen zu einer Orientierungsmarke zusammenzufassen. Die Verantwortlichen müssen entscheiden, ob Subventionen und Förderungen für Emissionsminderungen, die in der Vergangenheit gezahlt worden sind, bei den neuen Zertifikaten berücksichtigt werden oder nicht. An der Lösung dieser Probleme arbeiten die Wissenschaftler gerade. RHK

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben